Blick von einer Aussichtsplattform mit Gitterboden in eine tiefe, bewaldete Schlucht

Wir beschließen, von Kutaisi zum Okatse Canyon zu fahren. Er liegt 50 km nördlich, ungefähr eine Stunde Autofahrt entfernt. In der Okatse-Schlucht gibt es einen abenteuerlichen Hanging Cliff Trail, welcher spektakulär sein soll: ein schmaler Skywalk hoch über der Schlucht. Auf den Fotos sieht es aus wie ein Baumwipfelpfad.

Song des Tages: Tushetian Melodies von Lela Tataraidze

Unsere Fahrt führt durch georgische Dörfer, Kühe säumen oftmals den Straßenrand und Frau Reiserin macht sich nun auf, das Phänomen zu erkunden, was denn die Kühe überhaupt so gern auf die Straße treibt – immer ist dann ein vorsichtiges Umkurven der Tiere angesagt mit Beachtung des Gegenverkehrs. Derjenige, auf dessen Straßenseite die Kuh das Hindernis darstellt, muss warten und den anderen passieren lassen. Spannend wird es, wenn die Kuh in der Mitte der Fahrbahn steht und scheinbar selber nicht weiß, zu welcher Seite sie nun ihre nächsten Schritte lenken soll…. Ein Fall für das organisierte Glücksspiel.

Braune Kuh mit gebogenen Hörnern liegt auf einer Straße vor schwarz-weißen Betonbarrieren
Nur am Asphalt lecken, wenn keiner guckt

Warum stehen Kühe gerne auf der Straße?

Hier nun die Begründung der Kühe, warum sie die Straße mögen: Während im Gras und den Büschen Insekten lauern, ist durch den Asphalt und die Offenheit hier auf der Straße die Anzahl der Insekten viel geringer. Auch haben die Kühe als Fluchttiere besseren Blick und bessere Fluchtwege… .

Als letzten Punkt liest Frau Reiserin vor, dass Kühe den Abrieb der Reifen mit Teilen des Asphalts mögen und daher nur zu gerne den Asphalt ablecken. HerrBert runzelt die Stirn, da er noch nie eine Kuh am Asphalt lecken sah, und auch die georgischen Kühe dies bisher nicht taten. Er stellt sich vor, wie Kühe dies quasi heimlich tun. Kommt das Fahrzeug herangefahren, wird der Kopf gehoben, und am Straßenrand scheinbar nach Gräsern gesucht. Kaum ist das Auto vorbeigerauscht, wenden sich alle wieder dem Asphalt zu und lecken ihn augenverdrehend vor Wonne ab. Das geheime Leben der Kühe sozusagen.

Uhr mit Illustration einer Köchin vor einem Teller mit georgischen Teigtaschen Khinkali
Den glücklichen Teigtaschenessern schlägt keine Stunde

Die besten Pommes ohne alles

In Tsulukidze machen wir Rast. HerrBert möchte das ausgefallene Frühstück mit wenigstens einer Kleinigkeit nachholen. Ein Teigtaschenstand oder eine Bäckerei ist in dem kleinen Zentrum auf die Schnelle nicht auszumachen, und so lenken wir unsere Schritte auf ein kleines Restaurant. Auch hier gibt es nix zum sofortigen Mitnehmen und so lassen wir uns nieder und bestellen je eine Portion French Fries.

Erst jetzt sehen wir, dass im Separee neben uns ein schönes Gelage im Gange ist. Mehrere Teller und Gläser zieren den Tisch der drei Herren, und eine Flasche amerikanischen Whiskys, die nur noch halbvoll ist, dreht fröhlich ihre Runde, auf dass die Rumreicher genauso fröhlich und halbvoll werden. Draußen auf der Terrasse lassen sich Frauen aus einem Minibus nieder. Wir werden einige davon später am Okatse Canyon wiedersehen. Dann kommen unsere French Fries ohne Ketchup und Mayo, und sie sind eine wahre Köstlichkeit: „Bestimmt haben sie die in der Küche frisch geschält und geschnitten, die sind garantiert nicht tiefgekühlt aus der Tüte“ meint die Frau Reiserin auf die Pommes weisend und HerrBert nickt nur bestätigend, aufgrund der Ungleichheit der Kartoffelstücke, ohne sein Mahl dabei zu unterbrechen.

