Neulich führte mich mein Weg zu meiner Mutter. Sie ist knapp neunzig und wohnt immer noch in jener Wohnung im 3. Stock eines Q3A-Blockes, in der ich aufgewachsen bin. Vier Aufgänge weiter wohnte mein bester Freund. Auf den Wiesen zwischen den Häusern spielten wir Fußball, und im Sommer radelten wir durch den Wald zum Langen See, um zu baden.
Song des Tages: Mädchen aus Ostberlin von Udo Lindenberg
Es war im Ostberlin der frühen 1980er Jahre. Wir waren halbstark auf dem Weg zum Erwachsenwerden. Wir hörten Punk und New Wave aus dem Westradio, sahen Westfernsehen, und die westliche Popkultur hatte uns mehr im Griff als die sozialistischen Pläne und Ziele unseres Alltags. Wir wollten hinaus in die weite, wilde Welt.
Für uns war die Mauer immer schon da. Eigentlich wussten wir nix von der anderen Stadthälfte, auch wenn sie direkt hinter dieser Mauer lag, auf die man immer wieder stieß, wenn man in der Hauptstadt der DDR unterwegs war. Die Radio- und Fernsehsendungen aus dem Westberliner Teil verhießen ein wildes, freies Leben. Aber wo der Wedding lag oder wo der Steglitzer Kreisel stand, davon hatten wir keine Ahnung. Auf den Ostberliner Stadtplänen war die Staatsgrenze eingezeichnet, dahinter war alles unförmig weiß. Keine Straßen, keine Stadtteile und keinerlei Sehenswürdigkeiten.

Es trug sich zu, dass die Mutter meines Freundes eine Wochendbeziehung führte. Und zwar mit einem Mann aus diesem weißen Fleck namens West-Berlin. Wolfgang war Maurer und unter der Woche malochte er jenseits der Mauer. Am Wochenende genoss er die Familienanbindung in Köpenick. Bei Traudchen stand die Kiste mit Ostberliner Pils, und es gab Koteletts aus der Kaufhalle in großen Portionen. Wenn ich am Wochenende bei Ihnen klingelte, kam es vor, dass Wolfgang die Tür im Feinrippunterhemd und einer Flasche Bier in der Hand öffnete. Samstag fuhr er dann zu 24 Uhr zum Grenzübergang, kehrte nach West-Berlin zurück, weil sein Tagesvisum ablief, um gleich darauf mit einem neuen Tagesvisum nach Ostberlin zurückzureisen, wo er den zweiten Teil des Wochenendes verbrachte.
Wenn ich sie beide an einem sommerlichen Sonntagabend zusammen im Vorgarten des Q3A-Blockes mit Harke und Schippe werkelnd antraf, führten die beiden die Mauer höchstpersönlich ad absurdum: Der Westberliner aus dem Wedding wässerte den Ostberliner Vorgarten in Köpenick, auf dass er erblühe und strahle. Am nächsten Montag ging mein Stiefvater wieder an seinen Schreibtisch im sozialistischen Kulturbetrieb, und Wolfgang mauerte wieder im weißen Niemandsland herum.
In einem dieser Sommer pflanzten Wolfgang und Traudchen auf der Ecke des Vorgartens zwei Kiefern, groß wie Weihnachtsbäume, und dann fiel die Mauer.



Für den Westberliner Maurer-Alltag war Köpenick jetzt zu jwd – janz weit draußen – denn einen Führerschein hatte Wolfgang nicht. Also zog Traudchen in den Wedding, mein Freund verblieb in der vormals mütterlichen Q3A Wohnung und kam so zu seiner ersten eigenen Bleibe.
Als ich Traudchen und Wolfgang dann zum Zwecke des Einbaus einer Küchenspüle im Westberliner Gesundbrunnen aufsuchte, fuhr mir der Schreck durch alle Glieder: eine Erdgeschosswohnung im dunklen Hinterhof. Im Vorderhaus eine Engelhardt-Kneipe, bei der Wolfgang wohl zuvor immer die Abende unter der Woche verbrachte, bevor er ins kleine Wochenendparadies nach Köpenick entschwand. Hatten wir uns so den Westen vorgestellt? Jetzt gab es kein Wochenendparadies mehr. Sieben Tage Wedding die Woche, das ganze Jahr über.
Neulich führte mich mein Weg wieder zu meiner Mutter. Mein Freund ist mittlerweile Großvater und wohnt am anderen Ende der Stadt, im Westen. Wolfgang und Traudchen leben schon lange nicht mehr. Doch die Kiefern, die sie damals pflanzten, und die nun größer als das Haus sind, stehen immer noch da. Für mich ein Wahrzeichen der Absurdität, die die Berliner Mauer war, und auch eine Erinnerung an die vergangenen paradiesischen Wochenenden, denen der Mauerfall ein Ende setzte.

Der Song des Tages ist heute „Mädchen aus Ostberlin“ von Udo Lindenberg. „Und plötzlich ist schon wieder zehn nach elf…“
