Rundes Schild mit lachendem Zahn und Zahnarztutensilien mit georgischen Schriftzeichen an einer Straßenlaterne in einer Stadtstraße mit Bus und niedrigen Gebäuden

Aus unserer ruhigen Straße am Sonntagnachmittag ist am Montagmorgen eine viel befahrene Hauptachse des städtischen Verkehrs geworden. Im Halbschlaf nehmen wir Regen und später den zunehmenden Verkehr mit Hupen, Bremsenquietschen und trötenden Auspuffen wahr – gibt es in Georgien TÜV?

Song des Tages: Rachuli von Bani

Zentralpark und Kartoschka

Wir mischen uns in den späten Vormittagsbetrieb der drittgrößten Stadt Georgiens. Heute geht es zu Fuß los, denn unsere Unterkunft liegt in der Innenstadt. Nach wenige Minuten stehen wir schon bei der ersten Sehenswürdigkeit: dem Kolchis-Brunnen. Wie eine klobige, mehrstöckige Torte mit schweren goldenen Figuren und allerhand rasanten Wasserfontänen steht er mitten auf der Straße. Die Reiserin beginnt, etwas über die ihr typisch scheinende Sowjet-Ästhetik des skurril wirkenden Wasserobjekts zu erzählen, aber HerrBert winkt ab. Der Brunnen wurde erst 2011 erbaut und die vielen Figuren drauf repräsentieren antike Figuren, die bei archäologischen Ausgrabungen in der Nähe gefunden wurde. HerrBert versucht zu fotografieren, aber weil der Brunnen auch als eine Art Verkehrskreisel dient, sind immer bloß Autos zu sehen.

Die Reiserin hat sich in der Zwischenzeit schon mal in den Schatten gesetzt. Gleich neben dem Kolchis-Brunnen liegt nämlich der sympathische Zentralpark von Kutaisi: Die Mischung aus alten, hohen Bäumen, kleinen offenen Plätzen mit allerhand Skulpturen und kleinen Denkmälern, um die sich Bänke gruppieren, bezaubern uns. „Optimale Mischung aus gepflegt und schraddelig“, meint die Reiserin, und würde am liebsten noch ganz lange sitzen bleiben. Doch der Hunger treibt sie an.

Hund liegt schlafend im Schatten auf Steinboden zwischen zwei großen Marmorsäulen
Auch Hunden gefällt der Zentralpark von Kutaisi

Gegenüber vom Park erspäht HerrBert einen Verkaufsstand mit Backwaren, und wir schlängeln uns durch den dichten dreispurigen Verkehr. Jetzt besticht die Frau Reiserin erstmals durch ihre frisch erworbenen Russischkenntnisse. Mit dem Ergebnis, dass wir keine zwei Minuten später unsere gefüllten Teigtaschen in der Hand halten: mit Kartoschka die Reiserin, Sosis y Cyr für HerrBert – Kartoffel- und Wurst-Käsefüllung. Beim Bezahlen patzt HerrBert, als er aus den verlangten 6 sechzig GEL macht, daraufhin die Verkäuferin energisch mit dem Kopf schüttelt und sich den Betrag aus unserem auf den Ladentisch hingeschüttetenden Münzen selber zusammenklaubt. Wie bei den Omas im Supermarkt, die der Kassiererin das offene Kleingeldfach hinhalten fühlt sich HerrBert, und im Ausland fängt das also an…

Markt und Witwendisput

Direkt neben dem Bäckerladen sieht HerrBert einen schmalen Durchgang, welcher sein Interesse weckt. Wir biegen ins Dunkle und stehen plötzlich in den Markthallen von Kutaisi. Stand an Stand reihen sich mehrere Hallen aneinander: Obst, Gemüse, Mehl, Sonnenhüte, alles gibt es zu haben, und hin und wieder miaut eine Katze, die auch etwas abbekommen möchte.

