Bemalte grüne Doppeltür mit zwei stilisierten Frauen in blauer und lila Kleidung, die an einem kleinen Tisch mit zwei Weingläsern sitzen, darüber rotes Schild mit weißer Aufschrift 'CAFE LINVILLE'

Vier Tage waren wir in Tbilisi unterwegs. In diesen Miniaturen wollen wir einige Liebenswürdigkeiten dieser Stadt vorstellen.

Song des Tages: „Nivalar Delilerindi“ von Faradjov (feat. Cavid) – mehr dazu unten

Die Altstadt

Vieles ist im Umbruch in Tbilisi. Alte und neue Welt prallen hier aufeinander und die neue Welt drückt dabei mächtig auf die Tube. Ein Beispiel: Die sonst in Georgien vorherrschende, eher orthodoxe Kleiderordnung der Frauen findet hier weit weniger Beachtung. Hier wird Bein, Po und Ausschnitt gezeigt wie sonst nirgends in Georgien.

Auch architektonisch bewegt sich die Stadt zwischen Vergangenheit und Moderne. Neben Futuristischem wie der Friedensbrücke ist das Bäderviertel mit seiner Bäderarchitektur aus dem 1. Jahrtausend nach Christus ein Zeugnis der Vergangenheit. Auch die Altstadt mit den Häusern aus dem 19. Jahrhundert zeigt den Charakter einstiger Zeiten des Aufschwungs. Bürgerhäuser, verzierte, prachtvolle Tore, der Wunsch, seinen Status zu repräsentieren.

Im Gegensatz zu den Bädern verfiel die Altstadt in den letzten Jahrzehnten – und doch hat dieses Verfallene eine außergewöhnliche Anziehungskraft. Vielleicht ist es ein Stück weit HerrBerts altes DDR-Gen, diese Ost-Berlin-Erinnerung, die da mitschwingt, wenn er die zu großen Teilen unrenovierte Altstadt von Tbilisi heute sieht. Dieses Unfertige, das nicht Geleckte, nicht Strahlende, sondern der fast sichtbare Zahn der Zeit, der hier nagte und weiterhin nagt. Doch man fängt an, ihm zu Leibe zu rücken. Neubauten, die sich den alten Vierteln anpassen, Häuser, die renoviert wurden, und die nun keine Neugier mehr wecken, was sich hinter der bröckelnden Fassade wohl verbergen mag. Das sichtbare Alter der Altstadt in Tbilisi ist uriger als anderswo, und es wird so in zehn und in zwanzig Jahren nicht mehr zu sehen sein. Genießen Sie also die unsanierte Altstadt, so lange es noch geht.

Das zusammengewürfelte Geschirr

Tiflis hat insgesamt einen eher bröseligen Charakter. Die Mauern sind oft schrundig, die Gehsteige häufig uneben. Das setzt sich manchmal bei den Interieurs, etwa in Cafés fort. Da wirken Mobiliar und Geschirr manchmal etwas zusammengewürfelt.

In vielen Cafés wurden uns Speisen entweder auf völlig angeditschtem oder nur vage zusammenpassendem Geschirr serviert. Sehr beliebt sind Konglomerate aus Blümchenmustern, die direkt aus Omas Sonntagsgeschirrvitrine – oder vom Flohmarkt – stammen dürften. Keine zwei Muster sind identisch, doch immer sind sie mit Sorgfalt und Liebe so kombiniert, dass eben doch alles zusammenpasst. Gerne kommen auch noch Väschen mit mehr oder weniger echten Blumen hinzu. Nicht zuviel, aber definitiv auch nicht zuwenig, so haben wir die warmherzige, liebevolle Ästhetik der Cafés in Tiflis erlebt.

