Zwei nebeneinanderstehende alte Holzhäuser, eines davon in der Mitte zerbrochen und schräg geneigt, vor bewölktem Himmel

Wir saßen noch eine Weile im Hotel in Achalziche, genossen den späten Check-Out, der einen in Georgien immer bis 12 Uhr Zeit lässt, tranken einen Kaffee und teilten uns ein Katschapuri – ein Fladenbrot mit Käse zum Frühstück. Das Thema „Plüschbär“ (Link) umgingen wir beide geschickt.

Song des Tages: „One Way Ticket” von Eruption (mehr dazu unten)

Heute sollte es weiter in Richtung Batumi gehen, eine der spektakulärsten Routen unseres Roadtrips durch Georgien stand an: die Fahrt über den Goderzi-Pass im Kleinen Kaukasus. Seit Tagen überlegten wir, ob wir dort, in den Bergen, noch einmal eine Nacht Pause machen sollten. Oder sollen wir gleich direkt bis Batumi am Schwarzen Meer fahren? Diese Variante fanden wir reizvoller. Mal eben das seit Langem für die letzten Nächte gebuchte Hotel gecheckt, ob wir schon eine Nacht früher kommen können – und PENG! traf uns der Schlag.

Jenseits des Passes: dubiose Geschäftemacher bei den Unterkünften

Unser Hotel bekam gerade die aktuelle Bewertung eines Spaniers rein: Totalausfall! Überall dreckig, Prostituierte in der Lobby, keine Erreichbarkeit der Vermieter, unter Nötigung bar bezahlt – Geld futsch. Wir recherchierten ein wenig und fanden Unschönes über die Gepflogenheiten in Batumi heraus: Direkt am Meer gibt es viele neue, stylische Wolkenkratzer, in denen bekannte Hotels residieren. Auch unsere gebuchte Unterkunft hatte einen klangvoll Namen. Doch offenbar ist das ein beliebter Trick: Die mehr oder weniger international bekannten Hotels bewirtschaften nur die unteren Etagen, während in den oberen Stockwerken Eigentumswohnungen von privaten Vermietern angeboten werden, die sich auf den gängigen Vermittlungsportalen mit den Namen der unten agierenden Hotels schmücken, und man denkt, man bucht bei den bekannten Hotels. Pustekuchen.

Andererseits sind die Gepflogenheiten vieler, auch seriöser, georgischen Vermieter so, dass sie die großen Plattformen als Vermittler nutzen, aber das Geschäft dann gern privat abwickeln. Bezahlt werden soll im Quartier und am liebsten bar. Also was tun?, stellte sich uns die Frage. „Als erstes stornieren wir diese Bude!“, entschied die Reiserin. Versiffte Hotelzimmer und Prostituierte in der Lobby wollten wir ganz bestimmt nicht. HerrBert suchte währenddessen eine Alternative. An der Strandpromenade sollte es ebenfalls liegen, und gerne auch mit Aussicht. Wir fanden ein gut bewertetes, aber noch ziemlich neues Angebot ein Hochhaus weiter, das ebenfalls ein internationales Luxushotel beherbergte. Was, wenn es hier ebenfalls ein Trick war? Wir brieften uns selbst: keine Bezahlung, bevor wir die Unterkunft gesehen haben, und wenn wir einen schlechten Eindruck haben: Abbruch.

Kaum gebucht, schon plingte das Handy und der Vermieter meldete sich: Nur Barzahlung und wir sollen Bescheid geben, wann wir eintreffen. Hm, warum eigentlich? Die Unterkunft warb schließlich mit 24/7-Rezeption. Und wir waren ja noch nicht mal losgefahren, und hatten keine Ahnung, wie lange die Fahrt über den Goderzi-Pass wirklich dauern würde. „Wir melden uns eine Stunde vor Ankunft“, schrieben wir, und machten uns mit etwas mulmigen Gefühl auf den Weg…

Endlich auf dem Weg

Innenraum einer orthodoxen Kirche mit bemalten Wänden, einem großen weißen Kreuz und mehreren hölzernen Lesepulten
Im Zarzma-Kloster

Wir fuhren erstmal eine ganze Weile am Otskhe-Fluss und danach am Kvabliani entlang durch hügeliges Grün. Hier, im Herzland, ist Georgien weitläufig, üppig und urig. An einer kleinen Seitenstraße schlug HerrBert das Steuer ein und ließ den Jeep eine steile Straße hochkeuchen. An deren Ende lag das Zarzma-Kloster, und das wollte er sehen.

