Ortsschild mit durchgestrichenem Schriftzug 'CHIATURA' in lateinischer und georgischer Schrift vor bewaldetem Hintergrund unter blauem Himmel mit freundlichen Wolken

Back on the Road, so war unser Plan für Donnerstag. Doch so leicht ließ uns die aus der Zeit gefallene Bergbaustadt Chiatura nicht gehen. Nicht nur, dass die Reiserin im Garten unseres bezaubernden Hotels noch ausgiebig die wundersam violetten Rosen fotografieren musste, die sie in dieser Farbe sonst noch nie irgendwo gesehen hatte. Das Foto widmete sie der Reiserinnenmutter, die Rosen liebte, und deren Geburtstag vorgestern gewesen wäre.

Nahaufnahme eines Strauches mit dunkelvioletten Rosenblüten mit grünen Blättern vor braunem Erdboden

Unsere nächste Station sollte Gori sein. Als unser Jeep aber gerade mal knapp Fahrt aufgenommen hatte, riss HerrBert gleich wieder einen Vollstopp: Kurz vor dem Orsausgangsschild von Chiatura in der melancholischen Schlucht sah er etwas am Himmel baumeln: eine weitere völlig durchgerostete Seilbahnkabine, die einfach am Seil hängen gelassen worden war. Natürlich mussten wir aussteigen, und diese weitere Station erkunden.

Auch eine kleine Hängebrücke hinter der Station zog HerrBert magisch an. Bevor die Reiserin „Vorsicht, vielleicht ist sie morsch“ denken konnte, war er schon auf die andere Seite gewieselt und im dichten Grün verschwunden. Eine ganze Weile später kam er zurück und berichtete: Auf der anderen Seite sind noch Bergbauarbeiten im Gang. Es muss sowas wie das letzte melancholische Ausschnaufen von Chiatura sein. Viel Mangan ist ja bekanntlich nicht mehr übrig, vielleicht noch für fünf oder sechs Jahre soll es angeblich reichen. Bis dahin fahren ein paar letzte verbliebene Bergleute noch in die Schächte. Die anderen stehen herum, und warten auf bessere Zeiten.

Song des Tages: „Oysya“ vom „Moskauer Kosakenchor“

Der Sohn von Gori

Kaum war Chiatura hinter uns, öffnete sich die Landschaft. „Das könnte hier überall sein“, meinte die Reiserin mit Blick auf die für eine Weile sehr unspezifische Umgebung. HerrBert stimmt zu. Mit seinen leichten, begrünten Hügeln und den paar Büschen und Feldern sieht Georgien hier erstmals ein bisschen aus wie Thüringen oder Idaho oder das badischen Land. Vielleicht liegt dieser Eindruck auch daran, dass hier überhaupt keine Kühe mehr auf der Straße zu sehen sind. Eine ganze Weile passiert auch sonst nicht viel, dann kommen wir nach Gori.

Touristisch ist dieser Ort vorwiegend dafür bekannt, dass hier sehr affirmativ mit dem bekanntesten Sohn der Stadt umgegangen wird. Unter dem Namen „Stalin“ ging er in die Geschichte ein und kurbelt scheinbar weiterhin den Fremdenverkehr in Gori an. Nebst einem ihm gewidmeten Museum sowie dem privaten Eisenbahnwagen, ist in Gori auch eine Replik seines bescheidenes Geburtshaus ausgestellt. Die ursprüngliche Hütte war irgendwann abgerissen worden, über den nachempfundenen Neubau errichtete man sicherheitshalber noch ein riesiges, bizarr wirkendes Mausoleum. Warum? Schwer zu sagen. Vielleicht, damit es bei Stalins nicht durchs Dach regnet.

Aufsteller mit mehreren Reihen von Postkarten oder Sammelbildern, darunter Porträts von historischen Persönlichkeiten, Granatäpfeln und verschiedene Landschaften oder Gebäude.
Der berühmte Sohn der Stadt Gori: noch immer ein Tourismusmagnet

Da uns Diktatoren und Massenmörder aber grundsätzlich gestohlen bleiben können, stand ein Stopp bei diesen Touristenhotspots für uns nicht zur Debatte. Jedoch ließ sich HerrBert einen kleinen Abstecher zum Bahnhof von Gori nicht nehmen. In einem abgetrennten Wartesaal werden die Bahnreisenden dort nämlich bis heute von einer überlebensgroßen Statue des Diktators begrüßt, und das wollte er fotografieren.

