Song des Tages: „Sakartveloa“ von Mgzavrebi
Von unserer Wohnung im Central District Sairme Hill von Tbilisi ist es knapp eine halbe Stunde Fahrt mit dem Auto ins Zentrum. Wir schlucken. Zentral, wie es in der Anzeige stand, ist anders. Das liegt wohl daran, dass die Wohnung nicht im Central District von Tbilisi liegt, sondern im Central District des Wohnviertels Sairme Hill am Rande der Hauptstadt. Augen auf bei der Unterkunftssuche… Damit man nicht, wie wir, dem Lockruf des ungeprüften „Central Districts“ erliegt.
„Genießen Sie den Vorteil eines kostenlosen Parkplatzes“ war ein weiterer Lockruf auf dem Unterkunftsportal. Auch das ein Punkt, warum wir uns für diese Unterkunft entschieden haben. Als wir kurz vor Ankunft beim Vermieter anfragen, wo wir denn diesen kostenlosen Parkplatz finden, meint dieser freundlich und lakonisch: Ihr könnt überall parken, wo ihr auf der Straße einen Platz findet. Bloß dass wir keinen finden. Ist nämlich alles zugeparkt. Ist ja ein Wohnviertel und Feierabendzeit. Schon mal danke für nichts. So zirkelt HerrBert unseren Jeep halb vor eine Toreinfahrt, um wenigstens unsere sieben Sachen schon mal hochzuschaffen. Aber wir würden hier gerne zwei Tage parken. Also nochmal schief auf die letzte Ecke an ein enges, steiles Gässchen an einer Straßenmündung des Sairme Hills gestellt und gehofft, dass keiner meckert. Zettel mit WhatsAppnummer hinter die Windschutzscheibe gelegt, auf dass alles gut geht.
Das Herz von Tbilisi
Das Appartement ist dafür schön und groß. Der Blick vom Balkon auf grüne Hügel verheißt zwar vorörtliche Idylle, und wir wollten ja in die Stadt, aber das fällt leider unter die Kategorie „Schuld eigene“. Hätten wir mal genauer auf die Lage geguckt. Wo wir jetzt aber schon mal so schön den letzten Parkplatz in 2 Kilometern Umfeld erwischt haben, will HerrBert bei unseren Erkundungen von Tbilisi nicht selbst fahren. „Lass uns den Bus nehmen“, schlägt die Reiserin vor. Das Busnetz in der georgischen Hauptstadt scheint sehr gut ausgebaut. Bloß liegt die nächste Station eine Viertelstunde Fußmarsch entfernt am Fuß unseres höllisch steilen Wohnhügels, und dazu sind wir irgendwie zu schlapp. Also Fahrdienstanbieter checken – in Tbilisi beginnt der nicht mit U, sondern mit B wie Bolt – und siehe da, wir können für umgerechnet nicht mal fünf Euro in das Herz von Tbilisi gelangen. HerrBert, dem die Fehlplanung des Quartiers ein bisschen Kummer macht, atmet auf.



So düsen wir am frühen Nachmittag dem pulsierenden Herzen des Landes entgegen. Das Tbilisi wirklich rockt, hatten wir schon am Vorabend bei unserer Ankunft in Georgiens Hauptstadt bemerkt. Da vibrierte schon die Zufahrtsstraße vor Energie. Ein Hochhaus-Komplex kam nach dem anderen, riesige LED-Schirme wiesen auf scheinbar Unverzichtbares hin, Lichter blinkten und ein Trubel wars ohne Ende, so dass sich die Reiserin fragte, ob denn Tbilisi mehr Einwohner als Berlin hätte. Zwanzig Meter weiter im angestauten Verkehr unserer Ausfahrt wusste sie dann zu berichten: 1,3 Millionen Einwohner, und von Miesepetrigkeit keine Spur.
Prächtiger Prachtboulevard
Kurz vor dem Freiheitsplatz, auf der Rustaveli-Allee, ließ uns der Fahrer jetzt aussteigen. In den letzten Minuten hatten wir den Prachtboulevard schon bewundert. Kein Vergleich mit dem popeligen Ku`damm oder der neureichen Kö in Düsseldorf. Hohe Platanen verleihen dem Rustaveli-Boulevard Grandezza, bezaubernd tanzt das Sonnenlicht, das durch die Blätter fließt, auf dem Asphalt. Die Stimmung ist lebhaft, aber nicht hektisch. Wir ließen uns treiben. Vom Freiheitsplatz wollten wir in Richtung Kura, dem Fluss, der durch Tbilisi fließt. Unser Ziel war der Flohmarkt an einer alten Brücke namens „Dry Bridge“, dafür mussten wir die Zufahrtsstraße am Ufer überqueren. „Ganz schon viele Autos unterwegs“, murmelte die Reiserin, dem WAIT-Befehl auf dem Ampelschalter gehorchend. Als auch nach gut fünf Minuten noch keine Regung in Richtung Grün kam, verlor HerrBert die Geduld.