Alter blauer Lastwagen mit Holzpritsche steht auf unbefestigtem Weg vor Bäumen
Auf dem Weg zum Zarzma-Kloster

Schon auf dem Weg war er begeistert: Ein sowjetischer Lastwagen am Straßenrand weckte sein Interesse, und auch dem Militärfahrzeug, das dort vor sich hin rostete, warf er ein paar Blicke zu. Während wir vor dem kleinen Kloster parkten, sahen wir eine ältere Dame mit einem kleinen Mädchen die steile Straße hinaufschnaufen. Später im Kloster sah HerrBert die beiden wieder: Offenbar hatte die Oma ihre Enkelin zur Segnung hier hochgebracht. Der Geistliche strich ihr übers Haar und murmelte allerhand, und nachher gingen die beiden leichtfüßig wieder davon.

Wo ist der Pass?

Weiter ging es gemächlich bergauf durch grüne Hügel. „Wann kommt denn eigentlich jetzt der Pass?“, wollte die Reiserin irgendwann wissen. Der Goderzi-Pass, 2047 Meter hoch, gilt als eine der schönsten Pass-Überquerungen Georgiens. Er führt durch den Kleinen Kaukasus, der das Inland mit der Schwarzmeerküste verbindet.

Leerstehender, altmodischer grüner Verkaufsstand auf einem Schotterweg vor bewaldetem Hügel mit Nadelbäumen und bewölktem Himmel
Im Kleinen Kaukasus

Aufmerksam suchten wir nach dem Wegweiser nach Beshumi. Dieser Kurort soll eine Art Sommerfrische für die hitzegeplagte Bevölkerung von Batumi darstellen, die, wie HerrBert berichtete, Bartumelebi genannt werden. Das hatte er irgendwo gelesen. „Guck mal, ein sowjetischer Wegweiser“, jauchzte die Reiserin, als an einer Straßenkreuzung eine hohe Tafel auftauchte. Und tatsächlich verwies ein Pfeil nach Beshumi, und HerrBert steuerte in einen rumpeligen Bergweg, der in eine steile Senke führte.

Jetzt kamen wir aus dem Staunen kaum mehr heraus. Auf einmal überall Hütten und Häuser. Wo bisher Weite und Einsamkeit herrschten, standen hier die Gebäude dicht an dicht über die weiten Wiesen gesetzt. Einige nagelneu, andere völlig zerfallen oder so steil und mit streichholzdünnen Stützen an die Hänge gebaut, dass man kaum hinsehen konnte. Viele waren mit Wellblech verkleidet, oft ganz ohne Fenster. Was sind das für Gebäude und warum machen die Georgier das? Wir sollten es nicht herausfinden. Aussteigen wollten wir nicht. Ganz offensichtlich waren viele der Häuser bewohnt, und wir wollten nicht aufdringlich sein.

Die Reiserin täuscht sich

Wegweiser mit vier Schildern in georgischer und lateinischer Schrift auf einer ländlichen Straße mit grünen Hügeln und verstreuten Häusern im Hintergrund
Leider übersahen wir, dass der Wegweiser auch die Passhöhe markierte

Zwanzig Minuten später standen wir wieder an der Kreuzung, wo wir abgebogen waren, und steuerten diesmal den Jeep in Richtung Batumi. Als kurz nach dem großen Wegweiser die Straße nur noch bergab ging, dämmerte uns, dass dieses Monument auch den obersten Punkt des Passes und gewissermaßen den Höhepunkt der Fahrt markiert hatte. War uns leider entgangen…

Weil sich die Reiserin gerne um Optimismus bemüht, merkte sie an, dass die Straße doch erfreulich gut und ja wohl in den letzten Jahren neu gemacht worden sei. Wir hatten nämlich in älteren Reiseberichten und Blogs gelesen, dass diese Passstraße an vielen Stellen nur mit einem Allradfahrzeug und nur von geübten Fahrenden bewältigt werden könnte.

„Das schreiben wir dann gleich im Blog, dass sich das mit den Schotterpisten inzwischen erledigt hat“, meinte die Reiserin frohgemut und voller Aufklärungsdrang. In diesem Moment begann unser Jeep zu rumpeln. Der Asphalt war nämlich plötzlich weg und wir waren auf einer Schotterpiste.

Um es vorweg zu nehmen: Für die zweite Hälfte des Wegs über den Goderzi-Pass – zwischen Achalziche und Batumi liegen 165 Kilometer, für die das Navi etwa 4 Stunden veranschlagt – brauchten wir fast doppelt so lange wie für den ersten Teil. Immer wieder schlidderten wir über Abschnitte von dreißig, fünfzig oder einhundert Metern, die nicht asphaltiert waren, und uns trotz HerrBerts sehr gekonnter Fahrweise ordentlich durchschüttelten.

