Es ist eine komische Zeit. HerrBert hat mit familären Aufgaben zu tun und die Reiserin arbeitet erstmal alles weg, was in den reiselustigen Zeiten liegengeblieben ist. Dazwischen wärmt sie sich an der Berliner Sonne und versucht die Sorge über die vertrockneten Bäume und Büsche in sinnvolles Handeln zu übersetzen. Ob dazu auch der spontane Kauf zweier Sonnenfinsternisbrillen in einem Optikergeschäft im Einkaufszentrum der Nachbarschaft gehörte? Schon seit Tagen hatte sie immer mal wieder aufgeschnappt, dass diese zur Mangelware würden, darum hatte sie die Sonnenfinsternis überhaupt erst auf dem Schirm und bald darauf die Sonnenschutzpapierbrillen in der Tasche, wo sie sie gleich wieder vergaß.
Song des Tages: „Sonnenfinsternis“ von Marianne Rosenberg
Gestern fiel ihr dann beim vorabendlichen Gang durch die Charlottenburger Kantstraße auf, mit welch ungewöhnlicher Intensität die Sonne ihre Strahlen über den Asphalt schickte. Hatte das was mit der angekündigten Finsternis zu tun? Die Sonne strahlte wie kurz vor der Explosion und die Menschen gingen mit zusammengekniffenen Augen. Doch niemand sprach darüber. Irgendwie beunruhigt durch die beinahe atomar wirkende Helligkeit machte sich die Reiserin auf den Weg in den Lietzenseepark, wo die Häuser die Sonne und die Finsternis nicht verdecken würden. Sie hatte ja, wie ihr wieder einfiel, die Sonnenschutzbrille. Schon auf dem Weg setzte sie sich diese immer wieder auf und sah fasziniert, dass bereits ein ordentliches Stück der Sonne zu fehlen schien.

Im Park war dann alles wie immer: Junge Menschen lagerten in instagramfähig ästhetischen Gruppen auf bezaubernden Picknickdecken, alte Quartierbewohner saßen auf den Bänken, Fahrräder lagen im Gras, Hunde erfreuten sich der grünen Oase. Bloß in die Sonne guckte keiner, obwohl sie gerade sehr eindrücklich über dem Lietzensee strahlte. Die Reiserin postierte sich auf einer Wiese, hielt das Papierbrillchen vor die Augen, und starrte in den immer stärker angebissen aussehenden Leuchtkeks.
Sieht man schon was?
„Sieht man schon was?“, fragte eine Frauenstimme. Die Reiserin drehte sich um und bot der freundlich schauenden Hundespaziergängerin ihre Schutzbrille zum Durchgucken an. „Tatsächlich“, bestätigte die Passantin. „Ohne sieht man überhaupt keinen Unterschied, und mit ist die Sonne schon fast verdeckt.“ Genauso war es.
Sie fände das ja sehr beunruhigend, sagte die Frau. Vor allem zusammen mit all den anderen Hiobsbotschaften gerade. „Was, wenn die Sonne einfach dunkel bliebe?“ Abwechslungsweise durch die Brille guckend oder einander zugewandt, philosophierten die Reiserin und ihre Zufallsbekanntschaft über das Ende der Welt in der Filmversion, und über die ganz realen Anstalten in der Gegenwart, die die Menschheit macht, um dieses zu beschleunigen. Immer wieder reichte man einander die Brille und sah nach dem Stand der Dunkelheit.


Einst habe sie eine totale Finsternis gesehen, erzählte die Passantin plötzlich, auf Husum. „Das war vielleicht bedrohlich! Es wurde nicht dunkel, aber auf einmal waren alle Farben weg. Als sei das Leben erloschen.“
So weit war es am Lietzensee noch nicht. Aber durch die inzwischen ordentlich verdeckte Sonne, hatte sich das Licht am See verändert. Es war fahler geworden und entzog irgendwie den idyllischen Farben ihre Sättigung. Zum Glück nicht so stark, dass das apokalyptische Gefühl aufkam.
Die Unruhe der Vögel
Eine Weile stand man noch da, guckte abwechselnd durch die Brille, und schließlich verbarg sich die ohnehin schon fast verdeckte Sonne hinter den hohen Bäumen des Parks. Dann verabschiedete sich die Reiserin. Auf dem Weg nach Hause fielen ihm am Himmel merkwürdig unförmige Schwärme von Vögeln auf. Sie krächzten, so schien es ihr, anders als sonst, alle durcheinander, und so flogen sie auch. Dieses Bild verstörte die Reiserin nun doch. Sie sah nur einen Sommerabend, der durch das Himmelsspektakel vielleicht ein klein wenig früher als sonst in Richtung Dämmerung ging. Aber die Vögel schienen etwas wahrzunehmen, das sie beunruhigte. Und darüber musste die Reiserin noch lange grübeln. Was, wenn eine Dunkelheit schon da ist, und nur wir sehen sie scheinbar noch nicht?

Der Song des Tages ist „Sonnenfinsternis“ von Marianne Rosenberg. Das merkwürdig flirrende, getragene Stück vom 1984er Album „Spiegelbilder“ markiert den Beginn der Epoche, in der Rosenberg nicht mehr eingängige Schlager abliefern, sondern als die eigenwillige und absolut eigenständige Künstlerin wahrgenommen werden wollte, als die sie heute zum Glück längst gilt.
Danke an J. für das Aufmacherfoto und die beiden anderen Bilder von der Sonnenfinsternis in Berlin.