Er schnappte die Reiserin und schlängelt sich mit ihr durch den tosenden Verkehr, das laute Gehupe und Getröte sowohl der Autos als auch der empörten Reiserin ignorierend. Das Ambiente des Flohmarktes auf der Brücke und am Fluß war dann ganz nett, aber so richtig viel gab der Markt außer etwas lustloser Touristenkunst und ein bisschen altem Sowjet-Klimbim nicht her, und sowieso packten die Händler schon zusammen.
Aperitif zum Dessert
Die Sonne brannte heiß und strahlend, unsere Laune war gut, und so beschlossen wir, dass jetzt die Zeit für einen ersten Aperitif gekommen ist. Radio Café hieß das Lokal, unter dessen Markise wir uns setzten. Dass die Karte „3 Aperitif zum Preis von 2“ verhieß, erfeute uns zusätzlich. Und weil wir schon mal saßen, bestellten wir auch eine kleine Auswahl georgischer Spezialitäten: ein kleines Töpfchen mit geschmortem Gemüse und ein Schälchen mit dem hier sehr beliebten Gurken-Tomaten-Salat mit Walnussdressing für HerrBert, sowie ein Tellerchen mit drei süßen gebratenen Quarktalern an einer Art karamelligen Kondensmilchsauce für die Reiserin. So konnte es weitergehen! Als dann auch noch eine Wasserdampfanlage am Rand der Markise anfing, kühlenden Dunst zu versprühen, konnte es nicht mehr schöner werden.


„Noch ein Dessert?“, fragte der Kellner, als er das Geschirr abtrug. „Aber wir hatten doch gerade schon Sirniki“, flötete die Reiserin, worauf der Kellner eine Augenbraue hochzog und grinste. „Das ist bei uns kein Dessert, sondern Frühstück.“
Protest und Bauernstube
Beseelt und begeistert schlenderten wir weiter. Nach einer Weile wünschte HerrBert bedürfnisbedingt in eine sich gerade vor Ort befindliche Dependance der Augustiner-Brauerei einzukehren, und beschloss, bei der Gelegenheit, auch gleich zu testen, ob das Gerstengetränk der bayerischen Mönche hier ebenso köstlich mundet wie zuhause. Tut es. Aber wir sind nicht in Tbilisi, um ins Augustiner zu gehen und so ziehen wir bald weiter.
Irgendwie führt uns der Weg aus den Altstadtgassen wieder an die Rustaveli-Allee, wo wir eher beiläufig fast in eine Demonstration vor dem Parlamentsgebäude geraten. Georgische, ukrainische und amerikanische Flaggen werden geschwenkt und viel Polizei steht darum herum. Rufe oder skandierende Mengen sind nicht auszumachen, doch wir halten uns trotzdem lieber abseits.
Wir gehen die Straße des 9. Aprils hinauf am Gebäude des georgischen Parlamentes entlang. In dem Monumentalbau aus dem Jahr 1938 wurde schon mehrfach georgische Geschichte geschrieben. Einige hundert Meter weiter, wo die Straßen schon wieder gedrungen und eng und die Häuser grau und verfallen sind, finden wir schließlich an einem unverputzten Gebäude eine zierliche rote Neonschrift, die auch eine stilisierte Teigtasche umfasst. Auf Verdacht folgen wir dem Pfeil ins Souterrain – ein Volltreffer. Hinter einem grobgewobenen Vorhang empfängt uns ein Raum, der an eine russische Bauernstube erinnert, mit behauenen Brettern an der Decke und einfachen Tischen.

Wie man die mit Brühe gefüllten georgischen Teigtaschen verspeist, wissen wir ja schon: von unten am Zipfel halten, oben aufbeißen, Brühe rausschlürfen, Inhalt genießen, Zipfel auf dem Teller ablegen. Sie sind einmal mehr köstlich. So endet unser erster Abend in Tiflis und es gibt eigentlich keinen Zweifel: Tiflis rockt! Morgen mehr.
Der Song des Tages ist heute „Sakartveloa“ von Mgzavrebi. HerrBert hat das Stück unterwegs aufgefangen. Wir haben keine Ahnung, wovon es handelt, aber es gefällt uns.
Was bisher geschah: hier.