Baustellen und Schotterpiste

Blick aus einem Fahrzeug auf eine unbefestigte Straße mit einem weißen Transporter und einem Lastwagen vor Staubwolken
Passfahrt mit Baustellenbegleitung

Noch ein bisschen spannender wurde die Strecke durch die massiven Straßenbaustellen, die uns bei laufendem Fahrbetrieb den zweiten Teil der Route begleiteten: Schwerlaster voller Geröll, staubige Muldenkipper und hin und wieder ein rangierender Bagger fädelten sich ungerührt in den Personenverkehr, staubten ordentlich, und da es auf Schotterpisten natürlich keinen Mittelstreifen gibt, und der Verkehr zweispurig verläuft, war oft Zirkeln angesagt.

Der Straßenverkehr am Goderzi-Pass wird offenbar auch bei laufenden Straßenarbeiten nie vollends gesperrt, denn es gibt für diese Strecke keine Alternative. Etliche Male fuhren wir über frischen Asphalt, an Baggern und Arbeitern mit Schaufeln in den Händen vorbei. Manchmal winkten uns westentragende Arbeiter mit Go und Stop-Kelle durch das Chaos, manchmal mussten wir selbst zusehen, wie wir wir an den anderen vorbeikamen.

Die georgischen Autofahrer sind nicht nur draufgängerisch, sondern auch sehr geschmeidig. Niemand nimmt es übel, wenn man auch in unübersichtlichen Kurven schwer schnaufende Laster überholt – man hofft halt einfach, dass keiner entgegenkommt. Und wenn einer entgegenkommt, weicht man sich ein wenig aus und alles geht immer wieder gut. Das kommt HerrBert entgegen. Wenn er etwas nicht mag, ist es, langsamer als nötig hinter einem Fahrzeug herzuzockeln.

Am besten schnell noch den langsamen LKW vor uns überholen, damit man nicht im Schritttempo in der Baustelle hinter ihm her tröten muss, denkt er sich also, als wir ungefähr eine Viertelstunde lang bei der Herunterfahrt sind. Dann kommt der Verkehr vollends zum Erliegen. HerrBert wollte gerade zum Überholen der vor ihm stehenden LKWs ansetzen, als er mehr erahnte denn sah, dass diesmal nicht dieser LKW der Verursacher des Schritttempos war.

Da kam ihm auch schon ein anderer, extrem langer und schwerbeladener LKW auf der Schotterpiste von der anderen Fahrbahn entgegen gekrochen. Hier wurde nämlich ein Erdrutsch repariert und die Straße war auf einmal noch enger und nur einspurig. Nur abwechslungsweise konnten die von oben oder die von unten kommenden Fahrzeuge ein Stück vorwärts fahren. Leitplanken waren an diesem Stück natürlich Fehlanzeige.

Voller Bewunderung beobachtet die Reiserin schon seit unserem ersten Tag in Georgien, wie sehr HerrBert die großmütige, umsichtige und nur wenig orthodoxe Fahrweise liegt, die die Georgier auch in solchen extremen Verkehrsverhältnissen praktizieren. Während er entspannt alle Kurven und Schotterpisten bewältigte, guckte sie immer mal wieder auf das wild hin- und herschwingende Perlenkreuz, das wir als Amulett für unseren Jeep im Gergeti-Kloster im Großen Kaukasus erworben hatten. Hin und wieder warf sie auch einen Blick auf die spektakuläre Weite zwischen den bewaldeten Hängen und die harmonische Schönheit der Gebirgslandschaft.

Straßenschild mit Richtungspfeil und den Ortsnamen Kvemo Vashlvani und Batumi in lateinischer und georgischer Schrift neben einem kleinen gemauerten Unterstand an einer kurvigen Straße im Grünen
Batumi, wir kommen!

Pass überquert: Ballons und Torte

Ein großer Teil der Straßenarbeiten waren hinter uns, als wir durch die kleine Ortschaft Kuhlo fuhren. Eine Menschenmenge hatte sich am Rand der Durchfahrtsstraße an einem kleinen Platz im Zentrum eingefunden, doch alle kehrten den Autos den Rücken zu. Ihr Interesse und eine lautstarke Begeisterung galten einem Gebäude, das mit bunten Luftballons geschmückt war. Dann erkannten wir im Vorbeifahren endlich, wozu der ganze Trubel war: Ein neuer SPAR-Supermarkt wurde eröffnet! Wenn das kein Grund zum Jubeln ist!

Menschenmenge am Straßenrand vor einem Gebäude mit roten und weißen Luftballons, aufgenommen aus einem Fahrzeug heraus
In Kuhlo die neue SPAR-Filiale bewundern

Auch für uns stand noch ein Highlight an: die Dandalo-Brücke über den Acharistsqali-Fluss: eine dramatisch gebogene, geländerlose Steinbrücke aus dem Mittelalter. Entschlossen hielt HerrBert am Rand der Brücke und stiefelte sogleich los, um den ziemlich bröselig wirkenden Steinbogen zu überqueren.

