Heute ist der Reiserin kontemplativ zumute. Warum? Keine Ahnung, vielleicht, weil es Herbst wird und die Blätter sich langsam färben.
Song des Tages: „Long Strange Golden Road” von den Waterboys (Mehr dazu unten)
Vielleicht ein bisschen auch, weil sie gestern einen Dokumentarfilm* im Kino sah, der sie kurzfristig an eine viel frühere Station ihrer Lebensreise zurückbrachte: die frühen 1990er Jahre im Süden unseres Landes.
Genauer gesagt brachte er sie an die Stelle ihres Lebens, als ihr gerade mal klarwurde, dass sie da, wo sie bisher war, ihre Zelte nun abbrechen und sich in den Zug nach Berlin setzen würde – mit leichtem Gepäck, einem abenteuerlustigen Herzen und der Adresse eines Bekannten, den sie ein paar Monate zuvor ganz woanders und nur ganz kurz kennengelernt hatte, und der ihr doch ausnehmend gut gefiel. Telefon hatte dieser keines, so dass sie erstmal bei einer Freundin unterkommen würde, und von dort aus dann sehen, wie es dem Bekannten so erginge, und ob auch er an einem näheren Kennenlernen interessiert wäre. Und wenn nicht, sei’s drum, dann wäre da immer noch Berlin, und der Rest würde sich zeigen.


So war es dann auch. Der Bekannte öffnete die Tür und die nächsten rund 20 Jahren verbrachten er und die Reiserin gemeinsam. Zunächst in kleinen Kreisen in und um Berlin, doch dann begann der Bekannte beruflich zu reisen, und kurz darauf zog die Reiserin nach. Unvergessen ist ihr die erste gemeinsame Reise in die USA, ihr allererster Langstreckenflug, der sie so sehr beschäftigte, dass sie sich nicht traute, gleich bis ins anvisierte Las Vegas zu fliegen – erstmal wollte sie an der nächstmöglichen Stelle an der Ostküste wieder an Land. Um langes Warten bei der Einreise im damals allseits beliebten New York zu vermeiden, schlug die Reiserin nach einem Blick auf die Weltkarte aufs Geratewohl Philadelphia vor, und die Flüge wurden gebucht. Der gutmütige Bekannte willigte sogar ein, vor den knapp 8 Stunden Flug – der Reiserin erschien das damals wie eine Ewigkeit – noch eine Nacht am Flughafen in Frankfurt im Hotel zu übernachten, auf dass sie am Morgen frisch ausgeruht auf die große Fahrt gehen könnten.

Diese Zimperlichkeiten hat die Reiserin gleich danach abgelegt – noch heute denkt sie mit klopfendem Herzen an den Moment, wo sie im Landeanflug auf Philadelphia erstmals mit eigenen Augen die prahlerisch große US-Flagge erblickte und das Gefühl hatte, wenn nicht auf dem Mond, so doch auf einem anderen Planeten zu landen. Dieses Gefühl ließ sie nie wieder los, und so war sie in diesem Moment nicht nur ans Fernweh verloren, sondern auch an die USA, die trotz des dort grade herrschenden Irrsinns für immer ihr Lieblingssehnsuchtsland bleiben werden – und von dem sie mit Tränen in den Augen hofft, es irgendwann wieder besuchen zu können. Voller Sehnsucht denkt sie auch an das bezaubernd schöne, schroffe Philadelphia zurück, wo sie an ihrem ersten Morgen außerhalb Europas damals die Augen aufschlug.

Doch davon wollte sie gar nicht erzählen. Sondern von der nächsten Reise. Diese sollte eigentlich nach Sizilien gehen, wohin es HerrBert vor Kurzem kurzfristig und in privater Angelegenheit verschlagen hatte. Leider sind die Flugpreise just in dem Moment, als sich die beiden in einem der kurzen Boxestopps, die HerrBert zwischen seinen gerade zahlreichen auswärtigen Verpflichtungen zuhause machen konnte, nach guten Verbindungen umschauten, sprungartig in Richtung Stratosphäre hochgejuckt, so dass es womöglich für die kurze Herbstauszeit ein anderes Ziel werden wird.
Bis dahin muss noch weiter viel Alltag bewältigt und so manches weggearbeitet werden. Auch wenn sich die Blätter färben, hängen sie noch an den Bäumen. Die Reiserin jedenfalls freut sich auf und über den Herbst und alles Gute, was er bringen mag.
Der Song des Tages ist heute „Long Strange Golden Road“ von den Waterboys. Ein Lied, das HerrBert oft zum Autofahren hört, und das in der Reiserin immer eine ganz besondere Wehmut weckt. Das Leben ist eine lange, goldene, seltsam geschwungene Straße und die Reise soll noch lange nicht aufhören, sowas in der Art.
*Der eingangs erwähnte Dokumentarfilm erzählt die über 30-jährige Geschichte einer Spaßband – Dieter Thomas Kuhn & Band – die heute große Stadien füllt, damals aber erst ein Scherz für eine wachsende Zahl von Eingeweihten war. Als die Reiserin die Band bei einigen ihrer ersten Auftritte sah, wäre noch niemandem im Publikum in den Sinn gekommen, sich mit Faschingskostümen im Stil der 70er Jahre zu verkleiden – schwarz und Punkrock war angesagt, denn das waren die ersten Zuschauer von DTK. Was aber immer echt war: die echte und ganz schlageruntypische Seele in der Darbietung, die auch heute noch hört, wer den ganzen Spaßkrawall und das Föhnwellenbrimborium ausblendet.

