Skulptur aus mehreren übereinander angeordneten, ovalen, metallisch wirkenden Scheiben auf einem Steg am Strand mit zwei Kühen im Vordergrund

Nach zwei erlebnisreichen Tagen in Batumi hieß es Abschied nehmen. Aber nicht bevor wir dem Octopus, oder auch Café Fantasy genannten Wahrzeichen noch einen Besuch abgestattet haben. Die Reiserin hatte davon gelesen und kam nicht darüber hinweg, dass wir an unserem ersten Tag in Batumi praktisch daran vorbeigelaufen waren.

Der Octopus ist eine Art mosaikbesetzter Pavillon aus dem Jahr 1975, der die bunte Unterwasserwelt darstellt. Dabei bilden die acht Arme des Octopus Arkaden, durch die man in sein Inneres gelangt. Dort stellt sein Maul eine Art Kiosk dar, der als Caféstand dient, aber zu unserem Leidwesen bei unserem Besuch geschlossen war. Die Außenseite des Octopus ist mit verschiedenen Meeresbewohnern verziert: Delphine, die als Symbol Batumis gelten, Fische in allen Farben, Seesterne und Seepferdchen.

Nach einem kurzen, wie immer schon späten Frühstück im Café gegenüber, ist es aber nun wirklich Zeit für den Aufbruch. Wir verlassen Batumi Richtung Norden, passieren nochmal den Hafen, kommen am prächtigen Bahnhof vorbei. Die Ruine des Romanow-Palastes müssen wir unbesucht lassen, denn die Zeit drängt. Wir wollen heute noch bis Anaklia und von dort dann nach Kutaisi, wo vor zwei Wochen, die uns wie zwei Monate vorkommen, unser Roadtrip durch Georgien begann, und wo morgen unser Flug zurück nach Berlin geht.

Schweinchen im Dreieck

Die Landschaft nördlich von Batumi ist gebirgig und bewaldet. Zwischen dem satten Grün der Bäume sehen wir solide Häuser mit Terrassen, hier sieht es nach „besserem Vorort“ oder Sommerfrische in Meeresnähe aus – das, was wir uns neulich auf dem Goderzi-Pass vorgestellt hatten, als wir hörten, hier hätten die Bewohner von Batumi ihre Feriendomizile.

Hinter Poti müssen wir ins Landesinnere, es gibt keine Straße weiter am Meer entlang. Wir schlagen uns über kleine Straßen durch die Dörfer. Nachdem wir uns schon seit dem ersten Tag in Georgien an Kühe als Teilnehmer des Straßenverkehrs gewöhnt haben, kommen hier auch immer mehr muntere, agile Schweine hinzu. Sie sind zum Teil mit einem dreieckigen, aus kleinen Holztöcken zusammengesetzten Halsjoch versehen.

Die Reiserin ist empört, und findet dann heraus, dass das Joch die Schweine daran hindert, sich unter Zäunen hindurchzugraben oder auf andere Weise die kleinlandwirtschaftlichen Flächen in den Dörfern zu verwüsten. Ansonsten scheinen die Konstrukte die freilaufenden Schweine nicht zu stören. Im Vorbeifahren sehen wir direkt am Straßenrand auch welche, die sich davon nicht mal am Erzeugen weiterer kleiner Schweinchen hindern lassen.

Die Zukunft war schon hier, zog dann aber weiter….

Kurz vor Anaklia fängt das Navi an, ein wenig zu spinnen. Immer öfter gibt es verschiedene Routen, die während der Fahrt wechseln, und irgendwie müssen wir uns auch entscheiden, was wir zuerst sehen möchten: Die bizarre Skulptur am Pier oder der futuristische, unvollendete Leuchtturm von Anaklia. Von beidem haben wir faszinierende Bilder im Internet gesehen, die unsere Neugier weckten. Beide sind direkt am Meer gelegen und nicht mal eine Handvoll Kilometer Luftlinie voneinander entfernt.

Wir entscheiden uns als Erstes für die über 30 Meter hohe Skulptur am Pier von Lazika. Die letzten Kilometer davor wird die Straße durch die dörfliche Landschaft auf einmal schlagartig besser: Hier wurde schon mal für die Zukunft asphaltiert. Doch dann endet der Asphalt abrupt wieder. Kurz vor der Küste ist der Weg extrem holperig. Er führt an einem kleinen Hotel vorbei und entlang einem pastellfarben Gebäuderiegel, der heute als Quartier für Flüchtlinge oder Vertriebene des Kaukasus-Krieges zu dienen scheint, aber menschenleer ist. Scheinbar direkt in der Brandung grüßt schon die Skulptur, ein über 30 Meter hoher, gleichzeitig kolossal und fast schwerelos wirkender Metallturm, der im silbernen Licht der Brandung schillert.