Person in weißer Hose und schwarzem Oberteil steht auf einem steinernen Bogenbrücke über einen Fluss, umgeben von dichtem Grün
Bloß nicht stolpern!

Die Reiserin hielt sich etwas abseits und beobachtete mit Staunen und Ehrfurcht, wie eine Frau nicht nur in hochhackigen Sandälchen die kopfsteinartige Wölbung erklomm, sondern dabei in der Hand auch noch eine geschmückte Geburstagstorte balancierte. Auf der anderen Seite der Brücke standen Picknicktische, und offensichtlich gab es dort etwas zu feiern. Kurz darauf folgte nämlich ein Mann mit einem großen Strauß Blumen und eine junge Frau im festlichen Kleid.

Batumi, wir kommen!

Und dann waren auch wir endlich auf der anderen Seite – des Gebirges. Es war eine wunderschöne und auch anstrengende Überfahrt gewesen, doch jetzt winkte das Schwarze Meer. Und unser Vermieter wartete. Fast unmittelbar wurde die Straße gerade und die Landschaft eben. Die Berge und Täler blieben zurück und der Fluss bildete auf dem Weg zur Mündung ein Delta, an dem entlang wir auf die große Stadt zu fuhren.

Während das Abendlicht golden wurde, überlegten wir, wo wir am besten das Bargeld für drei nicht übermäßig günstige Übernachtungen hernehmen, und was wir im schlimmsten Fall einer unakzeptablen Unterkunft machen würden. Während wir alle Varianten von „Davonrennen“ bis „eine Nacht halten wir schon aus“ durchspielten, tauchten vor uns die ersten Wolkenkratzer von Batumi auf, und wir stellten fest, dass Batumi vollkommen anders ist als alles, was wir uns vorgestellt hatten…

Straße mit mehreren Autos, umgeben von hohen modernen und älteren Wohngebäuden sowie Baukränen im Hintergrund vor hellblauem Himmel
Batumi ist viel schöner, als der erste Eindruck verheißt

Drei Bargeldabhebungen, da der größtmögliche Auszahlungsbetrag am Automaten relativ geringfügig ausfiel, und fünf Umrundungen des 39 Stockwerke hohen Alliance Palace – Courtyard by Marriott – später war das Auto in der Tiefgarage und wir ließen uns erwartungsvoll in die eleganten Designersofas der unterkühlten Lobby plumpsen. Hier war es nicht gedämpft und gediegen wie im Luxus-Hotel, aber doch relativ zwielichtfrei.

Auf unsere Nachricht hin, dass wir nun da seien, trat ein junger Mann in legerer Bekleidung auf uns zu, der uns kurz grußlos, aber nicht unfreundlich musterte, und dann sofort zu den Fahrstühlen voranging. Als er dort auf die 25 drückte, waren wir erstmal begeistert. Oben ist immer gut. Am Ende eines langen Flures wies uns der Weißgekleidete wortlos durch eine Tür in ein Apartment, das ein wenig wie von einer KI eingerichtet wirkte: alles da, alles beige, und Wahnsinnsaussicht. Alles war pikobello sauber und es sprach nichts gegen ein vertrauensvolles Agreement, bei dem nun das Kapitel „Geldübergabe“ anstand.

Geldübergabe wie im Agentenfilm

Oberkörper und Hände einer Person in weißem T-Shirt und beigen Shorts, die Geldscheine hält und zählt, neben einem Tisch mit Smartphone und einem beigen Stuhl
Aufnahme läuft: 1100…1200 Lari

„Money?“, fragten wir. Der Weißgekleidete nickte mit dem Gesichtsausdruck der Sorte „Was sonst?“ Sobald HerrBert ihm ein Bündel mit zwölfhundert GEL, umgerechnet vierhundert Euro, ausgehändigt hatte und er zu zählen begann, filmte die Reiserin. Quittung, so hatte er auf unsere Anfrage am Morgen nämlich geantwortet, gäbe es „per E-Mail“. Das war uns jetzt aber nicht von Nutzen. Zum Schluss fotografierte auch HerrBert das Geldbündel sowie die Buchungsnummer vom Buchungsportal, die der junge Mann auf seinem Handybildschirm bereitwillig vorzeigte. Hinterher schüttelten wir die Köpfe. War das jetzt gut oder komisch? Alle unsere Bedenken hatten sich aufgelöst. Wir waren in Batumi, standen auf unserem Balkon im 25. Stock, sahen die Sonne langsam im Meer versinken und alles war gut.

Der Song des Tages ist heute „One Way ticket“ von Eruption, denn in Batumi vergeht keine Nacht, in der dieser Song nicht von jeglichen Coverbands und Karaoke-Talenten mehrfach, auch hintereinander geschmettert wird.

Was bisher geschah: hier.