Rostige Wasserquelle mit fließendem Wasser in einer grünen Berglandschaft und einer grasenden Kuh im Hintergrund

Fast vier Tage lang waren wir in Tbilisi. Die Stadt hat einen großen Reiz. Von ihren besonderen Vorzügen werden wir demnächst erzählen. Doch heute erzählen wir vom Kaukasus. Da sind wir nämlich gestern am späten Nachmittag bei strömendem Regen angekommen. In Empfang genommen hat uns eine reizende Vermieterin namens Maria. Sie ist in Russland aufgewachsene Georgierin und vermietete uns eines der typischen dreieckigen Häuschen, die hier in der Ortschaft Stephansminda am Fuß des über 5000 Meter hohen Berges Kazbeg oft zu sehen sind. Unten sind gemütlich das Wohnzimmer, die Küche und sogar ein künstlicher Kamin untergebracht. Oben, mit direktem Blick auf die spektakulär an der Kante des Steilhangs stehende Gergeti-Dreifaltigkeitskirche, das Schlafzimmer. Obwohl die Nebelschwaden tief hängen, ist der Blick auf die Kirche frei. Vielleicht, wenn es nachher nicht zu doll regnet, fahren (Plan Frau Reiserin) oder wandern (Plan HerrBert) wir hinauf.

Song des Tages: „Kikine kikine“ von Group Iberia

Alte Georgische Heerstraße

Die Fahrt von Tbilisi hierher gehört zu den beliebtesten Routen in Georgien. Gut 200 Kilometer führt die Straße in Richtung Norden. Sie heißt „Alte Georgische Heerstraße“, weil sie im 19. Jahrhundert zum Zweck des Truppentransports ausgebaut worden war. Als Handels- und Transitroute diente sie davor schon viele Jahrhunderte. Heute ist es die direkteste Verbindung nach Russland – die Grenze liegt nur 11 Kilometer nördlich von Stephandsminda – so dass vor allem über den Dschwari-Pass, auf Deutsch „Kreuzpass“, sehr viele russische Laster sich die kurvige und gewundene Straße hochschnaufen.

Weg vor einem grünen Berg, dessen Gipfel von Wolken bedeckt ist, unter blauem Himmel mit weißen Wolken
Spektakuläre Ausblicke von der Alten Georgischen Heerstraße

Das Besondere an der Heerstraße sind zum einen ihre wunderschönen Aussichten. Und zum andere die kleinen Attraktionen am Wegesrand. Sie reihen sich beiläufig aneinander, so dass die etwa vierstündige Strecke nie langweilig wird.

Die Bergwelt ist an dieser Route spektakulär. Der Kaukasus ist ein grünes, weitläufiges Gebirge mit mächtigen Flanken, die nah an der Straße verlaufen.

Mzcheta – Souvenir, Souvenir

Den ersten Halt machten wir schon kurz, nachdem wir uns aus dem dichten Verkehr in Tbilisi herausgewunden hatten. Mzcheta liegt nur etwa eine Viertelstunde entfernt. Die frühere Hauptstadt Georgiens versammelt gepflegte historische Häuser mit Holzbalkonen um eine große Klosterkirche.

Kopfsteinpflasterstraße mit Marktständen und parkenden Autos führt zu einer historischen Kirche mit rundem Turm vor bewaldeten Bergen unter blauem Himmel mit Wolken
Früher die Hauptstadt von Georgien: Mzcheta

Darum herum reihen sich Souvenirstand an Souvenirstand, und die Reiserin hätte sich fast einen bezaubernd geblümten, pelzverbrämten schwarzen Umhang aufschwatzen lassen, realisierte dann aber, dass sie bei an die 30 Grad Außentemperatur demnächst dafür keine Verwendung haben würde. Enttäuscht ließ die eifrige Verkäuferin sie gehen. „Design!“, rief sie uns frustriert hinterher.

