Straße mit Gehweg, blühender Kletterpflanze an Hauswand, parkenden Autos und mehreren Personen im Hintergrund

Ganz am Anfang unserer Reiseplanung für Georgien stand die Frage, wohin wir fliegen: Tbilisi und Kutaisi kann man aus Deutschland direkt erreichen, Batumi mit einem Stopp in der Türkei. Die Flugzeit liegt zwischen 4 und 8 Stunden, die Preise sind ähnlich. Wir mussten also inhaltlich entscheiden. Gleich in die Hauptstadt, die aber für einen Roadtrip etwas ungünstig liegt? Ins zentralere, aber eher provinzielle Kutaisi – oder ins „Las Vegas Georgiens“, wie der Badeort Batumi an der Schwarzmeerküste auch genannt wird?

Song des Tages: „Hasta la Muerte“ der Hermanos Gutiérrez (mehr dazu unten)

Flug nach Georgien: direkt nach Tbilisi oder Kutaisi, oder mit Umsteigen nach Batumi?

Wir entschieden uns, Batumi ans Ende unserer Tour zu legen und freuten uns auf ein paar Tage Chillen am Meer zum Abschluss. Das war eine gute Entscheidung. Nur, dass Batumi ganz anders war als erwartet: spektakulärer und schraddeliger, urbaner und lieblicher – und erst zuallerletzt ein Badeort. Und trotzdem – oder deswegen – hat sich vor allem die Reiserin sofort in Batumi verliebt.

Anfahrt auf Batumi

Um die zweitgrößte Stadt Georgiens aus dem Landesinneren – in unserem Fall aus Achalziche – mit dem Auto zu erreichen, überquerten wir die Gebirgskette des Kleinen Kaukasus. Die serpentinenreiche Straße führt bis auf den Goderzi-Pass auf über 2000 Meter und es lohnt sich, ihr einen ganzen Tag zu widmen.

Nicht nur, weil sie von vielen wunderlichen und kuriosen Aussichtsorten gesäumt ist. Sondern auch, weil die Anfahrt auf Batumi im späten Nachmittagslicht besonders viel Freude macht, wenn man vorher viele Stunden über bewaldete Berghänge gekurvt ist und allmählich Lust auf Meer bekommt.

Strand mit Palmen im Vordergrund, rotem Rettungsturm und blauem Himmel über ruhigem Meer
Die Stadt Batumi am Schwarzen Meer ist viel mehr als ein Badeort

Orbi City: Luxushotel, Nebeneingang

Wir hatten uns für eine Unterkunft direkt am Meer entschieden: ein modernes Appartement irgendwo weit oben. In dem neu entwickelten Viertel namens Orbi City direkt am Strand ragt ein Hotelhochhaus neben dem anderen und ein Appartementblock neben dem nächsten in den Himmel.

Nächtliche Stadtansicht von Orbi City in Batumi, Georgien, mit modernen, beleuchteten Hochhäusern und Baukränen im Vordergrund
Orbi City by Night

Vorteil: die Lage direkt am Meer. Nachteil: Abgesehen von ihrem Fast-wie-Dubai-Groove hat die Gegend kein richtiges Flair. Außerdem schmücken sich viele Appartements nur mit dem Namen der internationalen Hotelketten, die im selben Gebäude untergebracht sind. Die Unterkünfte selbst werden privat vermietet und haben sehr unterschiedliche, vorher kaum überprüfbare Sauberkeits- und Qualitätsstandards. Ein weiterer Trumpf in Orbi City ist allerdings die Strandpromenade – sie führt nämlich mit einem gemütlichen Spaziergang in die bezaubernde Innenstadt von Batumi.

Doch davor kommt noch die Weiße Magnolie.

Das Geheimnis der Weißen Magnolie

Mehrstöckiges, marodes Wohngebäude mit Balkonen und zahlreichen Klimaanlagen davor parkende Autos und ein gelber Kleinbus bei blauem Himmel
Eine kleine Ecke des Wohnblocks White Magnolia in Batumi

Von unserem Balkon im gigantisch hohen, eierförmigen Alliance Palace, in dem auch ein Luxushotel untergebracht ist, sahen wir auf ein klobiges, kurioses Wohngebäude, das uns sofort in den Bann zog. Die Reiserin war überzeugt, dass es sich um einen Wohnblock aus der späten Sowjetzeit handelt, architektonische Ähnlichkeiten zu den „Arbeiterpalästen“ an der Berliner Karl-Marx-Allee sind augenfällig. Doch HerrBert hatte seine Zweifel und ging der Sache nach.

Und tatsächlich: Der um einen riesigen Innenhof gruppierten Appartementkomplex namens Tetri Magnolia – Weiße Magnolie – wurde erst 2011 fertiggestellt. Dass er so heruntergekommen und von der Zeit verwaschen aussieht, hat andere Gründe: Pfusch am Bau.