Markthalle mit Ständen für Gemüse und Kleidung, mehrere Personen beim Einkaufen und Verkauf
In den Markthallen von Kutaisi

Um in Ruhe unsere Teigtaschen zu kauen, setzen wir uns danach auf ein Mäuerchen in einer kleinen Grünanlage, von denen es in Kutaisi viele gibt. Neben uns auf dem Mäuerchen disputieren lautstark drei ältere Frauen in schwarzer Kleidung. „Witwendisput“, murmelt HerrBert zwischen zwei Bissen. Ob die drei älteren Damen sich bestens verstehen und kabbeln wie Schulmädchen, wie Frau Reiserin meint, oder sich gemeine Gehässigkeiten an den Kopf werfen, da sich sogar andere vorübereilende Passanten nach ihnen umdrehen, wie HerrBert denkt, lässt sich auf Grund unserer Sprachunkenntnis nicht klären.

Nachdem der letzte Krümel der einfachen, doch überaus köstlichen Teigtaschen verputzt ist, zieht es HerrBert ans Wasser. Durch Kutaisi fließt ein Fluss namens Rioni, der sich heute als ziemlich reißender Strom darstellt. Kurz blicken wir sinnierend in die Fluten, dann macht HerrBert überrascht unseren nächsten Programmpunkt aus: „Guck, hier ist das gelbe Biest“. Und tatsächlich: In einer schmalen Schneise wartet die leuchtend gelbe Gondel der Seilbahn, die über den Rioni auf einen Hügel fährt, und die wir sowieso ausprobieren wollten. Kurz zögert die Reiserin gewohnheitsmäßig, doch dann gibt sie sich einen Ruck.

Schmale gelbe Gondel einer Seilbahn mit Blumenmustern und rotem K2-Logo an der Oberseite
Die Gegengondel ist rot und genauso klein

Gondelfahrt zum Lunapark

Zusammen mit dem jungen Gondelführer und einem älteren Mann mit schweren Tragetaschen fahren wir kurz darauf für ein paar Minuten in einer winzigen, schwankenden und doch geschmeidig funktionierenden Seilbahnkabine erst über den Rioni und dann die bewaldete Flanke eines Hügels hinauf. Oben stößt die Reiserin einen Ruf der Überraschung aus: Hier ist ein Lunapark alten Stils aufgebaut – inklusive Replik des Eiffelturms. Fast wie im Kulturpark Plänterwald, damals in Ostberlin, denkt HerrBert – abgesehen vom Eifelturm natürlich. Die Fahrgeschäfte und das Riesenrad scheinen auch aus diesen Zeiten zu sein. Die wenigen Besucher verlieren sich in dem parkartigen Gelände. Ab und an läutet eine Glocke und eins der Karussells setzt sich doch überraschend in Bewegung. Irgendwann zieht ein Vater mit seiner Tochter allein eine Runde im Autoscooter. Kein hektisches Treiben, kein Zusammenstoßen mit den anderen. Allein fährt er um alle stillstehenden Autos herum. „Welche Zukunft hat der Rummel?“ fragt sich still HerrBert.

Karussellpferd mit buntem Federkopfschmuck vor einem Nachbau des Eiffelturm an einem sonnigen Tag
Im Lunapark von Kutaisi

An der einzigen geöffneten Bude gönnen wir uns eine Eiswaffel und die Reiserin, wohl ob ihres Bestellerfolgs noch immer im Sprachenrausch, will von der Verkäuferin wissen, was „Danke“ auf Georgisch heißt: Madloba. HerrBert mümmelt unterdessen selig seine Eiswaffel und murmelt: „Ich habe gerade voll den Ost-Flash“. Moskauer Eis, verrät er, kennt er aus fernen Kindertagen, und die Eiswaffel jetzt schmeckt ein wenig nach Kindheit.

