Wandgemälde mit einem schwarzen Hundekopf in einem goldenen Kreis, umgeben von Schriftzügen und einem stilisierten Band, davor ein Tisch mit Menükarten. Das Gemälde ist dem Logo der Filmfirma Metro Goldwyn Mayer nachempfunden

Neulich waren HerrBert und Frau Reiserin mal wieder aus. Richtig fein gemacht hatte sich allerdings nur HerrBert, denn der Ort, wo die Eintrittskarten galten, lag tief im Wedding. Ins Theater nur schick, dachte er sich.

Song des Tages: „Über den Wolken“ von Reinhard Mey (mehr dazu unten)

Die Reiserin war aus Charlottenburg vorgefahren und entsprechend kampfbereit. Für sie hieß es: Am Leopoldplatz raus aus der U9, vorbei an den auf dem Trottoir vor sich hindösenden Straßenbewohnern, rechts am Grill-Imbiss beim ehemaligen Karstadt-Kaufhaus lang, der beeindruckend stechend riechende und die Umgebung verdunkelnde Rauchfahnen in die Luft blies. Der Wedding, wie er singt und lacht.

Dann immer die Straße runter bis zu der Grünanlage, an deren Rand der männliche Teil eines arabischstämmigen Dreigenrationenclans an den öffentlichen Reckstangen Klimmzüge übte. Einmal scharf abgebogen, und schon trafen wir uns an der zugigen Ecke Müller- und Burgsdorfstraße, wo das Prime Time Theater zuhause ist. Die Lobby war bereits krachend voll mit Leuten, wie man sie auch im Supermarkt trifft, und die sich gutgelaunt gegenseitig im Weg herumstanden. Manche feingemacht, andere nicht.

Theaterfoyer mit mehreren Lampen, einer Wand mit Filmplakaten und einem Bildschirm, der drei Frauen zeigt
Feingemacht oder nicht, in der Theaterbar vom Prime Time Theater kriegen alle ihr Getränk

„Vom Wedding verweht“, stand heute auf dem Programm. Das ist die mittlerweile 140. Folge von „Gutes Wedding, schlechtes Wedding“, dem Dauerbrenner des Theaters. Dieses wurde 2003 gegründet. Die Reihe persiflierte „Gute Zeiten, schlechte Zeiten“ auf RTL mit Weddinger Charaktere und Berliner Schnauze. Vorkenntnisse sind nicht erforderlich, wenn auch wohl von leichtem Vorteil.

Zehn Minuten vor Beginn drängte sich ein großer, ziemlich ausladender Mann im knallengen, knallgelben Shirt mit „Post“-Logo und schwarzer Vokuhila-Perücke durch die Menge: „Jeht jleich los, nur noch schnell eene roochen“. Das war der Chef, Oliver Tautorat, der das Theater vor gut 20 Jahren gründete und eigentlich Schauspieler ist. Als er noch erwähnte: „Gläser könnta mit rinnehmen“ machten wir uns auf den Weg zu unseren Plätzen.

Zwei Schauspieler mit bunten Hemden und Mützen gehen durch den Zuschauerraum eines Theaters mit rotem Stühlen, Publikum und einer Leinwand
Die haben sich feingemacht (sind aber Schauspieler aus dem Stück)

Er begrüßt auch wenig später das Publikum im Saal und heizte es mit dem Weddinger Akkusativ an: „Wen oder wat freu ick…?“, rief er, auf dass die Kennerschaft mit: „Mir!“ die richtige Antwort gab. Einzelne Besucher wurden noch kurz mit „Ach ja, wir kennen uns ja aus dem Swingerclub“ begrüßt oder nach ihrer Herkunft befragt. Prenzlberger bemitleidet der Chef mit: „Och, det is schlimm mit die janzen Lastenfahrräder bei Euch“. Dann kurz nochmal den Akkusativ abgefragt und schon ging es los.

Zwei Personen in Kostümen auf einer Bühne vor einem Krankenhausbett und einem Infusionsständer, Publikum im Vordergrund
Diese Oma ist schon 114 Jahre alt und nur kurz im Himmel

Als wir nach gut zwei Stunden wieder aus dem Theater kamen, nach einer rasanten Achterbahnfahrt von Boulevardtheater und heiterem Tohuwabohu, konnten wir nicht mehr so richtig sagen, was genau jetzt die Handlung gewesen war: Die Leiterin des Spandauer Bürgeramtes verliebt sich in einen Weddinger Postboten, aber irgendwie auch in den Taxifahrer Hotte. Der Weddinger Checker Taifun zockt mit seinem Kumpel und macht einen Rap-Song über seinen verlorenen Zwillingsbruder. Der arbeitet im Himmel als Empfangsengel, kriegt von einer 114jährigen, ziemlich toughen Weddinger Oma Werther’s Echte geschenkt, und irgendwann sind alle am BER, in Dubai oder auch in Spandau. Aber was war nochmal mit der Hunderennbahn in der Wüste? Warum flogen in Rehberge im Sturm Rehe durch die Luft? Und da war doch noch der berufsjugendliche Sozialarbeiter und der Digital Detox von der Freundin von Taifuns Kumpel, oder so ähnlich. Alles war total durchgeknallt, das aber sehr ordentlich und vor allem ansteckend gut gelaunt.

Bühnenbild mit zwei Schauspielern in einem Taxi vor einer Kulisse des Flughafens BER, Publikum im Vordergrund als Silhouetten
Vom Wedding an den BER, das ist eine schöne Fahrt für den Taxifahrer Hotte

Schon nach dem dritten Flachwitz kicherte die Reiserin jedenfalls enthemmt, und HerrBert machte ohne Federlesens bei La Ola mit. Eigentlich komisch, dass wir hier noch nie waren, fanden wir am Ende des Abends. Wenn es nach der Reisern gegangen wäre, hätten wir uns am Brutzelgrill beim alten Karstadt sogar noch ein Dürüm geholt, aber das folgt dann beim nächsten Mal. Am 15. Mai hat Folge 141 Premiere. Sie heißt „Wedding, mon Amour“. Gut möglich, dass wir sie uns reinziehen. Ist ja nie zu spät, um anzufangen.

Fünf Schauspieler auf einer Bühne mit buntem Bühnenlicht vor Publikum in einem Theater
Am Ende tosender Applaus für das Ensemble

Den Song des Tages haben wir heute ausgewählt, weil er in der Pause gespielt wurde. Wir hatten ganz vergessen, wie schön stimmungsvoll das Stück ist.

Hinweis: Wir besuchten das Prime Time Theater mit Pressekarten für ein anderes Medium. Darüber hinaus haben wir keine Vorteile von der Nennung des Theaters. Die Betreiber haben keine Bedingungen gestellt und wissen auch nicht, dass wir hier darüber schreiben.