Metalltür mit zwei Aufklebern in einem hellen, strukturierten Mauerwerkrahmen
Auch hinter dieser Tür des White Magnolia lauert wahrscheinlich Schimmel

Ursprünglich als pompöser Luxusblock mit High End-Wohnungen und schicken Boutiquen geplant, hatte der Investor so miserabel bauen lassen, dass die Stadtverwaltung das Ergebnis nicht abnahm. Die Fassaden aus überstrichener Gipspappe weichte nach kurzer Zeit im feuchten Schwarzmeerklima auf und fiel stückweise herunter, schwarz durchschimmelte Innenwände und marode Rohbauten führten dazu, dass das Gebäude im Grunde nicht bewohnbar war. Die Käufer zogen trotzdem ein, und weil sich niemand um die Einhaltung von Baugesetzen kümmerte, bauten sie eigenmächtig Wintergärten und andere Erweiterungen an und veränderten Fassaden und Balkone, was das schäbige Gesamtbild verstärkte. Erst in diesem Jahr wurde ein staatlicher Fonds aufgelegt, um die Weiße Magnolie, die vom ersten Tag an eine Bauruine war, umfangreich zu sanieren.

Seinen Namen hat das Projekt durch vier große Magnoliensträucher, die den Innenhof strukturieren und Grandezza verbreiten sollten. Tatsächlich stehen sie heute eher beiläufig in dem zugeparkten, verwahrlosten Innenhof. Doch gerade wegen seiner Tristesse hat das Gebäude, zumindest bei einem Kurzbesuch, Charakter. Wir haben ziemlich viel Zeit damit verbracht, einfach herumzuspazieren und einen Einblick in ein Stück echte Batumi-Geschichte zu bekommen.

Der Charme der Innenstadt: Brüssel, Venedig und Paris auf einmal

Ein ganz anderes Kaliber als die leicht megalomanische Strandlage ist die Innenstadt von Batumi. Sie wird im Großen und Ganzen von zwei Plätzen dominiert, die einander in ihrer generischen Skurrilität in Nichts nachstehen: der Europe Square und der Piazza Square.

Der Europaplatz wird dominiert von einem riesigen, scheinbar top restaurierten, irgendwie historisch wirkenden Gebäude, das lose an einen mittelalterlichen Marktplatz in, sagen wir: Brüssel erinnert. Wann genau zu welchem Zweck es hochgezogen wurde, konnten wir nicht herausfinden – nur, dass es nach dem Jahr 2000 war. Auf dem Europe Square findet täglich ein vielfältiger Kunsthandwerksmarkt statt und am und um den Platz gibt es unzählige Cafés und Geschäfte. Nur ein paar Fußminuten wird er an Skurrilität dann noch weit übertroffen durch ein weitläufiges Geviert, das übersetzt „Platzplatz“ heißt – die Piazza Square.

Markusplatz x The Venetian Las Vegas = Piazza Square Batumi

Mit seinem Disneyland-artigen Glockenturm und der Piazza-Atmosphäre wirkt er einerseits so künstlich wie das nachgebaute Venedig im „Venetian“-Hotel im echten Las Vegas. Nur dass sich hier der echte georgische Himmel über den Platz spannt. Architekturpuristische und historiensensible Reisenden dürften sich ungefähr so die Vorhölle vorstellen. Doch gleichzeitig ist der Piazza Square belebt von Restaurants und Cafés, auf einer Bühne wird abends Live-Musik gespielt und die Stimmung ist lebhaft und heiter. Für die Reiserin und HerrBert, die beide nichts gegen eine ordentliche Portion Kitsch und Camp Culture einzuwenden haben, hat die Piazza Square in Batumi definitiv Erholungspotential.

Ansonsten besteht die Innenstadt aus so vielen kleinen Sträßchen und gepflegt restaurierten historischen Wohnhäusern, dass man auch gleich noch an den Montmartre in Paris denkt, bloß ohne Hügel. Hier ist der megalomanische Investorenstil von Orbi City so weit weg wie die staubig verfallende Patina von Tbilisi, und es gibt überhaupt nichts zu meckern.

Das Band, das alles verbindet: die Strandpromenade

Beide Teile der Stadt werden durch die lange und gepflegte Strandpromenade namens Batumi Boulevard verbunden. Im Norden reicht sie bis zum Hafen. Hier starten die Partyboote und neben einem Riesenrad gibt es den Alphabet Tower – ein zylindrischer Turm mit zierlich durchbrochener Fassade,  der dem kringeligen Georgischen Alphabet gewidmet ist.

Direkt daneben befindet sich auch die als Touristenattraktion Nummero Uno von Batum gehandelte bewegte Skulptur Ali & Nino: zwei aus Metallscheiben bestehende, überlebensgroße, stilisierte Figuren in Form einer Frau und eines Mannes, die sich unmerklich auf einander zu und wieder voneinander wegbewegen. „Wie im wahren Leben“, meinte HerrBert und die Reiserin nickte tiefsinnig.

