Nahaufnahme einer großen schwarzen Handskulptur auf einem roten Sockel vor blauem Himmel

Durch eine Verkettung verschiedener Umstände, in denen das sich-unbeabsichtigt-aus-der-eigenen-Wohnung-aussperren eines gewissen HerrBert eine Rolle spielt, fuhr die Reiserin heute früh, noch bevor die Sonne aufgegangen war, gleich zweimal an einer der vielleicht unbekanntesten Sehenswürdigkeiten von Berlin vorbei: der grabschenden Hand von Moabit.

Song des Tages: „Everything Counts“ von Depeche Mode (mehr dazu unten)

Es handelt sich dabei um die Plastik einer überlebensgroßen, freischwebenden Hand, die scheinbar aus dem Nichts von oben nach einem Betonsockel greift. Die Hand ist aus dunklem Eisen, die Fingernägel werden von Unbekannten immer mal wieder – und immer ordentlich und exakt – mit unterschiedlichen Farben lackiert. Seit kurzem sind sie orangerot.

Große schwarze Hand mit lila Fingernägeln auf einem weißen und orangen Sockel vor kahlen Bäumen und einem brutalistischen Schulgebäude. Es handelt sich um die Skultpur "Hand mit Uhr" von Joachim Schmettau
Ein paar Jahre lang waren die Nägel lila – seit kurzem sind sie orangerot

Depeche Mode were here

Ein paar Jahre ist es her, da war die Plastik mit Blumen geschmückt. Der Grund dafür war, dass Andrew Fletcher von Depeche Mode 2022 überraschend starb – und dass er fast vierzig Jahre zuvor höchstpersönlich zusammen mit seinen Bandkollegen an dieser Hand gestanden hatte. Im Video zum Depeche Mode-Hit „Everything Counts“ wurde das Kunstewerk 1983 nämlich verewigt.

Laptopbildschirm zeigt zwei junge Männer vor einer großen Hand-Skulptur vor blauem Himmel. Die beiden Männer sind Martin Gore und Dave Gahan von der Band Depeche Mode
Wie jung sie waren… Martin Gore und Dave Gahan vor der „Hand mit Uhr“

Doch auch ohne diese popkulturelle Bedeutung hat die 4,5 Meter große Hand eine spannende Verbindung zu Berlin. Korrekt heißt sie „Hand mit Uhr“ und wurde 1975 von dem Berliner Bildhauer Joachim Schmettau geschaffen.

Ikonen des Stadtbildes

Schmettau ist heute 89 alt und lehrte bis zu seiner Emeritierung an der HdK. Nach der „Hand mit Uhr“ steuerte er noch zwei weitere, mehr oder weniger bekannte Ikonen des Berliner Stadtbildes bei: 1983 den Wasserklopps – offiziell: „Erdkugelbrunnen“ – am Breitscheidplatz und 1984 die meist unbeachtete, aber eigentlich sehr zentrale und äußerst zierliche Plastik „Tanzendes Paar“ mitten auf dem Hermannplatz.

Fester Bestandteil der Plastik in Moabit ist die namensgebende Uhr am Handgelenk. Doch diese fiel von Anfang an immer wieder aus, und zusammen mit Materialschäden war die gesamte Eisenplastik bald marode. 2008 musste sie deshalb abgebaut werden. Erst 2012 war sie wieder restauriert.

Laptopbildschirm zeigt ein Musikvideo mit einer Person, die den Kopf nach hinten neigt, über ihr die riesige Skulptur einer Hand.
Als 1983 das Video gedreht wurde, war die Hand schon marode…

Eine tiefere Bedeutung hat das Kunstwerk, einst vom Senat zur optischen Aufwertung der daneben stehenden Schule in Auftrag gegeben, soweit überliefert, nicht. Aber sie sieht einfach cool aus.

Zugige Ecke – gut für Smalltalk

Bloß schade natürlich, dass man hier relativ selten vorbeikommt, denn die Hand steht an einer zugigen Ecke am Rand des Hansaviertels in Moabit, wo nichts los ist, außer dass sich die Altonaer und die Lessingstraße kreuzen, und man darum höchstens Mal an der Ampel warten muss.

Doch von der S-Bahn aus ist die grabschende Hand gut zu sehen: Ziemlich genau zwischen den Stationen Tiergarten und Bellevue auf der linken Seite, direkt vor dem Tiergarten-Gymnasium.

Wer schon mal daran vorbeigekommen sind, behält die Hand im Gedächtnis. Und wer sie kennt, der hat Ahnung von Berlin – auch darum ist sie ein super Small Talk-Thema für Berlinkundige.

Junger Mann mit kurzem Haar in weißem T-Shirt vor Skulptur "Hand mit Uhr" unscharf und aus niedriger Perspektive fotografiert. Der Mann ist der Sänger Dave Gahan
Im Video zu „Everything Counts“ steht Dave Gahan nicht nur vor der „Hand mit Uhr“, sondern tanzt auch sehr hübsch

Der Song des Tages ist heute natürlich „Everything Counts“ von Depeche Mode aus dem Jahr 1983. Das Stück selbst ist kaum gealtert, doch das Originalvideo des Songs bietet eine tolle Zeitreise ins noch eingemauerte West-Berlin. Darin sind nicht nur ausgiebige Autofahrten entlang der Hochbahn und über den Ku’damm dokumentiert, sondern man sieht neben zahlreichen Currywurst kauenden Stadtbewohnern auch, wie unfassbar jung und scheinbar vom Leben noch unberührt die vier Musiker damals waren. Außer an der Hand von Berlin verlustieren sie sich darin auch am Strandbad Wannsee.