Schwarze Gorillafigur sitzt auf einem Tisch neben einem Glas mit rotem Getränk und Strohhalm

Neulich war die Reiserin mit Freunden unterwegs. Am Ende des Abends blieben sie zu dritt noch hängen. „Ein Absacker?“, schlug K. vor. „Aber auf jeden“, sagte die Reiserin. „Auf sieben Beinen kann man nicht stehen“, murmelte F., was seine Zustimmung zu einem weiteren Getränk darstellte.

Song des Tages: „Psalm“ (A love Supreme) von John Coltrane

Gerade hatten sie mit der Analyse komplizierter Freundschaftsangelegenheiten in ihrem Bekanntenkreis begonnen, und waren dann nahtlos zu problematischen Liebesfragen übergegangen, die beide Begleiter gerade beschäftigten. Auf der Suche nach einem Lokal trotteten sie durch den nördlichen, an dieser Stelle erstaunlich dunklen Prenzlauer Berg. Vor einem einsamen, karg beleuchteten Lokal hielt die Reiserin an, „Hier?“ Ein schmaler Mensch mit konzentriertem Blick klappte allerdings gerade die wenigen Außentische zusammen. Die Frage, ob die Bar noch auf sei, bejahte er, jedoch mit einem, so schien es, etwas zweifelnden Blick. Dann meinte er leise: „Aber bei mir müsst ihr ruhig sein.“

Mit Haltung Lärm vermeiden

Die beiden Begleiter, keineswegs Krawallbrüder, guckten zweifelnd. Doch die Reiserin ging voller Neugier durch die Tür. Es war einfach klar, dass der Gastgeber nicht die übliche „Ruhe wegen der Nachbarn“ meinte, obwohl 22 Uhr schon lange durch war. Er meinte offensichtlich eher eine metaphorische Stille, eine Haltung, die Lärm vermeidet. Sofort spürte die Reiserin ein inneres Sehnen. „Wait to be seated!“, stand auf einem Schild am Eingang.

Gemütliche Bar mit runden Tischen, Stühlen, einer brennenden Kerze auf einem Tisch und einer Person, die an der Theke arbeitet
Rhinoçéros in Berlin: In dieser Listening Bar bitte möglichst wenig sprechen

In dem wohnzimmergroßen, kerzenerleuchteten Lokal war nicht mehr viel los. Genau drei Paare saßen noch an schmalen Zweiertischen der Wand entlang. Entschieden wies der Gastgeber auf ein zierliches Mid Century-Sofa am Rand des Raums, vor dem ein kleiner Couchtisch aus derselben Epoche stand. Gespräche oder Gelächter waren keine zu hören. Die Paare saßen schweigend und, so schien es, etwas verschüchtert. Nur die Gäste am Tisch vor dem Tresen drosselten mühsam ihre amerikanischen Outdoor Voices, und verstummten erst, als der Gastgeber wieder hinter dem Tresen Posten bezog.

Jetzt erst fiel der Reiserin auf, dass Jazz gespielt wurde. Kein Hintergrundgedudel, sondern Coltrane, ernsthaft und pur, aus spektakulär präzisen Lautsprechern.

Cocktails, Musik, Ruhe

Der Gastgeber brachte die Karten. Eigentlich wollte F. bloß ein Bier, doch als feinfühliger Mensch erkannte er, dass er damit dem Barkeeper Verdruss bereiten würde. So bestellten alle drei besonders schöne Cocktails. „Girl Talk“ hieß der der Reiserin. Im Talk mit den Boys einigten sie sich darauf: Die Liebe ist ein seltsames Spiel. Was man haben könnte, reizt manche Menschen bald nicht mehr richtig. Wer unerreichbar ist, macht Kummer und bringt doch bei einigen erst das Herz in Wallung. „Das muss jetzt endlich mal ein Ende haben“, befanden die beiden. „Man ist ja seit 25 Jahren keine 25 mehr“. Die Reiserin nickte still und dachte ein wenig wehmütig an HerrBert, der weiterhin in Familienangelegenheiten abwesend ist.