Am schönsten ist der historische Teil des Strandboulevards, der tatsächlich aus dem ausgehenden 19. Jahrhundert stammt: eine weitläufige, üppige Gartenanlage, in deren Mitte das kunstvoll ganz aus Holz gebaute Sommertheater steht.

Im Süden geht es weiter in Richtung der futuristischen Orbi City, dahinter schließen sich ältere Hochhäuser, ein Outdoor Gym und ein ziemlich abgerockter Lunapark an, die das Bild vervollständigen: Fast alles, was Batumi zu bieten hat, ist auch am Boulevard vertreten. Neben der Promenade verläuft ein sehr komfortabler, durchgängiger Fahrrad- und Rollerweg. Entlang des Boulevards kann man gut und gerne einen ganzen Tag verbummeln – und wenn es einem langweilig wird, geht man ein paar Schritte in die Stadt hinein und sucht die an vielen Orten noch vorhandenen, farbenfrohen Mosaikfriese aus der Sowjetzeit.

Batumi ist toll und wir wollen wiederkommen!

Unser Top Ten für Batumi:

  1. Mit Rollern die Strandpromenade entlangfahren (auf dem Fahrradstreifen)
  2. Der Octopus: Ein bezauberndes Relikt sowjetischer Mosaikkunst als Getränkepavillon
  3. Das White Magnolia-Gebäude
  4. Piazza Square
  5. Europe Square
  6. Ein Bad im Schwarzen Meer
  7. Die Mosaike auf dem Weg in die Innenstadt
  8. Das Sommertheater im Stadtpark
  9. Die moderne Architektur rund um die Shota-Rustaveli-Avenue auf Höhe der Luka-Asatiani-Straße
  10. Die Gegend um das Riesenrad und die Ali & Nino-Skulptur am Hafen bei Nacht

FAQ Batumi

Unterkunft in Batumi: Orbi City oder Innenstadt?

Fassade eines modernen Hochhauses mit geschwungenen horizontalen Linien und abgerundeten Ecken. Eine Etage ist mit einer kleinen rosa Fahne markiert
Bei dem rosa Fähnchen wohnten wir

Wir wohnten in einem der modernen Appartementwolkenkratzern rund um die Orbi City und mochten: 1. die spektakuläre Aussicht aufs Schwarze Meer, 2. die lebendige Wuseligkeit mit leichtem Hang zur Partydestination, 3. das skurrile „The White Magnolia“-Gebäude, das die Eintönigkeit der Hochhäuser unterbricht.

Was uns hier ein bisschen fehlte: 1. Die Möglichkeit, abends zu Fuß auf kurzem Weg nochmal in der Innenstadt zu schlendern,  2. Die gepflegte Innenstadtgrandezza mit den kleinen Sträßchen und den vielen Weinlokalen, 3. Das Gefühl, wirklich im Herzen von Batumi zu sein.

Das nächste Mal werden wir uns eine Unterkunft in der Innenstadt suchen und dann entscheiden, was uns besser gefiel.

Ist Batumi geeignet für Badeurlaub?

Aus unserer Sicht: eher nicht. Es gibt einen langen, breiten, gepflegten und sicheren Strand, und das Wasser des Schwarzen Meeres ist sauber genug zum Baden – jedenfalls, wenn man die Kälte nicht scheut.

Der Strand besteht jedoch aus Kieseln und es gibt keinen feinen Sand, in dem man wohlig liegen kann. Dennoch wird in Batumi gebadet und es gibt sowohl Badehäuschen mit Baywatch-Personal als auch bequeme Stege, um den Strand zu erreichen und zahlreiche Kioske mit Erfrischungen.

Aus unserer persönlichen Sicht ist Badeurlaub dennoch das Langweiligste, was man in Batumi unternehmen kann. Unsere Empfehlung: 2-3 Tage für die Stadt zu reservieren, um ihren Charme, die vielen Grünanlagen, die interessante Architektur und die unzähligen Cafés und Boutiquen zwischen Europaplatz und Piazza Square zu erkunden.

Wie bewegt man sich in Batumi fort?

In Batumi kann man sowohl in der Innenstadt als auch an der Strandpromenade sehr gut zu Fuß unterwegs sein. Es gibt auch ein solides Busnetz sowie Mietfahrräder und E-Roller. Da zickt aber die App beim Registrieren häufig und man braucht sehr viel Geduld.

Ist Batumi sicher?

Ja, wir haben uns auch abends als Fußgänger niemals und nirgendwo unsicher gefühlt.

Der Song des Tages ist heute „Hasta la Muerte“ der Hermanos Gutiérrez. Für das Konzert der beiden Schweizer mit ecuadorianischen Wurzeln im November in Berlin haben wir schon Karten. Das instrumentale Stück hat nichts mit Georgien zu tun, passt aber trotzdem gerade für uns.

Unser Reisetagebuch von Georgien gibt es hier.