Durch eine Verkettung verschiedener Umstände, in denen das sich-unbeabsichtigt-aus-der-eigenen-Wohnung-aussperren eines gewissen HerrBert eine Rolle spielt, fuhr die Reiserin heute früh, noch bevor die Sonne aufgegangen war, gleich zweimal an einer der vielleicht unbekanntesten Sehenswürdigkeiten von Berlin vorbei: der grabschenden Hand von Moabit.
Song des Tages: „Everything Counts“ von Depeche Mode (mehr dazu unten)
Es handelt sich dabei um die Plastik einer überlebensgroßen, freischwebenden Hand, die scheinbar aus dem Nichts von oben nach einem Betonsockel greift. Die Hand ist aus dunklem Eisen, die Fingernägel werden von Unbekannten immer mal wieder – und immer ordentlich und exakt – mit unterschiedlichen Farben lackiert. Seit kurzem sind sie orangerot.

Depeche Mode were here
Ein paar Jahre ist es her, da war die Plastik mit Blumen geschmückt. Der Grund dafür war, dass Andrew Fletcher von Depeche Mode 2022 überraschend starb – und dass er fast vierzig Jahre zuvor höchstpersönlich zusammen mit seinen Bandkollegen an dieser Hand gestanden hatte. Im Video zum Depeche Mode-Hit „Everything Counts“ wurde das Kunstewerk 1983 nämlich verewigt.

Doch auch ohne diese popkulturelle Bedeutung hat die 4,5 Meter große Hand eine spannende Verbindung zu Berlin. Korrekt heißt sie „Hand mit Uhr“ und wurde 1975 von dem Berliner Bildhauer Joachim Schmettau geschaffen.
Ikonen des Stadtbildes
Schmettau ist heute 89 alt und lehrte bis zu seiner Emeritierung an der HdK. Nach der „Hand mit Uhr“ steuerte er noch zwei weitere, mehr oder weniger bekannte Ikonen des Berliner Stadtbildes bei: 1983 den Wasserklopps – offiziell: „Erdkugelbrunnen“ – am Breitscheidplatz und 1984 die meist unbeachtete, aber eigentlich sehr zentrale und äußerst zierliche Plastik „Tanzendes Paar“ mitten auf dem Hermannplatz.
Fester Bestandteil der Plastik in Moabit ist die namensgebende Uhr am Handgelenk. Doch diese fiel von Anfang an immer wieder aus, und zusammen mit Materialschäden war die gesamte Eisenplastik bald marode. 2008 musste sie deshalb abgebaut werden. Erst 2012 war sie wieder restauriert.

Eine tiefere Bedeutung hat das Kunstwerk, einst vom Senat zur optischen Aufwertung der daneben stehenden Schule in Auftrag gegeben, soweit überliefert, nicht. Aber sie sieht einfach cool aus.
Zugige Ecke – gut für Smalltalk
Bloß schade natürlich, dass man hier relativ selten vorbeikommt, denn die Hand steht an einer zugigen Ecke am Rand des Hansaviertels in Moabit, wo nichts los ist, außer dass sich die Altonaer und die Lessingstraße kreuzen, und man darum höchstens Mal an der Ampel warten muss.
Doch von der S-Bahn aus ist die grabschende Hand gut zu sehen: Ziemlich genau zwischen den Stationen Tiergarten und Bellevue auf der linken Seite, direkt vor dem Tiergarten-Gymnasium.
Wer schon mal daran vorbeigekommen sind, behält die Hand im Gedächtnis. Und wer sie kennt, der hat Ahnung von Berlin – auch darum ist sie ein super Small Talk-Thema für Berlinkundige.

Der Song des Tages ist heute natürlich „Everything Counts“ von Depeche Mode aus dem Jahr 1983. Das Stück selbst ist kaum gealtert, doch das Originalvideo des Songs bietet eine tolle Zeitreise ins noch eingemauerte West-Berlin. Darin sind nicht nur ausgiebige Autofahrten entlang der Hochbahn und über den Ku’damm dokumentiert, sondern man sieht neben zahlreichen Currywurst kauenden Stadtbewohnern auch, wie unfassbar jung und scheinbar vom Leben noch unberührt die vier Musiker damals waren. Außer an der Hand von Berlin verlustieren sie sich darin auch am Strandbad Wannsee.
