„Links, links…nein, das andere!“, die Aufregung ist gerade groß, denn das sirrende Ding tut ganz und gar nicht, was es soll, und allmählich bilden sich Schweißperlen auf HerrBerts Stirn. Die Reiserin sitzt sowieso schon eine Weile schreckensstarr und überlegt, ob sie ins Wasser springen würde, falls es nötig wäre.
Song des Tages: „Die Technik wird uns retten“ von Peter Licht
Schon eine Weile hatte HerrBert den Wunsch gehegt, sich eine Drohne anzuschaffen: Damit könnte er auf Reisen und zuhause noch viel schönere Fotos und spektakuläre Videos machen. Und jetzt ist sie da. Ungefähr so groß wie zwei Handteller, mit vier sirrenden Propellerchen und zwei kleinen Antennen ausgestattet, die sie wirken lassen wie einen ferngesteuerten, ziemlich starrköpfigen Schmetterling. Seither gehen wir öfter spazieren und haben dabei jeweils genau zwei Missionen.


Erstens: Einen Ort zu finden, der geeignet ist, die Drohne mal eben kurz zum Üben aufsteigen zu lassen. Das ist HerrBerts Aufgabe. Und zweitens: Die Drohne unter vollem Körpereinsatz daran zu hindern, irgendwo in unzugängliches Gebiet oder ins Wasser zu plumpsen, wenn sie mal wieder vergessen hat, wo sie landen soll und hilflos in der Luft taumelt. Das macht vor allem die Reiserin. HerrBert fände es besser, wenn sie mit ihm zusammen viele Fotodrohnen-Übungsvideos im Internet anschauen würde, aber dazu hat sie keine Lust.
Das mit dem Ort ist gar nicht so einfach: Die fliegende Kamera ist zwar klein und leicht, aber sie sirrt so laut wie eine sehr, sehr große Hornisse. Damit sind Wiesen, Felder und Orte, wo Vögel oder andere Tiere unterwegs sind, die sich davor fürchten könnten, schon mal ausgeschlossen. Von bewohnten Gebieten und Gegenden, wo Menschen anzutreffen sind, ganz abgesehen, denn natürlich will sich niemand von oben auf den Kopf oder in den Garten gucken lassen. HerrBert baldowert also sorgfältig und mit diversen Spezialkarten alle möglichen Ecken aus, wo man niemanden nervt und trotzdem üben kann. Gar nicht so einfach in Berlin.


Dazu kommt: Die Drohne ist ziemlich doof. Sie kann sich zwar aus dem Stand beeindruckend kraftvoll in die Lüfte erheben – davor zählt sie „three, two, one“, und steigt dann mir nichts, dir nichts senkrecht auf. Auch den Befehl „Folgen“ führt sie schon perfekt aus und lässt HerrBert nicht aus dem Blick. Wenn er dann mal nicht weiterläuft, bleibt sie laut surrend einfach in der Luft hinter ihm stehen, bis er wieder weitergeht. Das war am Anfang ziemlich beängstigend.

Was die Drohne bisher nicht kann: Äste mit Blättern und Zweige von Bäumen als Hindernis erkennen. Die bringen sie jeweils so sehr aus dem Takt, dass sie dann auch gleich noch ihr schönstes Kunststück vergisst.
Eigentlich besteht ihr schönstes Kunststück darin, auf den Befehl „Zurück“ von überall, wo sie ist, selbständig umzudrehen und präzise auf HerrBerts ausgestreckter Hand zu landen. Doch wenn sie unterwegs irgendwo an Äste gerät, surrt sie eine Weile unentschlossen in der Luft und steuert dann diese Äste an. Dort verheddert sie sich, surrt noch lauter – und plumpst auf den Boden. Bisher war das weicher Waldboden und hat außer einem Schrecken keinen Schaden angerichtet.


Doch neulich stach HerrBert der Hafer und er steuerte sein Spielzeug verwegen auf dem Gebiet von Spandau über die Havel. Dass die Drohne dabei wilde Elipsen flog und die Reiserin befürchtete, sie habe vor, sich selbständig in die Ferne davonzumachen, war dabei gar nicht das Problem. „Das muss so“, meinte HerrBert. „Ist das Programm.“
Das Problem war, dass sie von der glitzernden Wasseroberfläche plötzlich und ohne ersichtlichen Grund zu den Bäumen am Ufer steuerte und sich dort zielsicher im Geäst verhedderte. Und dann, wie gehabt, auch den Befehl „Zurück“ nicht mehr verstand. Zwar befreite sie sich bravourös wieder selbst aus den Blättern, flog dann aber genau bis vor die Kante des Steges, auf dem wir saßen, und surrte unglücklich über dem Wasser. HerrBerts einladend ausgestreckte Hand ignorierte sie ebenso wie den Befehl „Zurück“. Als dann auch noch die Fernsteuerung alarmiert zu piepsen begann, gab es für die Reiserin kein Halten mehr. Zum Äußersten entschlossen sprang sie auf und pflückte die ratlos knapp vor dem Steg über dem Wasser stehende und immer müder fiepende Drohne aus der Luft, worauf diese empört sirrte und blinkte – aber immerhin gerettet war.
Damit war unser Sonntagsabenteuer erstmal vorbei. Sie kam ins Körbchen und muss bis zum nächsten Wochenende ausruhen. HerrBert meint, wir sollten jetzt doch erstmal noch eine ganze Menge Fotodrohnen-Anleitungsvideos im Internet schauen. Eventuell lenkt die Reiserin ein.
Denn bald geht es los nach Georgien. Und davor wird sich das Dröhnchen noch einer großen Aufgabe stellen müssen: Berechenbar Fotos und Videos zu machen, und nicht einfach irgendwann irgendwas aufnehmen und abreißen lassen, wie es gerade lustig ist…

Fortsetzung folgt.
Der Song des Tages ist heute handgemacht, lebendig und old school aus dem Jahr 2021. „Die Technik wird uns retten – und die Liebe auch“ heißt es in dem Stück von Peter Licht, das vom Album „Beton und Ibuprofen“ stammt. Hoffentlich hat er recht. So ganz geheuer ist der Reiserin die Drohne bei aller Neugier nämlich nicht.
Hinweis: Die Fotodrone wurde selbst bezahlt und wir haben keinen Vorteil von der Nennung oder Abbildung des Geräts.
