Ach, war das wieder schön! Zwei Tage „Music to feed your soul“ am Static Roots Festival in Oberhausen, wo wir vergangenes Wochenende zum zweiten Mal waren.
Song des Tages: „Bangor“ von Leeroy Stagger (mehr dazu unten)
Die besonderen Highlights für uns waren am ersten Tag der düster-intensive Ben de la Cour, der zur Freude der Reiserin ein Stück über den Lake Pontchartrain in Louisiana sang, und die inbrünstige und doch schalkhafte Irish Mythen aus Kanada, die den zweiten Festivaltag mit einem intensiven Auftritt eröffnete. So wie auch die texanischen „Cowpunks“ Vandoliers, die den Sack viele Stunden später mit einem rasend temperamentvollen Auftritt ekstatisch zumachten. Dazwischen lagen, wie schon am Tag davor, zahlreiche Entdeckungen der Americana-Szene* – und sehr viel „Love, Peace und Rock’n’Roll“, die dieses Festival jedes Jahr beschwört.
Das Static Roots, in seiner bereits 10. Ausgabe, ist ein kleines, sehr feines, zweitätiges Festival, an dem die Musikrichtung „Americana“ zelebriert wird: alternative Folkmusik aus den USA und Kanada.



Deren Spektrum ist breit: vom lyrischen Singer/Songwritersound über mehr oder weniger klassischen Country bis hin zum irisch inspirierten Banjo- und Fiddlepunk war auch diesmal wieder alles dabei, was der weiße Teil der ursprünglichen amerikanischen Musik ausmacht. Doch nicht die musikalische Vielfalt ist das Besondere an diesem Festival, sondern sein Spirit: Das Static Roots ist ein unkommerzielles Festival, bei dem es wirklich um Musik und das gemeinsame Erleben geht, nicht um die Verkoofe von irgendwas.
Die gute Stimmung ist handgemacht
Ebenso wie die mit Seele dargebrachte Musik ist auch die friedliche und entspannte Stimmung des Festivals bewusst und gekonnt handgemacht: Es fängt schon damit an, dass es in der schönen, alten – und angenehm belüfteten – Fabrikhalle, wo das Ganze mittlerweile stattfindet, nur eine Bühne gibt. Das bedeutet: Alle Acts des Tages treten nacheinander auf, alle spielen ein Set von 45 bis 60 Minuten. Dadurch hat niemand den (gefühlten) Stress, anderswo etwas zu verpassen. Und darum muss auch niemand während des Konzerts hektisch rein- und rausrennen. Wenn ein Act spielt, hören alle – auch die anderen Künstler – zu und können sich ganz der Musik und der Stimmung widmen. Das allein ist schon Teil der Magie.



Das Static Roots ist ein wohlwollendes Festival: Man hört der Musik wirklich zu und feiert sie. Gut möglich, dass manche Künstler, die das so nicht kennen, anfangs etwas befremdet sind, wenn die paar hundert Leute in der Halle während der Songs kaum einen Laut von sich geben, sondern nur selig ein wenig wippen. Das kann zum einen am eher fortgeschrittenen Alter der Americana-Fans liegen, aber nicht nur: Hier geht es um Respekt. Das Stammpublikum des Static Roots sind in der Wolle gefärbte Musikfans, die Band-T-Shirt-Dichte von Insider-Acts ist überdurchschnittlich hoch, und wenn die Songs fertig sind, wird nicht nur die Darbietung frenetisch bejubelt, sondern auch der Spirit an sich: Peace, Love und Music eben.
Musik genießen ohne Kommerz
Organisiert und finanziert wird das Static Roots Festival von Anfang an von einem IT-Unternehmer namens Dietmar Leibecke, der Americana und Folkmusic schon immer liebte, und der seinen Freunden aus der Szene einen Auftrittsort in seiner Heimatstadt anbieten wollte. Seit vier Jahren wird das Festival von der privaten Stiftung für Bildung und Kultur aus dem Ruhrgebiet unterstützt, doch seit Anfang ist es unkommerziell. So gehen etwa sämtliche Einnahmen der Merch, die nicht den einzelnen Künstlern zufließen, an „Ärzte ohne Grenzen“. Nirgendwo wird penetrante Werbung für Getränke oder sonstwas platziert, sondern es gibt einfach Musik, zwei Foodtrucks mit selbstgemachtem Essen, am Samstag einen Kaffee- und Kuchenstand, und natürlich lokales Bier (und andere Getränke). Warum? Weil er es kann und will.



Der Friede ist politisch
Der Friede und das Vorherrschen nichtkommerzieller Werte am Static Roots ist politisch. In Zeiten, wo ein „Oranges Plankton“ – so formuliert es Irish Mythen in einer ihrer Zwischenansagen – das gemeinsame Sehnsuchtsland USA herunterwirtschaftet, und wo der Hyperkapitalismus weltweit immer mehr irreparable Schäden hinterlässt, zählt jede Geste, die dem entmenschlichten und entmenschlichenden Wahnsinn etwas entgegenhält. Immer an einem Wochenende im Juli gehört dazu in Oberhausen eine Festival mit handgemachter Musik, allgemeiner Menschenliebe und einer mal wieder praktizierte, unspezifischen Freundlichkeit, die vom Klo-Personal über den Ansager bis zu den Bands und dem Publikum alle verbindet, die hier dabei sind.



Für uns hat es auch dieses Jahr funktioniert: Mal wieder für einen kurzen Moment durchschnaufen und fühlen, wie es wäre, wenn in unserer Gesellschaft nicht alles immer nur noch weiter optimiert und auf ein Maximallevel polarisiert wird. Sondern wenn einfach Menschen, deren Musikgeschmack Überschneidungen hat, für ein paar Stunden in einem schattigen Fabrikhof und einer gut klimatisierten Halle zusammenkommen und dort friedlich, entspannt und auch mit ordentlich Wippen zwei Handvoll gut organisierter Konzerte genießen, sich zwischendurch handgemachte Burger oder thailändisches Curry und vielleicht das eine oder andere Bier genehmigen, und ganz zwanglos das Glück spüren, hier und überhaupt am Leben zu sein.
* Insgesamt 12 Acts haben in diesem Jahr an zwei Tagen gespielt. In chronologischer Reihenfolge: Silver Lining (NOR), Ben de la Cour (USA), Kirsten Adamson & The Tanagers (SCO), Leeroy Stagger (CAN), Jesper Lindell (SWE), Irish Mythen (CAN), Jerry Joseph & The Dimpker Brothers (USA/SWE), Joana Serrat (ESP), Julianna Riolino (CAN), The Dreaming Spires (UK), Emily Nenni (USA), The Vandoliers (USA)
Von Leeroy Stagger kommt auch der heutige Song des Tages namens „Bangor“. Er stammt von seinem aktuellen Album „Pilgrimage“ und repräsentiert perfekt den seelenvollen Groove des Static Roots. Natürlich hat er den Song auch live gespielt.
Das nächste Static Roots findet im Juli 2027 statt, Informationen und Ticketvorverkauf startet Mitte des Jahres: staticroots.de
Unsere Berichte vom letzten Jahr gibt es hier und hier.
Hinweis: Wir haben unsere Tickets selbst bezahlt und sind nicht mit dem Festival oder einzelnen Künstlern verbandelt.