Auf der Rückfahrt mit der Seilbahn sehen wir die berühmte Weiße Brücke über den Rioni. Sie liegt nur wenige Minuten entfernt, und natürlich überqueren wir sie. Sehnsüchtig guckt HerrBert auf die immer noch wilden Fluten und die weitläufige Brücke. „Hier mit der Drohne fliegen…“, sinniert er. Die Reiserin überlegt, ob sie an die Probleme der Drohne mit Wasserflächen erinnern soll, entscheidet sich dann aber gegen das Spielverderben. Sie hat nämlich eine Idee. „Lass uns heute schon zu den verfallenen sowjetischen Kurbädern fahren“, schlägt sie vor. „Da kann man sicher super Drohnenbilder machen.“ Dieser Kurort namens Tskaltubo, eine knappe halbe Stunde Autofahrt von Kutaisi entfernt, hätte eigentlich erst für morgen auf dem Reiseplan gestanden.

Kopftuch und Kathedrale

Nach einem kurzen Boxenstopp in unserer Unterkunft, setzt sich HerrBert ans Steuer und wir stürzen uns in die nachmittäglich Rush Hour von Kutaisi.

Als erstes führt unser Weg zur Bagrati-Kathedrale hoch am Hang. Je näher er sich auf dem schmalen, an Haarnadelkurven reichen Sträßchen hinaufwindet, desto aufgeregter wird die Reiserin. Einerseits ist sie froh bei den steilen engen Straßen, dass wir ein Allradfahrzeug haben, andererseits steht der Besuch eines orthodoxen Kirchenbaus an und dabei gelten hier strenge Bekleidungsregeln. Die Hälfte der Frauen, die am Eingang herumsteht, trägt ein Kopftuch, die andere Hälfte nicht, was nun soll sie bitteschön tun?

Kaum hat sie sich dann das kirschgemusterte bunte Kopftuch umgetan, das sie für diesen Fall mit sich führte, stehen wir dann aber schon wieder draußen. Irgendwie zog uns die Kathedrale nicht in den Bann. Von außen thront sie ansehnlich, pompös und modern restauriert auf dem Hügel, innen wirkt sie irgendwie beengend und trüb, was sich durch die angeschwärzten Heiligengebeine, die offen ausgestellt werden, noch verstärkt. HerrBert fädelt sich auf den noch steileren, noch verwinkelteren Weg hinunter zum Botanischen Garten. Hier soll es auch ein Gotteshaus geben, das viel beeindruckender und nur ein Bruchteil so groß sein soll.

Kirche im Baum

Zuerst streifen wir ein bisschen desorientiert durch den alten, schattigen Park, weil wir nicht genau wissen, wonach wir genau suchen. „Da gibt es eine Kapelle, die in einen ausgehölten Baum gebaut ist“, informiert HerrBert. Und dann stehen wir auch schon davor: Tatsächlich auf den ersten Blick ein zwar großer Baum mit sehr üppigem Stamm, aber ohne weitere Besonderheiten. Dann aber nähert sich HerrBert von der kleinen Plattform her, die darum herum verläuft, und sieht: Dieser Baum hat eine sorgfältig eingefügte Eingangstür! Er öffnet sie und tatsächlich hängen im Innern des Stamms zahlreiche orthodoxe Heiligenbilder und man kann in den hohlen Baum hineintreten.

Ausgedacht hat sich das der frühere Direktor des Botanischen Gartens. Als er im Amt war, wurde der Baum aus Altersgründen aus natürlichen Gründen hohl, lebte aber weiter. Beeindruckt von der Widerstandskraft der Natur – oder vielleicht des Göttlichen – entschied der Direktor, daraus eine Kapelle zu machen. Seither hat Kutaisi eine kleine aber feine Sehenswürdigkeit mehr.

Stalins Spa

„Jetzt aber Tskaltubo“, lautet unsere nächste Losung, und es geht raus aus der Stadt. Eine knappe halbe Stunde Fahrt bis in den ehemaligen Kurort. Die Kühe am Straßenrand, die gerne mal über die Fahrbahn spazieren, fallen uns kaum noch auf. Dann stellen wir fest, dass die kleine Ortschaft gar nicht per se ein Lost Place ist, wie wir es erwartet haben. Es gibt in Tskaltubo durchaus Wohnhäuser und auch ein renoviertes Sanatorium. Aber dazwischen befinden sich viele verwilderte Parkflächen und kleine Wäldchen, in denen Ruinen diverser früherer Heilstätten vor sich hin verrotten. Angefangen hatte der Kurbetrieb im späten 19. Jahrhundert, eine Blüte erlebte er in der Stalinzeit, als jedes Ministerium mit dem Bau des eigenen Sanatoriums die anderen an Schönheit und Pracht übertreffen wollte.

