Motorboot mit dem Namen 'Zeehond' im Hafen von Münster mit moderner Architektur im Hintergrund unter blauem Himmel mit freundlichen Wolken

Ein ganzer Monat ist vergangen, seit die Reiserin ihr Herz für Münster entdeckt hat. An diesem Wochenende war sie zum zweiten Mal da; wieder, um sich fortzubilden. Und damit ist auch schon das Dilemma auf dem Tisch: Sie ist nämlich jeweils nach Feierabend so fix und alle, dass sie gerade noch beseelt vom Neugelernten in die Unterkunft wanken und dort ins Bett fallen kann. Ein wenig zu kurz kommt dabei das Erkunden der Stadt. Das muss besser werden!

Song des Tages (unten mehr dazu)

Bis dahin vertieft sie ihre Bekanntschaft auf dem inzwischen schon vertrauten Fußweg zwischen Bahnhof und Hafen, weicht immer geschickter den in Lichtgeschwindigkeit vorbeibrausenden Fahrrädern* aus und freut sich über die neuen Entdeckungen am Wegesrand. Dabei helfen die Mitlernende, davon ein paar gebürtige Münsteranerinnen und Münsteraner, tatkräftig und lokalpatriotisch mit.

Hafen von Münster, auf dem Wasser ein Ausflugsboot mit dem Namen "MS Günther" und mehreren modernen Gebäuden im Hintergrund
Ein Boot namens Günther

MS Günther

Unter anderem machten sie sie mit der MS Günther bekannt. Dieses Veranstaltungsboot, ursprünglich 1910 in den Niederlanden vom Stapel gelaufen, ist heute nach dem Quizmaster Günther Jauch benannt. In dessen Ratesendung versprach ein Kandidat im Jahr 2015, dass er, wenn er die Million gewinnt, ein solches Boot erwirbt und dem Moderator zu Ehren taufen wird. Und das tat er. Genauer gesagt, er meldete sich als Kandidat, um das Geld für das Schiff zu gewinnen. Das war nämlich sein Traum.

Der Gewinner, ein Psychologe und nicht ganz unbekannter Bestseller-Autor und Podcaster namens Leon Windscheid, betreibt seither das Boot mit seinem Kompagnon als Eventschiff. Jedes Mal, wenn die MS Günther am Hafenbecken vor dem Fenster der Fortbildungsstätte vorbeituckerte, und das war an diesem Samstag mehrfach, musste die Reiserin sich am Riemen reißen, um nicht zum Fenster zu rennen, weil das alles so putzig ist. Die einheimischen Mitlernenden lächelten milde und wohl auch ein wenig stolz. Unnötig zu erwähnen, dass auch Günther Jauch Münsteraner ist.

Lord und Bohème

Eine der Veranstaltungsreihen auf der MS Günther heißt „Abendbrot im Abendrot“ – und das kann kein Zufall sein: Wer in Münster eine Gastronomie betreibt, gibt sich ganz offensichtlich Mühe bei der Namensfindung. Zwischen „Lord of Döner“ für einen türkisch-arabischen Schnellimbiss, „Bohème Boulette“ für das ironisch neudeutsche Gegenstück und der neulich entdeckten „Watusi Bar“ liegen nur wenige Fußminuten und die Reiserin ist sicher, dass das nur der Anfang ist. Wir bleiben dran!

Los die Leezen*!

Sie sind nicht nur schnell und überall. Sie heißen in Münster auch „Leezen“: Fahrräder. Der Begriff stammt aus der historischen Geheimsprache in den Arbeitervierteln der Stadt, die „Masematte“ genannt wurde und zur altertümlichen Gaunersprache namens „Rotwelsch“ gehört. Geht es noch uriger?