Gesättigt lassen wir die Herren bei ihrem Gelage und die Frauen bei ihrer Ausflugsrast zurück, und nehmen den zweiten Teil des Weges in Angriff. Es wird hügeliger und die Straße kurviger, gesäumt vom üppigen Grün der vorsommerlichen Vegetation.

Modell und Wirklichkeit

Mitten im Dorf Gordi kommt dann wie aus dem Nichts der futuristische Bau des Besucherzentrums in Sicht, nachdem wir eine kleine Steigung bewältigt haben. Wir sind angekommen am Okatse Canyon.

Modernes Gebäude mit schrägen Glas- und Betonflächen vor bewaldetem Hügel und blauem Himmel
Auf dem Bild nicht zu sehen: die unspezifisch wartenden, sonnengegerbten Männer

Schon, als wir auf dem mit groben Steinplatten gelegten Weg zum Eingang des Besucherzentrums gehen, fallen uns die vielen, irgendwie unspezifisch herumwartenden Männer auf, die überall zu sehen sind. Noch können wir nicht einschätzen, was sie im Sinn haben.

Im Zentrum betrachtet die Reiserin das ausgestellte Modell des Okatsetals mit dem Hanging Cliff Trail. Es sieht ungefähr aus wie ein sehr steiler, schmaler Gartenteich, an dessen einem Hang mit brüchigen Streichhölzern eine Art in den Fels gehauener Steg entlangläuft. „Bist du sicher, dass du da langlaufen willst?“, fragt die Reiserin. Die Fotos, die HerrBert ihr gezeigt hatte, um sie zu diesem Ausflug zu verlocken, zeigten eine Art solider Steg zwischen Bäumen. Das hier sieht eher aus wie einer dieser in Fels gehauenen, drei Zentimeter breiten ungesicherten Wanderwege über 10000000000 Meter tiefen Schluchten in China, die auf irgendwelchen Sensationsportalen als „die gefährlichsten Wanderwege der Welt“ aufgelistet werden.

Modell einer bergigen Landschaft mit steilen Klippen und einem schmalen Pfad, umgeben von einem Raum mit großen Fenstern und Baumstämmen als Stützen
Modell…

„Na klar“, sagt HerrBert. Er hat heute schon seine Wanderschuhe an, denn er hat herausgefunden, dass man bis zu diesem Hanging Cliff Trail erstmal eine knappe Stunde durch einen lauschigen Nadelwald hinwandern und dann diese Strecke wieder zur Besucherzentrum zurück muss. Gesamtwanderzeit drei Stunden. Während die Reiserin sehr skeptisch nochmal das Streichholzbrückenmodell betrachtet, nähert sich ihr ein uralt scheinender, sonnengegerbter Mann und beginnt freundlich auf sie einzureden. Sie lächelt freundlich zurück und versteht kein Wort.

Nach ein paar Minuten haben wir unsere Tickets für den Trail erworben. Wo er beginnt? Die Schaltermitarbeiterin des Touristenzentrums zeigt müde auf den Hinterausgang des Gebäudes. Während wir einen Blick auf den kleinen Wald werfen, der direkt dahinter anfängt, kommt ein nächster sonnengegerbter Mann und spricht von „60 GEL“ und „waiting“.

Vier Beine oder vier Räder?

Was meint er? HerrBert beginnt zu verstehen. „Der will uns zum Cliff Trail fahren.“ Die Reiserin ist empört. Wir sind doch hier zum Wandern! Energisch winkt HerrBert den Mann weg. Kurz darauf stiefeln wir los. Ein gepflastertes Weglein führt durch bezaubernd sonnig-schattigen, überwältigend nach Kiefernadeln duftenden Wald. An sich sehr schön hier. Und es geht auch gar nicht so doll bergauf. Und drei Stunden, das schaffen wir doch locker! Ist ja auch nicht soooo heiß. In Berlin ist es jetzt viel heißer, die heißesten Tage des Jahres oder so. Ein wenig versuchen wir zuerst noch, voreinander unser schweres Schnaufen zu verbergen. Das wird aber sekündlich schwieriger. Es geht scheinbar doch irgendwie bergauf. Aber 10 Minuten haben wir schon geschafft!

