HerrBert und der Wickelfisch, das fing nicht gut an.
Song des Tages: „Full Tank“ von den Lombego Surfers (mehr dazu unten)
Vor Jahren fiel der Reiserin bei einem Sommerbesuch in Basel auf, dass viele Menschen eine merkwürdig bunte, bauchige Plastiktasche an der Schulter tragen. Kurz darauf sah sie die Tasche in einem Schaufenster und erfuhr, dass sie „Wickelfisch“ genannt wird – und dafür gemacht ist, sich in der Strömung des Rheins treiben zu lassen. Der Wickelfisch ist nämlich durch eine spezielle Technik wasserdicht und so braucht man danach nicht den ganzen Weg zurückgehen, um seine Sachen zu holen. Die Tasche wurde 2001 in Basel erfunden. „Das ideale Geschenk für HerrBert“, fand die Reiserin. Der schwimmt nämlich liebend gerne in wilden Gewässern.

Doch er reagierte kalt wie ein Fisch, als die Tasche in Berlin unter dem Weihnachtsbaum lag. „Was soll das sein?“, hörte die Reiserin ihn murmeln. „Ich bin doch noch nie im Rhein geschwommen“, meinte er. „Warum sollte ich jetzt damit anfangen?“ „Na, weil du jetzt einen Wickelfisch hast“, versuchte die Reiserin die Situation zu retten. Das überzeugte ihn nicht. Für die nächsten 8 Monate lag der Fisch in der Ecke des Arbeitszimmers, wo HerrBert ihn nach der Bescherung abgelegt und seither nie wieder angeschaut hatte.
Die Stunde des Wickelfischs
Dann ging es nach Basel, und die Reiserin packte das verschmähte Geschenk heimlich in den Koffer. Es waren nämlich 35 Grad angesagt. Beiläufig lotste die Reiserin HerrBert ans Rheinufer, wo auch diesmal wieder ein langer Strom von glücklich lächelnden Menschen in der Strömung trieb und dabei lässig bunte, kugelförmige Taschen neben sich schwimmen ließen. „Ins Wasser, das wäre jetzt nicht schlecht“, gab HerrBert zu. Und jetzt endlich kam die Stunde des Wickelfisches, den die Reiserin jetzt milde lächelnd beiläufig aus der Tasche zauberte.
„Du musst ihn siebenmal umknicken“, las sie vom Etikett ab, als HerrBert überraschend bereitwillig seine Habseligkeiten in den runden Bauch der etwas merkwürdig geformten Tasche befördert hatte. „Erst dann ist er wasserdicht.“ Und tatsächlich sah er jetzt aus wie eine kleine Privatboje, die man bequem festhalten konnte. An der Einstiegstelle beim Tinguely-Museum an der Schwarzwaldbrücke stapfte HerrBert in die Fluten.

Seelig wie das Seepferdchen, das er in seinem Inneren wohl ist, ließ er sich daraufhin ungefähr zwei Kilometer flußabwärts treiben, um dann, in der Nähe eines bezaubernden Imbisslokals am Ufer, mit strahlenden Augen wieder aus dem Wasser zu klettern und von der Reiserin freudig begrüßt zu werden. Sie war nämlich, da ihr der Rhein grundsätzlich zu kalt ist, zu Fuß zur Ausstiegsstelle spaziert.
Eher zufällig stellte sie dabei fest, dass der winzige Punkt neben der kleinen, blauen Boje, der immer wieder auf ihrer Höhe auf dem Wasser zu sehen war, niemand anderes als HerrBert selbst war – so ein Zufall! Freudig winkten sie einander zu, dann gingen sie wieder ihrer Wege als Land- und Wassertiere. An der Ausstiegsstelle hinter der Mittleren Brücke packte HerrBert dann seine Jeans, sein T- Shirt, sein Portemonnaie und sein Handy wieder aus dem Beutel und bestätigte, dass alles vollkommen trocken geblieben ist – Mission Wickelfisch erfüllt.

