So richtig fluffig läuft der Alltag gerade nicht bei der Reiserin und HerrBert. Aber das ist kein Grund, sich nicht ab und zu einen kleinen Ausflug zu gönnen. So kam es, dass wir neulich an Bord eines Schiffs gegangen sind. Genauer gesagt, an Bord der „Lichtenberg“ am Tegeler See in Berlin.
Song des Tages: „The Geese are Flying Westward” von Bill Fay
Ein bisschen knapp wurde zwar die Zeit, weil die Reiserin an der idyllischen Greenwichpromenade erstmal beherzt die Kanadagänse fotografieren musste, die sich auf den Wiesen des Parks sehr fotogen gemütlich gemacht hatten. Dann wollte sie sich auch noch gerne auf die flachen Stufen an das Ufer setzen. „Ist ja eine richtige Brandung“, staunte sie. Doch HerrBert hatte keine Geduld. „Ich gehe vor“, murmelt er, den Blick fest aufs Handy gerichtet. „Der Anleger muss irgendwo da vorne sein.“ Na gut, die Reiserin stapfte ihm hinterher in Richtung des üppigen Forstes, wo weit und breit kein Schiff zu sehen war. „Hm, komisch“, ließ HerrBert dann verlauten. Dann fiel es ihm auf: „Wir laufen in die falsche Richtung“.

Ein Blick in die andere Richtung – exakt: Die Anlegestelle der Boote befand sich genau in der Gegenrichtung, gleich neben der lauschigen Brandung. Schon von weitem war da die „Moby Dick“, das legendäre, walförmige Ausflugsboot der Stern + Kreis-Schiffahrtsgesellschaft zu sehen. Ohje, und das HerrBert, der mit seinem eigentlich auf den Kontinenten der Welt gestählten Orientierungssinn fast immer die richtige Richtung erschnüffelt. Nur gerade heute und ausgerechnet in Berlin nicht. Es war also wirklich höchste Zeit für eine Pause. Kaum waren wir an Bord, legte unser Schiff, heute die eher schmucklose „Lichtenberg“, auch schon ab.



„Herzlich Willkommen auf der Moby Dick“, schmetterte die Bordansage, und jetzt guckte auch die Reiserin verwirrt. Das karierte Boot mit der Flosse sahen wir doch vor unserem Fenster. „Nicht wundern, ist die falsche Ansage“, informierte der Kellner, der emsig durch das Schiff eilte. „Die Moby Dick ist gerade kaputt.“ Der Rest der Ansage war aber korrekt: Zwei Stunden würden wir jetzt über den Tegeler See und die Havel schippern. Das Schiff war an diesem Montagnachmittag angenehm leer, und so genehmigten wir uns zuallererst in der Bordrestauration altbewährte Berliner Wurstspezialitäten und ein Radler.

Kaum war der Schmaus beendet, hielt nichts mehr HerrBert unter Deck und wir kletterten aufs ebenfalls nur spärlich besetzte Sonnendeck. Wie schön Berlin aus dieser Perspektive ist! Bewaldete Ufer, weitläufiges Gewässer, in dem die Sonne glitzert. Von Ferne war die Wuseligkeit der Stadt zu hören, aber hier auf dem See schien die Zeit nur halb so schnell voranzuticken. Gemächlich zog die Nordberliner Landschaft vorbei, neben uns unterhielten sich zwei ältere Damen angeregt bei Weißweinschorlen, und allmählich kam die Entspannung.
„Schau mal, da vorne“, murmelte HerrBert auf einmal. „Ist das nicht fast bei Rico?“ Und tatsächlich – die Route unserer „Oberhavelseentour“, über die wir uns vorher gar nicht richtig schlau gemacht hatten, führte geradewegs in Richtung Nieder-Neuendorfer See. Und damit genau in die Abzweigung der Wasserstraße, wo HerrBerts Kindergartenfreund Rico mit seiner Familie zuhause ist – und wo wir im vergangenen Winter so innig über den damals zugefrorenen See geschlittert sind. „Komm, die rufen wir gleich an“, schlug die Reiserin vor. „Sie können sich ans Ufer stellen und dann winken wir uns zu.“ Die Freunde waren dann zwar nicht in Ufernähe und die Lichtenberg fuhr auch gar nicht so weit in diese Richtung. Aber schon nur die Idee machte uns fröhlich. Es war ein bisschen, als ob man die Schule schwänzt.


Viel mehr ist auf dieser Tour ansonsten nicht passiert. Und gerade das war bezaubernd. Zwei Stunden einfach nur Wind um die Nase, das tiefenscharfe Berliner Spätsommerlicht, das Plätschern des Wassers und ein bisschen Frieden, den man dem Tag gestohlen hat. Genau das Richtige für einen ganz normalen Montagnachmittag, an dem die Seele einfach ganz dringend und ohne spezifischen Anlass ein wenig baumeln muss. Darauf gleich noch ein Radler.
Pünktlich nach zwei Stunden legten wir wieder an. Am Steg empfingen uns die vom Wind zerzausten Schwäne, die possierlichen Tegeler Kanadagänse und die kaputte Moby Dick, die hoffentlich bald wieder fährt. Der See hat der Seele gut getan. Sollte man öfters mal machen.

Der Song des Tages ist heute „The Geese are Flying Westward“ von Bill Fay. Ein tieftrauriges Lied über das Zuhausesein und die Sehnsucht nach der Ferne, bei dem die Reiserin schon manche Träne weinen musste. Aber so ist das Leben. Auch die Tränen haben ihre Zeit.
Hinweis: Wir haben unsere Tickets, Würstchen und Getränke selbst bezahlt und haben keine Verbindung zum Anbieter der Schifffahrten.