Über einen verlassenen, halb zugewucherten Kreisverkehr ginge es auf der einen Seite zur „Maschine“, wie wir ein riesiges, futuristisches Haus mit der Anmutung einer verlassenen Skiliftstation spontan nennen, die ohne jeden Kommentar in Form einer Tafel oder Beschriftung im Nirgendwo steht. In Richtung Meer ist die Landschaft jetzt auf einmal mit einer unüberschaubaren Anzahl von verwinkelten Panzersperren aus Beton überschüttet.

Eine Skulptur und viele Tetrapoden, wie die Wellenbrecher heißen

Dazwischen hindurch schlängeln wir uns über die eine Schotterpiste zum Pier an deren Ende die Skulptur steht, und der hundert Meter ins Meer reicht. Unterhalb der Pier im Sand des Schwarzmeerstrandes haben es sich Kühe bequem gemacht, die uns mit großen Augen ansehen und zu fragen scheinen, warum wir ausgerechnet ihr friedliches Dasein stören. „Weil ihr so einen einzigartigen Kontrast bildet, mit dem Pier und der Skulptur“ antworten wir ihnen, und wie zur Zustimmung nickend – achso! – widmen sie sich wieder ihrer Futtersuche. Wir nehmen die paar Stufen zur Pier hinauf und spazieren in Richtung des bizarren und beeindruckend ästhetischen Objektes, das direkt vor der Brandung hoch in den Himmel ragt.

Nur die Skulptur blieb von der Vision übrig

Die Skulptur bildete 2012 den Startschuss für das Projekt Lazika. Unter diesem Namen sollte hier eine futuristische Planstadt und der größte Tiefseehafen Georgiens entstehen. Der damalige Präsident Michail Saakaschwili initiierte dieses Projekt, das nach britischem Recht operieren sollte, um Investoren anzulocken. Fünfhunderttausend Bewohner sollte Lazika einmal haben. Doch nach dem Regierungswechsel 2012 wurde der Plan von Lazika wegen einer Vielzahl von Problemen als utopisch und nicht umsetzbar bewertet.

Geschaffen hat die Skulptur der Berliner Künstler und Architekt Jürgen Mayer H. Eine ähnliche Skulptur von ihm steht auch in Sevilla. Die hier besteht aus 8 mm dicken, präzisionsgeschnittenen Stahlplatten, die zu sieben aufeinander stehenden Blobs angeordnet sind. Die übereinandergestapelten ovalen Formen erinnern aus der Ferne ein wenig an geschichtete Kieselsteine, die für die georgische Schwarzmeerküste mit ihrem Kieselstrand so typisch sind. Mit dieser markanten Skulptur gewann der Künstler 2014 den renommierten Architizer A+ Award.

Und nun ist sie, umgeben nur von Kühen, ein paar Anglern, uns und dem rauschenden Meer hier, und erinnert an eine Zukunft, die nie stattfand.

Als wir, ein bisschen melancholisch, zum Auto zurück gehen, fällt HerrBert ein, dass er ja eigentlich seine Drohne hätte durch die Blobs schicken können. Ojeh, das hätte bestimmt die allerschönsten Bilder und ungeahnte Perspektiven des Kunstwerks ergeben. Aber dies nun noch nachholen möchte er auch nicht. Stattdessen wird er an dem verlassenen, blockartigen Gebäude, das wir „Maschine“ tauften und in dessen Nähe der Jeep steht, das Dröhnchen alle Höhen und Winkel des bizarren Baus erkunden lassen. Mit dem Drohnentäschen in der Hand nähert sich HerrBert der Maschine.

Die Zukunft war schon hier, zog dann aber weiter

Ein Hund fängt an zu bellen und weckt wohl damit einen Security-Mann auf, der kurz darauf aus seinem Wachhäuschen kommt und abwehrend mit den Händen winkt. Wo kommt der nun plötzlich her? Aus der Zukunft? Oder aus der Vergangenheit? Sein Abwinken scheint in jedem Fall zu bedeuten, dass wir hier nicht erwünscht sind. Später finden wir heraus: Die Maschine ist das ehemalige Stadtverwaltungsgebäude der geplanten Zukunftsstadt.