Erfreulicherweise gibt es noch ein paar diktatorfreie Attraktionen in Gori. Unter anderem das an diesem Ort erfundene „Gori-Kotelett“. Dabei handelt es sich um ein in Spindelform gebrachtes Hackfleischgebilde, das traditionell mit Kartoffelbrei serviert wird. Doch irgendwie war uns dann trotz Mittagszeit nicht danach, und so begnügten wir uns, nach einem Abstecher in die wirklich hübsche und friedliche Altstadt von Gori, mit einem Kaltgetränk in einem fancy Café, bevor wir weiterfuhren. Unnötig zu raten, nach wem die große Avenue benannt ist, an dem das Café lag.

Hohle Höhlen

Nicht weit entfernt sollte eine weitere Touristenattraktion liegen, auf die wir nun alle Hoffnung setzten: die Höhlenstadt Upliziche. So richtig verstanden wir nicht, ob sie nun aus der Altsteinzeit oder aus dem Mittelalter stammt, und wer wann darin gewohnt hat, aber, so hatte HerrBert herausgefunden, gab es vor Ort einen Audioguide, der das alles verraten würde.

Kuhkopf mit schwarz-weißer Fellzeichnung vor einer Straße und einer grünen Wiese im Hintergrund
Auf dem Weg nach Upliziche: endlich wieder Kühe auf der Straße

Am Rand eines weiteren lauschigen Bauerndorfes mit üppigen Gärten und zierlich gemauerten roten Steinhäusern – hier sah es wieder genauso aus, wie wir uns Georgien vorgestellt hatten – kamen wir an ein hügeliges Gelände, auf dem viele Leute herumkraxelten.

Der Audioguide bestätigte, dass hier im Lauf der Menschheitsgeschichte allerhand Menschen gelebt haben und die verschiedenen Höhlen unterschiedlicher Größe für verschiedene Zwecke genutzt und immer wieder erweitert, umgebaut, verziert und vergrößert haben sollen. Aufgrund von vergangener Zeit, Witterung und sonstigen Gründen sind die Spuren davon allerdings auch mit dem Audioguide nicht mehr zu identifizieren. Brav absolvierten wir die Kraxeltour und lauschten allen Erläuterungen, jedoch ohne großen Erkenntnisgewinn. Inhaltlich lässt sich die Sachlage in Upliziche so zusammenfassen: Wie sie hier sehen, sehen sie nichts.

Auf nach Tbilisi!

Nun war für uns beide irgendwie die Luft raus. Wohin nun? Kurz guckten wir uns an, dann war klar: auf nach Tbilisi. Eineinhalb Stunden würden wir dafür brauchen, eine Unterkunft für die nächsten drei Tage war rasch gebucht.

Und so fanden wir uns am Ende dieses Tages, der in den melancholischen Schluchten von Chiatura begonnen hatte, in der schon auf der Einfahrtsstraße vor Energie, Urbanität und Zukunftsfreude vibrierenden Hauptstadt Tbilisi wieder. Bei der Wohnung sind wir uns noch nicht sicher, ob wir uns richtig entschieden haben, denn sie liegt, anders als in der Anzeige angegeben, nicht im Zentrum der Stadt, sondern im Zentrum eines Vorortes an einem steilen Hügel vor der Stadt. Wir werden berichten!

Der Song des Tages ist „Oysya“ vom „Moskauer Kosakenchor“, das uns heute während der ganzen Fahrt begleite.

Erst vermuteten wir ein Liebeslied an eine glutäugige weibliche Person von einnehmender Wesensart und ansprechendem Äußern, das beim Sänger mehr oder weniger keusche, sich im Rhythmus des Liedes steigernde Leidenschaft entfacht.

Eine Recherche ergab aber etwas völlig anderes: Oysya war eine Spottbezeichnung, die die wilde Reitergemeinschaft der Kosaken für die geknechteten Völker des Kaukasus, etwa die Tschetschenen und Inguscheten hatten, gegen die sie unter anderem vom Zaren eingesetzt wurden. „Keine Sorge, wir tun euch nichts“, heißt der Refrain.

Lustig ist das natürlich nicht, die Völker im Kaukasus bekämpfen sich seit Jahrhunderten und wurden von Machthabern immer wieder gegeneinander aufgehetzt, und später von Stalin gleichermaßen verfolgt.

Als wir das noch nicht wussten, hatte HerrBert dennoch einen ähnlichen Text improvisiert. „Keine Sorge, kleine Oysia, wir wollen dir nur ein wenig übers Haar streichen“, brummelte er zum wuchtigen Kosakenrhythmus.

Was bisher geschah: hier.