Der Schinwali-Stausee – Georgien der Herzen

Herzförmiger Blumenbogen mit dem Schriftzug 'I love GEORGIA' über einem roten Teppich mit dem Wort 'WELCOME' mehrfach darauf, im Hintergrund Berge, ein türkisfarbener See und zwei wehende georgische Flaggen
Liebeserklärung für knapp 1,70 Euro

Die nächste Attraktion war der große, türkisfarbene Stausee, der sich ungefähr eine halbe Fahrstunde später in die Berge schmiegt. An alle Stellen des Straßenrands, die Aussicht auf den See bieten, haben sich geschäftstüchtige Souvenirhändler eingefunden und an die strategisch wichtigen Stellen große Metallherzen, Schaukeln oder sonstige Kulissen aufgebaut, die man für ein Selfie mit Aussicht gegen einen kleinen Obolus benutzen darf.

Der geheimnisvolle Heilige

Eine knappe halbe Stunden später trafen wir auf die nächste Sehenswürdigkeit. Das Navi und diverse Reiseführer beschreiben sie als „Crazy Holy Spot“: die riesenhafte Statue eines sehr ernst, geradezu innerlich zerrissen blickenden orthodoxen Mönches mit dramatisch gespreizten Händen, der vor einer Art sowjetisch inspiriertem Torbogen steht und mahnend schaut. Die Statue soll einen historisch bedeutenden Gelehrten aus dem 17. Jahrhundert darstellen. Wer sie allerdings geschaffen hat – und warum – bleibt den Reisenden verborgen, da es weder vor Ort noch sonstwo verlässliche Information darüber gibt.

Hier ließ HerrBert dann spontan das Dröhnchen aufsteigen, und rekognoszierte bei der Gelegenheit die hölzerne Hängebrücke über den schmalen Aragvi-Fluss, die wir davor beim Vorbeifahren kurz wahrnahmen. Die Drohne fand nun heraus, dass sie nur wenige Fußminuten entfernt lag, was sich HerrBert natürlich nicht zweimal sagen ließ. Auch die Reiserin nahm ihren Mut zusammen und schritt über die ordentlich schaukelnden, aber stabil aneinandergereihten Holzbohlen. Ihr Herz schlug dabei kaum schneller: Der Fluss darunter war nämlich überschaubar und die Höhe nicht allzu verstörend. Sollte der Boden plötzlich unter ihr nachgeben, würde ihr wohl nichts Ernsthaftes geschehen. Tat er aber natürlich nicht.

Der Brunnen am Berg

Ein Mann steht an einem oxiederten alten Quellbrunnen aus Metall, aus dem Wasser fließt, vor einer niedrigen Steinmauer und einem bewaldeten Hügel im Hintergrund
Hilft gegen alles: das natürlich sprudelnde Schwefelwasser des Kaukasus direkt ab Quelle

Den nächsten Stopp machten wir bei einem kuriosen, von rosa Schwefelablagerungen überkrusteten schlichten Metallbrunnen mitten im Nirgendwo. Hier ist die Quelle für natürliches Schwefelwasser, das hier frei aus dem Boden sprudelt. Wir erfuhren, dass für die einheimische Bevölkerung zu einer Fahrt über die Georgische Heerstraße fest dazugehört, hier einen Halt zu machen und mitgebrachte Flaschen mit dem scheinbar nicht nur trinkbaren, sondern gegen alle vorstellbaren Zipperlein helfenden Wasser zu füllen.

Wie zum Beweis hielt direkt vor uns ein älterer Mann an dem Brunnen. Kaum war sein Fläschchen gefüllt, nahm er einen herzhaften Schluck und fuhr dann, vielleicht ja innerlich verjüngt und geheilt, weiter. Sofort tat es ihm die Reiserin nach und füllte zwei Gefäße für sich und HerrBert. Wir stießen an und nahmen einen Schluck. „Also so richtig lecker finde ich es nicht“, gestand HerrBert. Die Reiserin musste zustimmen. Erstaunlich stark und feinperlig gesprudelt hat es. Aber es schmeckte auch ganz schön doll nach Metall. Vielleicht entfaltet es seine Wirkung noch, wir werden berichten.