Anaklia

Wir versuchen unser Glück und folgen dem vom Navi angezeigten Weg ins nur wenige hundert Meter entfernte Anaklia. Auch hier wieder Schotterpiste zwischen den Panzersperren. Doch nach wenigen Metern ist Schluss. Nur die Fundamente einer Brücke reichen nicht aus, um unser Auto und uns auf die andere Seite des Flusses zu bringen. So nehmen wir die gut zwanzig Minuten Umweg in Kauf und fahren alles wieder zurück zur Dorfstraße. Dort begrüßen uns weitere Kühe, Schweine und hin und wieder auch ein paar Pferde am Straßenrand. Die heutige Generation der georgischen Kühe haben kaum noch Fluchtinstinkt. Auch langes Hupen bewirkt kaum noch, dass sich die Tiere von der Straße bewegen. Nicht auszudenken, wie sich das weiterentwickeln würde, wenn sich noch spanisches Blut darunter mischen würde. Dann übernähmen wohl die Kühe die Macht auf Georgiens Straßen.

Aber noch ist es nicht soweit, und als wir in Anaklia ankommen, sind wir erstmal verwirrt. Ein Küstenort im eigentlichen Sinn ist nämlich nicht auszumachen. Zwar gibt es eine palmengesäumte Strandpromenade, die gerade im wunderschönen, satten Nachmittagslicht liegt. Aber es ist kein Mensch zu sehen. Das schicke Hotel mit Pool, das vor ein paar Metern noch auf einer großen Werbetafel angekündigt war, entpuppt sich als Baustelle kurz nach dem Rohbau. Daneben liegt still ein Spaßbad mit hohen Rutschen. Kein Juchzen, kein Kinderschreien, keine seufzenden Eltern. Die paar Angestellten mit ihren leuchtroten T-Shirts sind in der Mehrzahl gegenüber den Gästen.

Wir parken unser Auto am Kreisel davor. In der Hotelbaustelle entdecken wir zwei einzelne Arbeiter bei Messungen. Wieviele Jahren werden sie wohl noch bis zur Fertigstellung des Hotelbaus benötigen? Gegenüber, direkt am Strand, liegt das völlig verrostete Wrack eines einzelnen Schiffes. Es ist die „Seahorse“, über die wir gelesen haben. Dann erst, ein Stück entfernt, sehen wir das, weswegen wir hierhergekommen sind: den nicht fertig gestellten Leuchtturm von Anaklia. Entworfen wurde er von dem russischen Architekten Alexander Bobykin.

Das Auge von Anaklia

Der Leuchtturm, auch „das Auge von Anaklia“ genannt, ist faszinierend schön und majestätisch, und könnte seiner Form nach ein aus der Zukunft gekommener Verwandter der Blob-Skulptur ein paar hundert Meter die Küste herunter sein. Er wirkt nicht wie ein Leuchtturm, sondern sieht aus, als sollte er neben dem Schiffsverkehr auch den Verkehr der Lufttaxis kontrollieren und überdies die Passkontrolle bei den Außerirdischen vornehmen. Erst beim näheren Hinsehen wird klar: Auch hier ist ein lost place, die Scheiben im Erdgeschoss sind eingeworfen, viele Besucher haben hier ihre Zeichen und auch ein paar Hinterlassenschaften gelassen.

Wie die Skulptur sollte der Leuchtturm ein Markenzeichen der neuen Planstadt Lazika mit ihrem Tiefseehafen werden. Aber die Bauarbeiten für den Tiefseehafen und die neue Stadt wurden nie richtig begonnen. Der Leuchtturm, der eigentlich den Seeweg in die neue Stadt mit dem phänomenalen Hafen weisen sollte, blieb blind und stumm.

HerrBert schickt die Drohne auf den Flug. Auch aus der Nähe wirkt der Turm noch spektakulär und macht umso spürbarer, was es bedeutet, wenn eine Utopie auf die Zukunft abgestürzt ist, bevor sie ihr Versprechen einlösen konnte.

Wir steigen wieder ins Auto und nehmen Abschied. Nicht nur von Anaklia und seinem abgesagten Aufbruch in die Zukunft, sondern auch von Georgien. Ein Land, in dem Vergangenheit und Zukunft so unmittelbar aufeinanderprallen wie kaum sonstwo. Madloba* – und bis bald.

*das heißt „Danke“ auf Georgisch.