Am See, wie neulich, das ist ja schon nicht schlecht. Aber es ist noch nicht alles. Da geht immer noch Meer! Die Reiserin kommt gar nicht mehr raus aus dem Kalauern, weil sie so frisch belebt ist von den paar Tagen, die sie und HerrBert neulich an der Ostsee verbracht haben, genauer gesagt, in Kühlungsborn. Eigentlich waren es nur drei Tage Ausspannen, aber am Ende fühlte es sich an wie ein kleiner Neustart am Ende dieses Sommers.
Song des Tages: „Triton“ von Les Rita Mitsouko (mehr dazu unten)
Jeder Tag brachte so viel Schönes. Am ersten Abend entdeckten wir eher zufällig das „Strandkorbkino“ am Hafen von Kühlungsborn. „Ob es stattfindet, wissen wir immer erst kurz vorher“, ließ die Frau am Telefon verlauten, als die Reiserin vorsichtshalber Karten bestellen wollte. „Kommen Sie einfach vorbei. Wenn es zu doll windet oder regnet, zeigen wir den Film im normalen Kino.“ Aber es hat weder gewindet noch geregnet. Stattdessen strahlte helles Küstenlicht, als wir durch den Sand am Rand des Hafens zu zwei Reihen blitzblanker Strandkörbe stapften, auf deren Rückseite „Kino“ geschrieben stand. Alle waren sie ausgerichtet auf eine große Leinwand, die praktisch direkt in der Brandung stand.

„Reise nach Syrakus“ stand auf dem Programm, ein Film, in dem Charly Hübner einen DDR-Bürger spielt, der 1982 auf den Spuren eines Dichters durch Sizilien wandern und dann wieder in seine Heimat zurückkehren will, bloß, dass das, wie wohl fast alles in der DDR, was mit freiem Entscheiden zu tun hatte, nicht so einfach war.

Heimlich öffneten wir das mitgebrachte Fläschchen Sekt, prosteten Charly Hübner zu und waren fasziniert, wie das wahre Leben gerade mit der Kunst tanzte: Nicht nur, dass wir auf einer Leinwand, die fast unmittelbar an der Brandung der Ostsee stand, sahen, wie der Held des Films in genau dieser Brandung steht, um in Richtung Sizilien loszumachen. Auch HerrBert hatte einst in diesem Land von der Ferne geträumt – und war erst vor wenigen Tagen aus Sizilien zurückgekommen. So ein Zufall!
Shanty-Chor und Riesenrad
Auch der zweite der drei Tage überraschte uns mit Bezauberndem. So begann etwa in dem kleinen Kurpark gegenüber von unserem Quartier just in dem Moment das Konzert eines Shanty-Chors, als wir uns auf der Suche nach einer gepflegten Mittagsbratwurst für HerrBert dorthin begeben hatten. Beseelt boten die weißhaarigen Sänger in ihren blauen Seemannshemden Lieder vom Meer dar, und es dauerte nicht lange, da begannen die ersten Zuschauerinnen zu schunkeln.

Der Abend brachte dann noch eine ganz besondere Bezauberung. Die Reiserin beschloss nämlich, mit dem Riesenrad zu fahren, das an der Strandpromenade von Kühlungsborn steht und einen weiten Blick sowohl über das Inland als auch über die Küste gibt. HerrBert ist nicht so für diese Art von Aussicht, und so diskutierte die Reiserin gar nicht lange, sondern schnappte sich am Getränkestand ein Mädchenbier und fuhr dann los. Ganze drei Runden spendierte der Betreiber, und auch wenn die Kabinen manchmal ganz schön laut im Wind knarrten, musste die Reiserin überhaupt nicht zittern, sondern freute sich wie ein Schnitzel an ihrem kleinen Privatabenteuer und genoss den spektakulären Blick über Land und Meer.



Gespensterwald und Trüffelpommes
Am dritten Tag unternahmen wir einen Ausflug zum Gespensterwald in Nienhagen, ein Stückchen weiter östlich an der Küste. Diesen merkwürdigen Wald direkt an der Steilküste hatte die Reiserin vor zwei Jahren kennengelernt, als wir mit acht Freunden schon mal hier unterwegs waren. Seinen Namen hat der Küstenwald von der gespensterhaften Anmutung der hohen Bäume, die durch den Ostseewind kein Unterholz mehr haben und auf seltsame Weise verwunschen aussehen.



Kaum waren wir einmal gemächlich durch den Gespensterwald und wieder zurück gegeistert, machte sich tiefe Entspannung breit. Und so mussten wir nicht lange überlegen, was wir danach tun wollten: Zurück in Kühlungsborn schlenderten wir zum Hafen, erfreuten uns an dem friedlichen und gelassenen Treiben im Spätsommerlicht und führten uns schließlich im neureichsten Lokal der Hafenmeile zum Aperitif den Top-Hit der Speisekarte zu Gemüte: Pommes mit Trüffelzeugs. Dazu ein angenehm zurückhaltender Live-Unterhalter, der melancholische Klassiker zum Besten gab. Schöner konnte es nicht werden.

Nun ist dafür aber wieder Arbeit angesagt, und diesmal macht sie auch vor dem Wochenende nicht Halt. Doch tiefenentspannt wie wir nach diesen drei Tagen an der Ostsee sind, kann uns das nicht schocken.
Ein schönes Wochenende allerseits!



Der Song des Tages ist heute „Triton“ von Les Rita Mitsouko. Deren Sängerin Catherine Ringer reihte sich diese Woche nach Bonnie Tyler, Dolly Parton, Tim Curry und Yayoi Kusama in die Reisegesellschaft der ehemaligen Idole der Reiserin ein, die in diesem Herbst unerwartet und viel zu früh ins Jenseits losgezogen sind. Das Stück handelt von der Begegnung mit der Tiefsee und stammt vom 2002er Album „La Femme Trombone“.

Hinweis: Wir haben alle Unternehmungen selbst bezahlt, und haben keine Vorteile von deren Nennung.