Die georgisch-russische Freundschaft

Mit der nächsten Attraktion erreichten wir schon fast den höchsten Punkt des Passes. Schon von weit her war das riesige, weitläufige Denkmal für die Russisch-Georgische Völkerfreundschaft in der kargen Berglandschaft zu sehen. Leuchtend bunt im sowjetischen Mosaikstil erzählt das 1983 errichtete, aus ursprünglich 1217 bunten Kacheln zusammengesetzte Monument von eben diesem Thema, und ermöglichte gleichzeitig wunderbare Blicke in die Weite der Berge. Dass es kurz vor unseren Eintreffen zu regnen begonnen hatte, und ein starker Wind aufzog, hielt uns nicht zurück, dem kuriosen Denkmal einen Stopp zu widmen.

Großes steinernes Kreuz auf einem gepflasterten Grab mit Berglandschaft und bewölktem Himmel im Hintergrund, daneben weitere Kreuze auf Gräbern
Friedhof für deutsche Kriegsgefangene im 2. Weltkrieg, die an der Georgischen Heerstraße Zwangsarbeit verrichteten

Wenige Minuten danach stiegen wir nochmal aus unserem Jeep. Diesmal aber nicht für grellbunte Fotos, sondern für einen kurzen Moment des Gedenkens. Auf einem kleinen, schmucklosen Friedhof direkt an der Passstraße liegen 200 Deutsche, die als Kriegsgefangene im 2. Weltkrieg an der Sowjetische Heerstraße Zwangsarbeit leisteten und dabei zu Tode kamen.

Steinköpfe und Stalinbuletten

Danach war der Kreuzpass, immerhin gut 2300 Meter hoch, überwunden und die Straße führte wieder bergab, bevor sie sich in den letzten Windungen nach Stephandsminda – oder wahlweise Kazbegi – schlängelte. Inzwischen nieselte es wieder vehement, und so streiften wir die zweitletzte Attraktion nur kurz: Ein halbes Dutzend riesiger Steinköpfe, die ein Bildhauer namens Merab Phiranishvili hier auf die Bergwiese gestellt hatte.

Der zweitletzte Stopp des heutigen Tages galt dem Supermarkt, Nach vielen Tagen der Restaurantverpflegung stand mal Selberkochen an. Und zwar HerrBerts Lieblingsgericht „Kartoffel mit Irgendwas“. Das Irgendwas fand er in der Tiefkühltruhe: Gori-Koteletten, wie wir sie vor einigen Tagen auf unserer Fahrt ja kennenlernten, und die wir der Einfachheit halber in Stalinbuletten umgetauft hatten.

Den Rest des Abends genossen wir unser Häuschen und spürten die Müdigkeit in den Knochen. Nicht von der Fahrerei, sondern von der halb durchgemachten Nacht davor: Bis um drei Uhr georgischer Zeit saßen wir vor dem Bildschirm und zogen uns das deutsche WM-Desaster rein. Hätten wir es mal gelassen…

Doch heute ist ein neuer Tag und vor unserem Dreieckfenster scheint die Sonne.

Liebe Grüße aus Stephandsminta!

Der Song des Tages ist heute „Kikine kikine“ von Group Iberia. Wir vermuten, dass es die modernisierte Version eines Volksliedes ist. Der beschwingte Rhythmus und die klangvolle Sprache in dem Stück werden uns nicht langweilig.

Was bisher geschah: hier.

Großes Wandmosaik mit zwei stilisierten Löwen, dekorativen Mustern und kyrillischem Text, umgeben von Natur und einem überdachten Bereich
Auf der Georgischen Heerstraße fahren auch Busse: Mosaik an einer Haltestelle