Fast exakt zwölf Stunden, nachdem wir heute früh schlaftrunken in Richtung Flughafen BER loswankten, lagern wir nun auf einem prächtigen Bett in der bezaubernden Stadt Kutaisi und reiben uns die Augen: Der Wechsel in eine andere Welt ging blitzschnell.
Song des Tages: „Grusinischer Tee“ von Kreis (mehr dazu unten)
Der Zauber von Kutaisi
Schon jetzt vermuten wir, dass das ein Teil des Zaubers von Georgien sein könnte. Einerseits ist hier alles ganz anders. Man hat nicht nur das Gefühl, an einem ganz anderen Ort als Deutschland zu sein – sondern auch in einer anderen Zeit, vielleicht kurz nach der Wende: in vielen Jahrzehnten zerbröselte, einst prachtvolle Gebäude vom Beginn des letzten Jahrhunderts neben organisch überwucherten Überresten der Sowjetära, und dazwischen ein paar ordentliche Prisen osteuropäischer Alltagsanarchie. Auf dem Weg vom Flughafen standen uns an der langen, von Imbissbuden und Schrauberlauben lose gesäumten Straße mehrfach Kühe im Weg, die gemächlich am üppigen Grün links und rechts der Fahrbahn kauten und auch gerne mal auf dem Asphalt den nächsten Schritt überlegten.
Doch das historisch-anarchisch Zerbröselte ist nur die eine Facette, mit der Georgien uns begrüßte.


Auf der anderen Seite scheint der Alltag hochmodern. Der Flughafen ist top und bestens organisiert, das Gepäck kam rasch und vollständig. Bargeld ziehen verlief problemlos. Danach vergingen keine fünf Minuten zwischen dem Moment, als die Reiserin dem Angestellten hinter dem SIM-Kartenstand ihren Reisepass sowie ihr ausgeschaltetes Handy vorlegte und dem Moment, als sie letzteres eingeschaltet und mit einer fehlerfrei funktionierenden, spottbilligen georgischen SIM-Karte ausgestattet wiederbekam, auf dass sie in den nächsten zwei Wochen unbegrenzt und sorglos für umgerechnet gerade mal 20 Euro Daten ziehen, telefonieren und mit dem Navi durch die Gegend gondeln kann.
Mietwagenanarchie
Die gleich anschließende Übernahme des in Deutschland über ein Mietwagenportal gemieteten Autos erwies sich dann allerdings wieder als etwas undurchsichtig. Auf jeden Fall hatte sie kaum Ähnlichkeit mit dem international üblichen Ran-an-den-Schalter-Papierkram-erledigt-hier-ist-der-Schlüssel-der-Wagen-steht-da-drüben-Business.
Hier wurde das Geschäft von einem junger Mitarbeiter abgewickelt, der schon Tage vor der Anreise anfing, sich zwecks Zeit und Treffpunkt mit HerrBert über Textnachrichten zusammenzudaddeln, und der zunehmend nervös wissen wollte, wann wir landen und wo wir uns befinden.
Als man sich dann gegenüberstand, zeigte sich, dass er mit keiner der am Flughafen ansässigen Mietwagenbuden assoziiert war. Den Papierkram absolvierte man mittels ein paar fotokopierter Formulare mehr oder weniger auf den Knien. Alles, was HerrBert ausfüllte, fotografierte der Mitarbeiter, um es dann seinem unsichtbaren Chef per Bildnachricht als Beweis zu schicken.
Die Mietkosten sollten daraufhin per Sofort-Zahlungsdienstleister an die Privatadresse des Chefs überwiesen werden, Rechnung folgt dann irgendwann. HerrBert wurde ungewöhnlich zögerlich. „Nachher haut der ab und wir stehen ohne Auto da und gucken blöd“, befürchtete er. Doch weil wir jetzt schon mal da waren überwiesen wir und schickten ein Bildschirmfoto der Bezahlbestätigung für den Chef. Der Mitarbeiter schien aufzuatmen.
Nun brachte er uns zu unserem Auto, das auf dem Flughafenparkplatz bereitstand: Nicht wie sonst üblich ein fabrikneu glänzender Neuwagen, sondern ein solide durchgebeulter und angeschrappter Jeep des Baujahrs 2016 mit Vierradantrieb, der sich laut HerrBert ordentlich fährt. Auf Mängelprotokoll und sonstigen Firlefanz wurde verzichtet. Wenn etwas sei, sollen wir ihm eine Nachricht schicken, meinte der junge Mann und drückte HerrBert eine 2-GEL-Münze in die Hand. Soviel koste der Parkplatz und damit würde der Schrankenwärter uns herausfahren lassen. Ganz bestimmt. Auf jeden Fall. Offizieller Preis.
Der Schrankenwärter lachte dann allerdings nur trocken. Nö, nix 2 GEL. 4 GEL. Ihm egal, ob wir Kleingeld haben, geht auch mit Karte. Ein bisschen schal blieb dieser Moment zurück. Nicht wegen des Geldes, den knappen Euro Differenz können wir verkraften. Aber die Tour hat uns ein bisschen gewundert. Wir behalten die Sache im Blick.

Das Haus der Urgroßeltern
An den Straßenkühen vorbei navigierten wir dann in einer knappen halben Stunde in die Stadt zu unserer ersten Unterkunft, die auf den Bildern prächtig und liebevoll aussah. In echt ist sie noch schöner: ein gleichermaßen großzügiges wie verwinkeltes Appartement an der Ecke zweier kleiner Straßen. Es hat weitläufige Parkettböden, hohen Decken und seelenvolle Vintage-Möbel. Wenn man das Fenster der Dusche aufmacht, steht man auf einem kleinen, wild bewachsenen Balkon. Nach Auskunft der Wirtin, die gleich nebenan wohnt, lebten hier seit den 1920er Jahren ihre Urgroßeltern.

Beglückt holten wir uns in der kleinen Teigtaschenbackstube gegenüber ein paar würzige Gebäcke mit Kartoffel- und Lammfleischfüllung, und legten uns dann erstmal lang, um Schlaf nachzuholen. Viel wird heute wohl nicht mehr passieren. Morgen geht es dann richtig los. Eines ist aber jetzt schon sicher: Spätestens wenn wir aufwachen, ist die Seele vollständig in Kutaisi angekommen.
Der Song des Tages ist heute „Grusinischer Tee“ der DDR-Band Kreis. Auf der Fahrt vom Flughafen durch die Stadt erinnerte sich HerrBert plötzlich wieder an diesen Schlager, den er in seiner Jugend im Radio hörte, und der ihm klarmachte, dass Georgien zu DDR-Zeiten als „Grusinien“ bekannt war, wie es auf Russisch auch heute noch heißt.
Was danach geschah: hier.
