Reihe von verrottenden, halbrunden, fensterreichen Gebäuden auf einer Steinmauer am Flussufer mit bewaldeten Hügeln im Hintergrund

Es liegt ein Grauschleier über der Stadt (, den meine Mutter…). Das Bild, welches sich HerrBert bei der Liedzeile der Fehlfarben immer vorgestellt hat, ist wie für Chiatura an diesem Morgen gemacht. Tief im Tal, wolkenverhangen grau in grau, machen wir uns auf den Weg, die alte Bergarbeiter-Stadt zu erkunden. Sie ist berühmt für ihre vielen Luftseilbahnen, die einst in winzigen Kabinen die Bergarbeiter und andere Bewohner von einem Hang zum anderen oder hinunter in die Stadt brachten.

Song des Tages: „Bukinagari“ vom Sukhishvili Georgian National Ballet

Auch nach Untergang der Sowjetunion fuhren sie noch viele Jahre weiter, bis irgendwann eine nach der anderen den Geist aufgab.

Seilbahnfahren in Chiatura

Unser erstes Ziel heute ist die einzige der alten Seilbahnen, die noch, beziehungsweise wieder, fährt: die Shashevardno-Bahn. Sie war eine von einstmals siebenundzwanzig Seilbahnen in der Stadt, und die einzige von den alten, die bis jetzt restauriert wurde und wieder in Betrieb ist.

An der majestätischen Talstation im Stil des stalinistischen Klassizismus prangt ein Stein-Mosaik von Lenin und Stalin, und man hat den Eindruck, als ob die beiden seinerzeit allein diese Seilbahn schufen. Dem ist natürlich mitnichten so. 1966 ging die Bahn in Betrieb, Lenin hatte zu der Zeit in seinem Mausoleum zu tun und Stalin? Ja, wo war eigentlich Stalin zu der Zeit? Egal.

Wir nähern uns der knallblauen Gondel an der Talstation. Die Schaffnerin kommt aus ihrem Häuschen. Sie hat uns wahrgenommen, würdigt uns aber keines direkten Blickes, da sie ihren Handy-Video-Call nicht unterbrechen möchte. Sie öffnet uns, munter weitertelefonierend, die Gondeltür, lässt uns eintreten und schließt sie hinter uns wieder. Jetzt sind wir gefangen in „Stalins fliegenden Särgen“, wie westliche Blogger sie nannten, als sie Seilbahnen entdeckten – da die Tür nur von außen zu öffnen ist.

Ein kurzes Tröten erschallt – die Bergstation ist informiert – und mit einem kleinen Ruck setzt sich die Gondel in Bewegung. Steil steigt sie mit uns hinauf. Mit 48 Grad Neigungswinkel sogar extrem steil. Das schafft nicht mal die Zugspitzenseilbahn. Wir schauen durch die Bullaugen der Gondel auf die immer kleiner werdende Station, der Blick über das Tal weitet sich und die rote Gegengondel kommt ins Sichtfeld. Wir haben das Gefühl, fast senkrecht an der Felswand nach oben zu fahren. Nach wenigen Minuten fädelt sich die Kabine oben in die Bergstation ein. Der Bergschaffner kommt aus seinem Häuschen und schenkt uns unsere Freiheit wieder.

Grau in Grau

Oben erwartet uns die graue Weite. Unter hohen Tannen steht eine Art verlassene Mietskaserne. Die offenen Fenster mit ihren dahinter in Dunkelheit liegenden Räumen symbolisieren das Aufgegebene. Gegenüber verrotten die Reste eines großen Baggers. Weiter hinten am Hang steht ein weiteres verfallenes Haus. Daneben suchen Kühe an der Abbruchkante des Berges etwas zu fressen. Wir wenden uns ab von all der Trostlosigkeit und lassen uns vom Schaffner bald wieder nach unten fahren.

Unten angekommen, überqueren wir den Kwirila. So heißt der – wie sollte es anders sein – sehr graue Fluss, der durch Chiatura fliesst. Nach wenigen Minuten erreichen wir die Talstation der alten Chachavadze-Lezhubani-Seilbahnlinie. Elegant ragt das zweigeteilte Dach dem Berg entgegen, wie zwei Arme, die ihre Gondeln behütet hochschicken und die ankommenden sanft in Empfang nehmen.

Die schlanken Treppen, die die Bewegung des Daches aufnehmen, sowie die gewölbten Fenster der Station runden das Futuristische des Baus ab. Wir können kaum unsere Augen davon lassen, so sehr zieht uns diese Architektur in ihren Bann. Nur ein paar Meter davon entfernt baumelt die historische, fast völlig durchgerostete Kabine wie vergessen einfach in der Luft über der Straße.