Altmodischer blauer Lastwagen vor einer Wand mit einem reliefartigen Wandbild aus Figuren in Bewegung
Lost Place par excellence I

Auf einem schmalen Weg rumpeln wir durch hoch wucherndes Gebüsch, vorbei an einer Ruine, die wie der Rohbau eines Wohnblocks aussieht. „Oh, Koschka und Babuschka!“, murmelt HerrBert plötzlich, sich an sein Schulrussisch erinnernd. Tatsächlich turnen auf der Kante des Rohbaus zwei schwarze Kätzchen im Sonnenlicht des Nachmittags. Dahinter im Schatten sitzt, wie eine Geistererscheinung, eine stämmige ältere Frau mit kurzen Haaren und schwarzen Klamotten reglos auf einem Stuhl.

Verfallendes historisches Gebäude mit Säulen und Rundbögen umgeben von Bäumen unter blauem Himmel mit Wolken
Lost Space par excellence II

Wir fahren weiter, bis der Weg endet. In einer Art Kehre stehen mitten im Niemandsland drei Autos vor einer Art verfallenen Garage. An einem provisorischen Holztisch neben den geparkten Autos sitzen zwei Männer. „Guck mal, der winkt freundlich“, meint die Reiserin, als einer von ihnen die Hand in unsere Richtung hebt. „Ich denke“, sagt HerrBert, „er meint eher, wir sollen abhauen“. Also machen wir kehrt. Auf unserem Rückweg sitzt die Oma immer noch regungslos in der Rohbauruine, daddelt jetzt aber auf ihrem Handy. „Die meldet, dass wir wegfahren“, meint HerrBert. Die Reiserin grübelt seither, welche sinistren Geschäfte in der Garage wohl stattgefunden haben mögen.

Ein Stück weiter halten wir dann unbehelligt an. Wir haben das verlassenen Medea-Sanatorium gefunden, eine einstmals glamouröse Heilanstalt im stalinistischen Empire-Stil, die heute ein klassischer Lost Place ist. Wie eine Filmkulisse steht der zierliche Bogen des ehemaligen Eingangsportals mit eleganten Säulen und geschwungenen Treppenstufen. Türkise Farbe blättert malerisch und das Sonnenlicht dringt nicht bis in die unzähligen dahinterliegenden Räume. Gebüsch und Bäume haben sich das Gelände zurückerobert. Vorsichtig tapsen wir hinein. Loster und spektakulärer geht es kaum. Wir stapfen eine Weile ehrfuchtsvoll und im Fall der Reiserin ein wenig ängstlich wegen der morschen Böden herum, dann schickt HerrBert sein Dröhnchen los: von oben und im beginnenden Frühabendlicht kann es schöner und eindrucksvoller nicht sein.

„Man kann wirklich nicht sagen, dass wir heute nichts gesehen haben“, sind wir uns auf der Rückfahrt nach Kutaisi einig. Noch ein paar typisch georgische Teigtaschen namens Khinkali in einem kleinen Gartenrestaurant verspeist, und dann ist für heute Feierabend. Morgen geht es weiter in Richtung Norden, wir werden berichten!

Große gefaltete Teigtaschen auf weißem Teller auf Holztisch im Außenbereich
Erst aufbeißen, dann Brühe rausschlürfen, dann die köstliche Füllung aus Kalbfleisch und Koriander genießen – so isst man georgische Khinkali

Der Song des Tages ist heute „Rachuli“ von Bani ein georgischer Song im Ethno-Pop-Style, der uns verzaubert hat.

Was bisher (und danach) geschah: hier.