Nach einer ersten kleinen Verschnaufpause schreiten wir weiter. Was ist denn das da vorne? Es sieht aus wie der Mann im Karohemd, der uns vorhin ebenfalls etwas in Georgisch erzählte, und den HerrBert ebenfalls wegschickte. Jetzt steht er mitten im Wald vor seinem Auto und fummelt etwas an der Motorhaube herum. Als wir auf seiner Höhe sind, lächelt er freundlich und sagt nachdrücklich: „70 GEL“, hin und zurück. Wir gucken uns an. „Höchstens zurück“, meint dann die Reiserin. Soviel Ehre muss sein. „Hin laufen wir zu Fuß“. In Ermangelung der richtigen Worte stellt sie es pantomimisch dar. Der Mann grinst trocken. 70 GEL, für beide, hin und zurück, selber Preis.

Unser Stolz beginnt zu bröckeln. Oder sollen wir uns doch bis zum Trail fahren lassen und nur den Cliff Trail zu Fuß gehen? Der Mann mit dem Karohemd schließt die Motorhaube und grinst gelassen. Die Reiserin ist fast schon gekippt. HerrBert zögert noch. Mit der coolen Gelassenheit des späten Clint Eastwood öffnet der Mann die Autotür zur Rückbank. Nur zu, es tut doch nicht weh. Jetzt ist auch HerrBert dran. Ach, was soll’s, dann lassen wir uns halt fahren. Der Mann lächelt unmerklich. Das mit der Motorhaube klappt immer. Der Trick mit dem Wald ist sein Erfolgsgeheimnis. Damit kriegt er sie alle. Rumpelnd und ungerührt fährt er uns querwaldein durch üppige Dörfer und grüne Obstauen bis zu einem kleinen Häuschen. „Ticket please“. Hier geht wohl der Trail los.

Metalltreppe, die einen bewaldeten Hang hinunter führt
Runter kommense immer

Die Hängepartie beginnt…

Insgesamt je knapp 500 Stufen hinunter zum Skywalk und ebensoviele wieder hinauf soll es geben. Das haben wir gelesen. Das kriegen wir hin. Doch womit wir nicht gerechnet haben: Als wir die ersten Treppen zum eigentlichen Trail hinuntergegangen sind und vor dem eigentlichen Skytrail stehen, stellen wir fest, dass der schmale Gang nicht nur auf sehr schmal erscheinenden Stahlträgern über dem Abgrund in die Felswand getackert ist – sondern dass er aus Gittern besteht und man buchstäblich mit jedem Schritt in die Tiefe unter sich sieht.

Blick von einem Gittersteg auf eine tiefe, bewaldete Schlucht unter blauem Himmel mit Wolken
… und Wirklichkeit

Der Reiserin wird sofort übel. Sie hat Höhenangst in dem Ausmaß, dass sie in Berliner Wohnhäusern in oberen Stockwerken schon die Balkone meidet und grundsätzliche keine Gitterböden betritt, die höher als ein Meter über dem Boden sind, weil ihr dann nämlich schwarz vor Augen wird. Nun ist sie gefühlte 100000000000000 Meter – in Wirklichkeit sind es 120 – über dem Talgrund und traut sich nicht vor und nicht zurück. Genauer gesagt verflucht sie den Tag, an dem sie beschloss, nach Georgien zu fahren. Nein, mehr noch, sich mit einem Menschen zusammengetan zu haben, der Outdoor-Abenteuer als belebende Kleinigkeit im grauen Alltag empfindet. In ihr geht eine Tür zu und sie verabschiedet sich vom Leben. Die nächsten knapp 900 Meter schleicht sie über den Abgrund, bittet den lieben Gott tausend Mal, sie nicht ausgerechnet an dieser Stelle sterben zu lassen und muss zwischendurch vor Angst weinen. Irgendwann ist die Tortur vorbei und eine Treppe führt nach oben. „Setzt du dich doch mal hin, ich versuch mal, die Drohne zu starten“, sagt HerrBert, um sie abzulenken.