Wie mag es wohl gewesen sein, denkt sich HerrBert, als vielleicht Ende der 60er Jahre hier alles in voller Blüte stand? Als die Bergarbeiter fröhlich und scherzend von ihrer Schicht herunterkamen, denn die Gruben lagen oben auf dem Berg. Unten im Tal war die Stadt und waren die Wohnungen der Bergarbeiter. Wo sie noch einen Scherz mit einer der Stationsvorsteherinnen machten, die darüber wachten, daß die Seilbahn auch ordnungsgemäß fuhr. Wie überhaupt die meisten der Stationsvorsteher Frauen waren, die jedes Geräusch ihrer Seilbahn kannten. Auch wenn die alten Gondeln heutzutage eng und gefährlich anmuten, gibt es keinerlei Information darüber, dass es damals zu schweren Zwischenfällen gekommen ist.

Auch das ehemalige Kaufhaus an dem kleinen Platz vor der Talstation gibt mit seiner einst bestimmt lichtdurchfluteten Glasfassade dem Ganzen ein Gefühl, dass das, was hier verfallene Vergangenheit ist, einst zukunftsweisend war.

2033 ist Schicht im Schacht

Ein Pfiff ertönt, wir drehen uns um, und eine Lokomotive nähert sich. Keine zehn Meter vor uns verlaufen Bahngleise. Mehrere Männer, die ganz vorne auf der Lok stehen, winken uns zu, und dann fährt die Bahn mit ihren wenigen erzgefüllten Anhängern vorbei.

Chiatura verfügte einst über das größte Manganerzvorkommen der Welt. Bis zum 1. Weltkrieg waren die Hütten mehrheitlich in deutschem Besitz. Heute ist dieser Industriezweig hier im Niedergang begriffen. Für das Jahr 2033 wird das Ende der Manganerzvorkommen prognostiziert. Die Einwohnerzahl beträgt mit 12.000 Menschen noch etwa ein Viertel von der Bevölkerung in der Blütezeit der Stadt.

Wir haben noch nicht genug von den Seilbahnen und fahren weiter zur einzig neuen Seilbahnstation in Chiatura. Sie wurde 2021 eröffnet, eine französische Firma baute ganze 4 Linien, die allesamt an einer modernen Talstation am Flussufer ihren Ausgangspunkt haben. Wir entscheiden uns für die Sanatoriums-Linie und fahren mit einer Gondel, die aussieht wie jede x-beliebige Skigondel von heute, den Berg hinauf.

Oben erwartet uns die Ruine des alten Pionierpalastes. Direkt daneben stehen ein Riesenrad und ein Karussell in einem neuangelegten Park. Die Ruine des ehemaligen Pionierpalastes abzureißen, wäre wohl zu teuer geworden. So hat man ihn eingezäunt, auf dass alt und neu in trauter Eintracht direkt nebeneinander stehen. Nur, dass das Alte früher eine Verheißung war, während das heutige Neue eine Entsprechung des Trostlosen schon von Beginn an ist.

Wir sind fasziniert von einem riesigen grün-bunt verzierten Hochhaus, das am Hang gebaut wurde und über die Kante des Plateaus bei der Bergstation hinausragt. Auch dieses Gebäude steht leer, versucht aber in seiner bunten Bemalung dem überstarkem Grau der Stadt zu trotzen.

Ans Herz gewachsen

Die Reiserin versucht noch, wenigstens ein historisches Bild des ehemaligen Pionierpalastes zu finden. Doch diese sind scheinbar alle bei Erdbeben, Bürgerkriegswirren oder nach dem Ende der Sowjetunion verschütt gegangen. Vergangenheit existiert hier nur noch als Ruine.

Wir brauchen jetzt Stärkung und kehren in das Restaurant der Bergstation ein, das uns beim Hochgondeln aufgefallen ist. Ein weiteres Mal erfreuen wir uns an der prächtigen georgischen Küche und HerrBert freundet sich mit einem neben unserem Terrassentisch wartenden Straßenhund an, mit dem er sein Schaschlik und unser Brot teilt.

Bergrestaurant an Seilbahnstation mit gelbem Schild in georgischer und englischer Sprache, davor grasbewachsene Fläche mit zwei grasenden Kühen und Treppe rechts
Kühe müssen draußen bleiben

Trotz all der Trostlosigkeit ist uns Chiatura ans Herz gewachsen. Das Graue, Ungewaschene, unverbrämt Melancholische ist uns auch diesmal lieber als das aufgesetzt farbig Grelle. Die Düsternis von Chiatura steht für eine gewisse Ehrlichkeit: Die Verbliebenen dieser Stadt muss und kann man nicht mehr täuschen, und das gibt diese Stadt und ihren Bewohner eine Größe, die uns imponiert.

Der Song des Tages ist heute „Bukinagari“ vom Sukhishvili Georgian National Ballet. Einer unserer Favoriten auf der Georgien-Playlist, die wir beim Autofahren durch das Land hören.

Was bisher (und danach) geschah: hier.