Die diskreten Straßenhunde

Wie überall in Georgien, wo wir unterwegs waren, gibt es auch in Tiflis sehr viele wilde Straßenhunde. Meist liegen sie gemütlich mitten auf dem Gehweg oder entspannen zwischen geparkten Autos. Manchmal ruhen sie sich vor dem Eingang eines Geschäfts oder sonst irgendwo aus, wo Menschen durch möchten. Stört die Hunde aber überhaupt nicht. Ganz selten, so ist unsere Erfahrung, nähern sie sich Menschen direkt. Wenn ihnen jemand beiläufig ein Rest vom Essen oder ein Stück Brot gibt, nehmen sie es unaufgeregt an.

Was sie so gut wie niemals tun: Bellen, knurren, betteln oder sonst wie nerven. Sie scheinen nämlich tiefenentspannt, geradezu diskret und null aggressiv. Die meisten von ihnen haben ein Marke im Ohr. Diese zeigt an, dass der Hund im Auftrag der Stadt geimpft, kastriert und registriert worden ist. Menschen, die Angst vor Hunden haben, können die Straßenhunde von Tiflis darum einfach ignorieren: Die Hunde tun das umgekehrt auch.

Schwer in Mode: Chimney Cake oder Trdelniki

Für Menschen aus dem Osten Deutschlands ist der neue Foodtrend in Tiflis ein alter Hut: Teigstreifen, die um einen heißen Eisenzylinder gelegt und so gebacken werden, kennen sie als „Baumstriezel“ von Weihnachtsmärkten. In Georgien werden daraus neuerdings essbare – und instagrambare – Eisbecher gemacht. Der frisch gebackene „Chimney Cake“ (Kaminkuchen) wird dafür in einen Einwegbecher gestellt und mit Nutella, Obst und Eiscreme gefüllt. Dann kommt noch ein fetter Berg Sahne obendrauf und schon ist das Teil für den Social Media-Einsatz oder zum Aufessen bereit. Die Reiserin fand ihn nicht unlecker, insgesamt aber zu schwer. HerrBert zuckte nur mit den Schultern. „Baumstriezel mit Eis halt. Kommt eigentlich aus Rumänien.“

In Schwefel gebadet oder: Die flüssigen Saunen von Tiflis

Dass man in Tiflis mal ein Badehaus besuchen sollte, steht in jedem Beitrag über die Stadt. Also suchen wir uns eins aus. Das ist nicht so schwierig, da sie alle nebeneinander im Viertel Abanotubani am Fuß des Hügels mit der Narikala-Festung stehen. Dort sprudeln die natürlichen heißen Quellen mit schwefelhaltigem Wasser. Sie haben der Stadt sogar ihren Namen gegeben, „tbili“ heißt auf Georgisch „warm“.

Wir entscheiden uns für Gulo’s Badehaus. Der Rest ist sehr einfach: In der unspektakulären Lobby fragen wir nach einem freien Termin für ein Privatbad. „Für 150 GEL ohne Sauna, oder für 250 GEL mit?“, fragt die ungerührte Mitarbeiterin. Ohne Sauna reicht, danke. „Handtücher nötig?“, fragt sie. Ja, bitte, also nochmal 10 GEL obendrauf, bitte Barzahlung.

Dann bedeutet uns einer der am Eingang herumsitzenden Bademeister, ihm zu folgen. Direkt nebenan weist er uns in eines der pizzaofenförmigen Backsteinhäuschen, die das eigentliche Badehaus sind. Er weist uns in einen mosaikverzierten Traum aus 1001 Nacht – unser Privatbad für die nächste Stunde. Ordentlich heiß soll das Wasser im warmen Bassin sein, haben wir gelesen. Darüber hat die Reiserin nur müde gelacht, denn in einer Badewanne liegen, deren Temperatur man kaum aushält, war früher eine ihrer bevorzugten Entspannungsmethoden. Doch als sie jetzt den ersten Zeh ins Wasser setzt, glaubt sie an einen Scherz. Es fühlt sich an wie kurz vor dem Siedepunkt.

Millimeterweise arbeitete sie sich ins Wasser. HerrBert, von Natur aus eher ein Kaltduscher, tut es ihr ächzend nach. „Fühlt sich an wie flüssige Sauna“ murmelt er. Tatsächlich sollen es 40 bis 45 Grad Celsius sein.