Blick auf eine belebte Straße in der Stadt bei Nacht mit beleuchteten Gebäuden und Bäumen, erleuchtet vom Blaulicht mehrerer Polizeifahrzeuge
Polizeiblau erleuchtet die Nacht – Münster vor Sonnenaufgang

Big in Japan

Wer denkt, bei den Drogenprofis am Bahnhof Zoo in Berlin sei nachts höchstmöglicher Rabatz, der schreckte noch nie an einem frühen Sonntagmorgen im akustischen Einzugsgebiet des Münsteraner Hauptbahnhofs aus dem Schlaf: Was die hier in erstaunlich hoher Zahl vertretenen Besuffskis, Zudröhnprofis und Hardcore Partypeople veranstalten, kann es ohne Weiteres mit den zahlenmäßig überlegenen Gleichgesinnten in der Hauptstadt aufnehmen.

Diesmal wohnte die Reiserin im alteingesessenen Komforthotel „Conti“ am Bahnhofplatz und war sehr zufrieden mit ihren Hochleistungsohrstöpseln. Leider nützten diese aber wenig ohne maximalverdunkelnde Schlafbrille. Eine normale Augenabdeckung hielt dem energischen Geblinke des Großaufgebots an Polizei- und Notarztwagen kurz vor Sonnenaufgang nicht stand, und die Lightshow erhellte das Zimmer im 6. Stock zur Großraumdisco kurz nach dem Durchbruch von Modern Talking. Nach dem Einsatz war dann immerhin kurz Ruhe bei den Drogis. Für ungefähr 10 Minuten.

Fenster mit halb geöffneten hellen Vorhängen und kleinem Blumentopf auf der Fensterbank vor pastellfarbenem Himmel
Der Himmel über Münster

Draußen nur Hähnchen

A propos Berlin: Auf gar keinen Fall sollte man den Fehler begehen, der der Reiserin unterlief: Die drei Hotelinformationen „Bistro“, „Zimmerservice“ und „rund um die Uhr besetzte Reception“ verrührte ihr hauptstadtverwöhntes Untebewusstsein nämlich zu „da wird man nach Ankunft des Zuges abends ja bestimmt noch was zu Essen bekommen“. In ihren kühnsten Träumen stellte sie sich sogar schon vor, dieses nonchalant, eloquent und weltgewandt aufs Zimmer zu ordern, aber auch Tablettselbsthochbugsieren wäre okay.

Leider war der Gastrofachmann im Bistro aber dafür nicht zu gewinnen. „Wissen Sie, wie spät es ist…?“ quetschte er fassungslos, als die Reiserin kundtat, nicht den mit dem Schlüssel ausgehändigten Gutschein für ein Glas Sekt einlösen, sondern eventuell eine Kleinigkeit zum Essen bestellen zu wollen. Um 22 Uhr und 5 Minuten. „An einem Wochentag!“ Da wird von anständigen Christenmenschen in Münster offenbar nicht mehr gegessen. Als sie, vom Hunger etwas verzweifelt, schüchtern nachfragte, ob es womöglich wenigstens ein Brot, Salat oder etwas Vergleichbares gäbe, schlug er ihr vor, beim öligen Nachtimbiss an der Ecke ein halbes Hähnchen zu erwerben. „Das können sie aufs Zimmer nehmen!“ Davon sah sie dann allerdings ab und ging hungrig ins Bett.

Ansonsten war es aber schön im Conti.

Kopfsteinpflasterweg am Wasser mit modernen Gebäuden links und rechts unter blauem Himmel, Sonne strahlt hinter freundlichen Wolken hervor
Am Hafen ist es immer schön

Ist Münster ein Match?

Abgekühlt ist die Begeisterung über Münster natürlich noch nicht. Aber ob man sich auf Dauer so richtig etwas zu sagen hat, wird sich noch zeigen müssen. Im Juni steht die nächste Fahrt an.

Der Song des Tages ist heute „Big in Japan“, der erste große Hit der in den 1980er Jahren in Münster gegründeten Band „Alphaville“. Das Stück handelt vom Alltag von sich prostituierenden Drogensüchtigen. Darin verarbeitete der Sänger Marian Gold seine Zeit am Bahnhof Zoo in Berlin. Der Song ist 42 Jahre alt und klingt immer noch gut. Leider ist auch das Thema noch aktuell und hässlicher denn je.