Mutig steuert er die Drohne in die Weite. Ihr Kameraauge blickt auf die Bergwände und den Fluss weit unten. Trotz der vielen Blätter schafft sie ihr schönstes Kunststück und landet nach ein paar Runden wieder auf seiner ausgestreckter Hand.

Person mit blauer Kappe und schwarzem T-Shirt steht auf einer Metalltreppe neben einem bewaldeten Felsenhang
Die Drohne hat zum Glück keine Höhenangst

Wenn die Reiserin allerdings gehofft hat, dass die Tour jetzt zu Ende ist, hat sie sich getäuscht. Das war erst die Hälfte. Doch eine Verbesserung gibt es aus ihrer Sicht: Ab jetzt sind die Gehsteige nicht mehr aus Gitter, sondern aus Eisenplatten, so dass sie sich vorgaukeln kann, nicht in über Hundert Meter über ein paar Stahlträgern durch die Luft zu gehen. Damit kann sie, wo sie jetzt schon mal hier ist, doch hin und wieder auch einen Blick und die Weite werfen. Denn beeindruckend imposant ist die Okatseschlucht natürlich schon.

Ungefähr eine halbe Stunde und die zweiten 500 Treppenstufen später sind wir wieder am oberen Rand der Schlucht. „Guck mal, da vorne“, versucht HerrBert die ob der inneren Aufregung nun komplett auf dem Zahnfleisch kriechende Reiserin aufzumuntern. „Unser Abfangjäger!“ Und tatsächlich, unser Fahrer ist uns auf dem Weg ein Stück entgegengekommen und geht die letzten Meter bis zu seinem Gefährt dicht voran. Als wir uns auf die Rückbank plumpsen lassen, kommt die Reiserin langsam wieder auf Normaltemperatur. Und auch HerrBert ist froh, dass man sich für diese Variante entschieden hat. „Stell dir vor, wir müssten jetzt nochmal ne Stunde zurückwandern“, murmelt er.

Weiter bis zum Pool

Herzlich verabschieden wir uns kurz danach beim Besucherzentrum wieder von unserem Fahrer und drücken ihm umgerechnet rund 25 Euro in die Hand für seine zwei kurzen Fahrten mit uns. Wahrscheinlich haben wir ihm damit den Triumph über seine weniger geschäftstüchtigen Kollegen zu leicht gemacht, denn vor lauter Hin- und Hergerissensein zu Beginn unserer Fahrt hatten wir versäumt, mit ihm über den Fahrpreis zu verhandeln, wie es wahrscheinlich üblich gewesen wäre.

Durch die gesparte Zeit und Energie können wir jetzt noch ein ganzes Stück Strecke schaffen und entscheiden uns, noch ungefähr zwei Stunden bis in die Bergbaustadt Chiatura zu fahren. Diese ist bekannt für ihre vielen Seilbahnlinien, die der Bevölkerung seit Stalins Zeiten als Hauptverkehrsmittel in der gebirgigen Gegend dienen und noch – oder wieder – in Betrieb sein sollen. Rasch von unterwegs eine Unterkunft gefunden, und dann richtig Gummi gegeben. Die Unterkunft lockte nämlich mit einem Pool – und löste ihr Versprechen mehr als ein.

Blick von oben auf einen rechteckigen Pool mit Liegestühlen und Sitzgruppe, umgeben von Weinreben und mehreren Häusern vor bewaldeten Hügeln

Gute Nacht und viele Grüße aus Chiatura!

Der Song des Tages ist heute Tushetian Melodies von Lela Tataraidze. Das für uns traditionell klingende Instrumentalstück kannten wir vorher gar nicht, aber das Cover hat uns begeistert: Es zeigt eine Landschaft wie die, in der wir heute waren.

Was bisher (und danach) geschah: hier.