Da springt die Reiserin schon wieder auf und eilt zum zweiten, etwas kleineren mosaikbelegten Becken. Es ist eiskalt, was sie eigentlich überhaupt nicht leiden kann. Aber jetzt geht es nicht anders. Bibbernd und prustend versenkt sie sich, auch hier millimeterweise, ins kalte Wasser. Hält es aber auch nicht lange aus und muss zurück ins heiße Becken.

Und jetzt kommt zum ersten Mal der Effekt: Dieses fühlt sich nämlich jetzt schon längst nicht mehr so heiß an. Sondern eher wie eine angenehm warme Badewanne. HerrBert, mir-nichts-dir-nichts zwischendurch ins eiskalte Becken abgetaucht, stimmt zu. Auch für ihn ist das fast unerträglich Heiße jetzt angenehm.

So planschen wir hin und her, und fast nebenbei fühlen wir, wie unsere Lebensfreude ansteigt. HerrBert legt sich jetzt zum Ruhen auf die Marmorbank mit der Nackenstütze. Hätten wir noch eine traditionelle georgische Wellnessbehandlung gebucht, käme jetzt eine Bademeisterin, und würde uns abwechslungsweise mit brühend heißem und eiskaltem Wasser aus dem Eimer begießen, und dann mit einem schrubbeligen Tuch abschrubben. Haben wir aber nicht, wir sind auch so zufrieden.

Nach einer Dreiviertelstunde reicht es, wir brausen uns an dem dafür angebrachten Duschrohr ab, ziehen uns im kleinen Vorraum um, Toilette ist auch da, und pünktlich nach 55 Minuten kommt eine Stimme durch die Gegensprechanlage, dass unsere Zeit jetzt gleich um ist. Unser Fazit ist eindeutig: Badehaus rockt. Bestimmt im Winter – aber auch jetzt, wo uns draußen Sonnenschein und an die 30 Grad erwarten.

Der zweite Teil der Liebenswürdigkeiten von Tiflis folgt hier demnächst – es gibt nämlich noch einige mehr. Aber davor werden wir noch erzählen, was wir in den drei Tagen im Kaukasus am Fuße des unvergleichlichen Fünftausenders Kazbeki erlebt haben. Die Tage hier sind leider schon wieder um, und gleich geht es von Stephansminta über die Alte Georgische Heerstraße zurück in Richtung Süden und in die mittelalterliche Stadt Achalziche.

Stay tuned!

Kleiner weißer Pudel mit rosa gefärbtem Schwanz steht auf einem gepflasterten Gehweg
Er ist kein wilder Straßenhund

Song des Tages ist heute eine Ode an den in Teilen Osteuropas ikonischen Geländewagen Lada Niva, der seit den 1970er produziert wird. Übersetzt bedeutet der Songtitel „Nivalar Delilerindi“ ungefähr: „Die Nivas gehören den Verrückten“. Wir haben das Stück bei einem der Streifzüge durch Tbilisi aus einem fahrenden Auto aufgeschnappt.

Der Künstler Faradjov produziert anonym, hier zusammen mit seinem Underground-Kollegen Cavid, und ist ein Vertreter der in Asarbeidschan sehr beliebten Musikrichtung „Azeri Bass Music“, die man als Autofahr-Bass-Mucke bezeichnen könnte, da sie zu diesem Zweck produziert wird. Charakteristisch sind die maximal fetten Bässe, die für Soundsystem von Autos optimiert sind.

Die Musikrichtung war uns beiden unbekannt. Als die Reiserin dasselbe auch über das Auto sagen wollte, korrigierte HerrBert sie: Ihm war der in Osteuropa weit verbreitete Geländewagen Lada Niva nicht nur ein Begriff, er hatte sogar die Idee, für unsere Georgienreise einen solchen zu mieten. Leider war aber von Deutschland aus keiner zu kriegen.

Was bisher geschah: hier.

Hinweis: Wir haben den Besuch im Badehaus selbst bezahlt und haben keine Vorteile von der Nennung des Unternehmens.