Der Wickelfisch hat Basel verändert
Erfunden wurde die Tasche 2002 in Basel – von einem Wahlbasler aus Leipzig, der gerne im Rhein schwimmt. Seit 2010 ist sie patentiert. Ihr Name kommt von der fischförmigen Form, wenn sie ungerollt ist – und vom Trick, den hinteren Teil genau sieben Mal zu wickeln, damit sie wasserdicht ist. Sie wird laut Herstellern unter fairen und nachhaltigen Bedingungen in China von Hand hergestellt, seit 2022 nur noch aus hundertprozentig recycletem PET-Material. Es gibt drei Größen und inzwischen unzählige Designs. Auch in Berlin hat die Reiserin die typische Tasche schon ein paar Mal an einer Schulter baumeln sehen.
Der Wickelfisch wurde so schnell so populär, dass er Basel verändert hat. Ganz offensichtlich war er nämlich das fehlende Bindeglied zwischen einem seit Jahrhunderten vorhandenen, schönen, breiten, seit ein paar Jahrzehnten wieder leidlich sauberen und ordentlich strömendem Fluss, der mitten durch die Stadt läuft und dem Dilemma, dass man nach dem Schwimmen ungern mit klatschnassen Badesachen die ganze Strecke wieder zurückgelangen muss, um seine Sachen irgendwo aufzunehmen.

Seit es den Wickelfisch gibt, ist das Leben am Rhein ganz anders: Überall haben sich Cafés und kleine Kioske angesiedelt. Die Uferstufen, an denen sich die Bevölkerung schon immer gerne zum Rumsitzen traf, sind an heißen Sommertagen nun voll wie einst die Spanische Treppe in Rom. An jedem Sommertag – und manchmal bis spät in die Nacht – zieht daran ein unverdrossener Strom aus Menschen vorbei, die sich den Rhein heruntertreiben lassen. Der Wickelfisch gehört längst fest zum Stadtbild, und kaum jemand scheint keinen zu besitzen. Manchmal wird er auch zweckentfremdet und dient als normale Tasche.
Ein Leben mit dem Wickelfisch
Auch HerrBert ist heute gut Freund mit seinem Wickelfisch. Schon einige Male hat er ihn mit auf Reisen genommen. Allerdings benötigt die Tasche einen beschwimmbaren Fluss, um wirklich ihren Zweck zu erfüllen. Und diese sind ja weltweit gar nicht mal so häufig. Der knallrote, weißgepunktete Wickelfisch der Reiserin kam trotzdem mit nach Tansania und leistete ihr gute Dienste, als sie zu einem Ausflugsboot über glitschige Steine durchs tiefe Wasser waten musste, und dabei absolut keine Sorgen um ihre Habseligkeiten hatte.

Bei ihrer jüngsten Reise in die alte Heimat vor wenigen Tagen konnte HerrBert sie nicht begleiten, und darum auch trotz der knallheißen Tage nicht im Rhein schwimmen. Auch die Reiserin selbst hatte ihren Wickelfisch diesmal aus Zeitgründen leider nicht eingepackt. Schade, denn denn diesmal hätte sie es wohl gewagt.
Doch es gibt ja immer ein nächstes Mal.
Den Wickelfisch ist nicht nur in Basel an jeder Ecke zu kaufen, sondern inzwischen auch im Internet. Er funktioniert natürlich auch in jedem anderen Fluss oder als praktische Badetasche. Aber seine ganze Magie entfaltet er vielleicht nur in seinem ursprünglichen Habitat, in Basel, wo sich inzwischen entlang der ganzen Strecke eine an Lauschigkeit und Urbanität kaum zu überbietende Sommer-Flusskultur angesiedelt hat.

Der Song des Tages ist heute „Full Tank“ der Basler Surfpunkformation Lombego Surfers. Das Stück aus dem Jahr 2001 gibt perfekt die lebendige und auch ein bisschen roughe Stimmung von Basel wieder. Es stammt vom Album „Full Tank of Tiki“ und erschien ein Jahr bevor der Wickelfisch die Stadtsommer für immer verändert hat.
Hinweis: Wir haben unsere Wickelfische selbst gekauft und sind in keinerlei Weise mit den Herstellern verbandelt.
