Fast hätte die Reiserin die traurige Nachricht gar nicht mitbekommen. Zwischen Nachhausekommen aus Georgien und Weiterreisen nach Oberhausen Ende letzter Woche lagen nur wenige Stunden, und die wurden für Handfestes wie Wäschewaschen und Kofferumpacken genutzt. Doch dann tauchte irgendwo die Schlagzeile auf, und die Reiserin musste erfahren, dass Bonnie Tyler gestorben ist.
Song des Tages: „Louisiana Rain” von Bonnie Tyler (mehr dazu unten)
Und das machte sie doch ein ganzes Stück trauriger, als sie erwartet hätte. In den letzten, sagen wir: 50 Jahren, hatte die Sängerin im Leben der Reiserin keine große Rolle mehr gespielt. Davor aber eine wichtige.
Kennengelernt hatte die kleine Reiserin die Sängerin zu einer Zeit, als sie noch keine Möglichkeit hatte, selbständig Musik zu hören. So wusste sie zwar, dass die blonde Bonnie mit einem Song namens „Lost in France“, und kurz darauf noch mit dem Titel „It‘s a Heartache“ erfolgreich war – hatte aber keine Ahnung, wie diese sich anhörten.
Liebe auf den ersten Blick

Aber das war der 6jährigen Reiserin egal. Sie konnte nämlich schon ziemlich lange lesen und darum auch die „Bravo“-Hefte ihrer älteren Schwester ausführlich studieren. Genau dort hatte sie Bonnie Tyler zum ersten Mal gesehen. Es war Liebe auf den ersten Blick.
Warum ihr die zierliche Sängerin gleich so gut gefiel, wusste sie sofort: wegen der Frisur. In den Siebzigerjahren trug die damals 25jährige Bonnie Tyler ihre langen Haare mit einem Mittelscheitel, der den langen Pony rechts und links je in eine symmetrische Welle teilte. Diese Frisur in Kombination mit dem feingeschnittenen Gesicht und den strahlend blauen Augen war für die noch kindliche Reiserin damals der Inbegriff der weiblichen Schönheit. So eine Frisur wollte sie auch, was aber leider wegen ihrer viel zu feinen und fipsigen Haare schon damals nicht möglich war.
Aber auch das war ihr egal. Sie nahm einfach einen Bleistift, und zeichnete die Frisur von Bonnie Tyler immer und immer wieder ab, bis sie die perfekte Kurve der Haarwellen originalgetreu hinbekam. Immer wenn ein neues „Bravo“-Heft erschien und darin wieder Fotos von Bonnie Tyler, die, wie die Reiserin natürlich längst wusste, in Wirklichkeit Gaynor Sullivan hieß und aus einer Ecke der britischen Insel kam, die Wales genannt wurde, passte die Reiserin ihre Skizzen jeweils ein wenig dem neuen Wellengang in Bonnies Haaren an. Das war einfach, denn Bonnie blieb dem Mittelscheitel lange treu. Und die Reiserin blieb Bonnie treu. Ohne jemals eines ihrer Lieder gehört zu haben.

Bauchschmerzen wegen Bonnie
Zum ersten Mal so etwas wie Eifersucht spürte sie, als in der „Bravo“ über ein Meet&Greet, ein Fantreffen in Natura, berichtet wurde, das ein weiblicher Fan mit Bonnie Tyler gewonnen hatte. Die Glückliche durfte nicht nur vor einem Auftritt backstage zu Bonnie in die Garderobe. Sondern sie durfte Bonnie Tyler auch beim Haarefönen helfen. Und zwar ausgerechnet, in dem sie mit einer Rundbürste Bonnies Pony in Wellen legte. Das Fangirl strahlte dabei in die Kamera wie ein ausgewachsenes Honigkuchenpferd.
Das war zu viel für die kindliche Reiserin. Sie bekam auf der Stelle schlimme Bauchschmerzen und die Reiserinnenmutter rätselte besorgt, was der Auslöser war. Erklären konnte die Reiserin es nicht, denn noch wusste sie nichts von den Dingen des Herzens. Bald darauf hörte sie im Radio zum ersten Mal „It’s a Heartache“ und bald darauf auch „Lost in France“, das ihr noch besser gefiel.

Als 1979 Bonnie Tylers drittes Album „Diamond Cut“ herauskam, lag es für die Reiserin unter dem Weihnachtsbaum. Schon vor einer Weile hatte sie aufgehört, Bonnies Stirnfransen zu zeichnen. Dafür tanzte sie jetzt, wenn keiner zusah, komplizierte, selbsterfundene Choreographien zu ihren Lieblingsstücken auf der Platte: „Too good to last“ und „My Guns are loaded“. Wenn niemand zuhause war, zog sie dazu die Absatzstiefel der Reiserinnenmutter an und fühlte sich fast so glamourös wie Bonnie. Das Album wurde allerdings kein Hit.
Dann wurden andere Dinge und Menschen wichtig, auch andere Stars, und Bonnie Tyler kam ins Erinnerungskästchen.
Louisiana Rain
Doch ein Souvenir aus dieser Zeit trug die Reiserin, wenn auch fast unbewusst, weit in ihr Erwachsenenleben hinein: das Wissen, dass es in Louisiana eine Stadt namens Baton Rouge gibt – und damit verbunden eine diffuse Sehnsucht, die direkt aus der melancholischen Stimmung von Bonnies Stück „Louisiana Rain“ auf diesem Album stammte.

Als sie dann, zusammen mit HerrBert, vor vier Jahren zum ersten Mal in Louisiana unterwegs war, stand außer Zweifel, dass auch Baton Rouge auf der Route liegen muss. Zwar stand die Reise schon im Licht einer anderen verehrten und geliebten Sängerin, nämlich Dolly Parton und deren Film „Steel Magnolias“. Aber auf der Playlist, die die Reiserin extra für diese Reise zusammengestellt hatte, war natürlich auch „Louisiana Rain“ vertreten und HerrBert musste damit leben, dass sie dabei ein paar Tränchen verdrückte. Unbestimmte Sehnsucht, und auch Freude und Stolz, dass sie nun, ein halbes Leben später, dieses Louisiana und dieses Baton Rouge mit eigenen Augen sah. Dass es möglich war und dass sie es geschafft hatte, einen Ort für sich selbst real zu machen, der davor nur in ihrem Inneren existiert hatte.

Letzte Woche ist Bonnie Tyler im Alter von 75 Jahren und nach einer über fünfzig Jahren dauernden Musikerinnenkarriere in einem Krankenhaus in Faro/Portugal an einer Darmerkrankung gestorben. Und das findet die Reiserin immer noch ganz schön traurig. Irgendwie war sie davon ausgegangen, dass Bonnie Tyler für immer lebt.
Der Song des Tages ist heute natürlich „Louisiana Rain“ von Bonnie Tyler. Das Stück stammt vom Album „Diamond Cut“ aus dem Jahr 1979. Die Reise durch Louisiana im Jahr 2022 war für die Reiserin in vielerlei Hinsicht eine der schönsten insgesamt, und es ist nicht gelogen, wenn sie heimlich mitsingt: „I may never be the same/when I reach Baton Rouge“.