Hand hält Smartphone, das zwei Getränke auf einem dunklen Tisch in einer Bar zeigt, auch die Getränke selbst sind zu sehen
Die Drinks im Rhinoçéros sind spitze (weil man dort aber auch nicht fotografieren soll, wurde dieses Bild in einer anderen Bar aufgenommen)

Ein wenig komisch kam sie sich vor, wie sie jedes Mal, wenn ihre Begleiter, befeuert von dem leidenschaftlichen Thema, die Stimmen hoben, mit Blick auf die müde Strenge des Barkeepers die Gesprächslautstärke pantomimisch und diskret herunterzudimmen versuchte.

Der Sog der Ruhe

Eigentlich ist sowas nicht ihre Art. Aber das Gebot des Ruhigseins und auch die Präsenz der Musik, entfalteten einen Sog, der sie beinahe von dem doch so spannenden Thema wegzog. Einfach mal still sein müssen – nein: dürfen. Das erschien ihr auf einmal so verheißungsvoll wie die Momente, an denen man irgendwo in einer Nebenstraße an einer Rotphase der Fußgängerampel stehenbleibt, obwohl nirgendwo ein Auto zu sehen ist. Die kurze Hingabe an eine auferlegte Pause, freiwillig genug, um sich nicht bevormundet zu fühlen, nachdrücklich genug, um sich nicht einfach darüber hinwegzusetzen.

Glas mit orangerotem Cocktail auf rotem Untersetzer neben leerer Karaffe und Sektglas auf dunklem Tresen in Bar mit Spirituosen im Hintergrund
Rhinoçéros: Die Drinks sind fantastisch, das Foto stammt aus einer anderen Bar

Der Drink der Reiserin war fantastisch, doch für heute war es genug. Als die anderen Gäste nacheinander aufbrachen, waren auch die Liebessehnsüchte der Begleiter bis auf weiteres ausreichend erörtert. Als man die Bar verließ, verstummte Coltranes letzter Ton.

Eine Bar zum Zuhören

Erst am nächsten Tag begriff die Reiserin, dass es sie in eine sogenannte „Listening Bar“ verschlagen hatte, wie sie in Japan berühmt, in Berlin aber noch selten sind: Lokale, in die man geht, um ausgewählte Musik in hoher Qualität von Schallplatte zu hören, während man gefühlvoll gemixte Drinks genießt und schweigt. Diese heißt Rhinoçéros und existiert wohl seit fast zehn Jahren. Regelmässig gibt es hier Listening Sessions. Jetzt verstand die Reiserin auch die mehr als verhaltene Begeisterung des Gastgebers, als sie mit ihren zwei Begleitern den Laden betrat. Dieses Lokal soll man allein oder zu zweit besuchen. Gruppen von mehr als 4 Personen sind nicht willkommen, zu lärmig.

Der Reiserin ist beglückt von dieser Neuentdeckung. Jazz hat sie lange nicht mehr, früher aber mal mit höchster Beseelung gehört. Vielleicht nimmt sie diese Gewohnheit mal wieder auf und geht ins Rhinoçéros: zum Schweigen und zum Lauschen bei einem gepflegten Drink.

Der Song des Tages ist heute kein Song, sondern der letze Teil aus John Coltranes Suite „A love Supreme“, der „Psalm“. Das gesamte Album von 1965 ist mit seiner intensiven Gottessehnsucht das Gegenteil von leise, und doch gerade wegen seiner spirituellen Imbrunst für viele Fans ein direkter Weg in die Stille.

Hinweis: Wir haben unsere Getränke selbst bezahlt und haben keine Beziehung zum genannten Lokal.

Das Aufmacherbild mit dem Gorilla stammt nicht aus der Rhinoçéros Bar in Prenzlauer Berg (Rhinower Straße 3), sondern aus dem PHNX Hotel in Hamburg.