Ganz früher, als die Reiserin noch ein Kind war, hingen fremdartige Bilder an der Wand. Mit Tusche gezeichnete Marktszenen, merkwürdige Ansammlungen von Strichen, die zusammen kleine Muster bildeten. Blasse Blumen, eine nur vage angedeutete Landschaft, tosende Wellen, die aussahen wie aus einem Comic, ein Teich mit Seerosen, der war immerhin erkennbar. Alle diese Bilder waren gerahmt in lackglänzende Rahmen mit abgerundeten Ecken und mit dicken Passepartouts. Auf absolut gar keinen Fall durfte man diese Rahmen berühren. Die Bilder, so hieß es vom Mann der Mutter, seien „aus Japan“ und ganz etwas Besonderes.
Song des Tages (mehr unten)
Viel konnte sich die Reiserin unter Japan nicht vorstellen, irgendwo bei China in Asien. Sie war gerade 11 oder 12 und was sie wirklich wollte war: nach London und Paris reisen. Bisher war sie erst in der Schweiz und ein paar Mal in Deutschland sowie einige Male in Frankreich gewesen, im Elsass, das war nicht weit weg von da, wo sie wohnten. Beim Mann der Mutter sah das schon anders aus. Er hatte als Geschäftsmann schon sehr viel von der Welt gesehen, war in Fernost und Südamerika gewesen zu einer Zeit, wo Flugreisen nur für Reiche und Geschäftsmänner war.

Die lackgerahmten Bilder hatte der Mann der Mutter selbst in Japan gekauft. Das klang für die kindliche Reiserin unvorstellbar. Dass man überhaupt an einen so weit entfernten Ort gelangen kann, dass man dann dort einfach unterwegs ist, quasi in einem anderen Universum, herumläuft, isst und schläft, und dann dort auch noch einfach in einen Laden läuft und Bilder kaufen kann.
Ein halbes Leben später
Dann verging ein halbes Leben und auch die Reiserin fand heraus, wie man an weit entfernte Orte gelangt, dort unterwegs ist, isst und schläft, und dass man überall auf der Welt in Läden gehen und Dinge erwerben kann, die dann zuhause die Wand schmücken und einem bei jedem Betrachten für einen Moment wieder in die Ferne beamen können.
Irgendwann gingen die Bilder aus Japan von der Kindheitswand in den Besitz der Reiserin über. Sie begann zu forschen. Wer hatte die Bilder gemalt? Waren sie wertvoll? Gar nicht so einfach, das herauszufinden. Asiatische Kunst funktioniert anders als europäische: Viele Motive wurden mit geschnitzten Holzblöcken gedruckt, gestern oder vor zweihundert Jahren, und der Wert liegt in der Frage, ob ein Meister die Motive geschnitten und gedruckt hat, und wenn ja, welcher. Viele Bücher wurden gewälzt, Experten zu Rate gezogen. Und dann stellte sich heraus: Die meisten dieser Bilder stammten nicht aus farbverschmierten Werkstätten alter Holzschneidemeister oder wenigstens aus verwunschenen Galerien in schattigen Seitenstraßen, wie es sich die Reiserin vorgestellt hatte. Der Mann der Mutter war wahrscheinlich zwischen seinen Geschäftsterminen in Souvenirgeschäfte und Museumsshops gegangen und hatte dort eingekauft. Die glänzenden Lackrahmen gehörten gegen einen kleinen Aufpreis standardmäßig dazu.

Darüber vergoss die Reiserin ein paar philosophische Tränchen. Die Welt dieser Bilder war weniger geheimnisvoll, als sie sie erträumt hatte.
Einige ungerahmte Motive hatten sogar noch in Papierhüllen mit geheimnisvollen Schriftzeichen gesteckt. Auch sie, so stellte sich heraus, waren keine Artefakte aus einem anderen Universum. Sie stammten lediglich aus einer anderen Zeit: Es waren Werbeverpackungen und Schutzhüllen aus den Museumsshops von Kyoto, Tokyo und Osaka in den 1970er und 80er Jahren.
Die Ferne ist zu nahe gerückt
Aber die Bilder aus Japan haben etwas noch Wichtigeres verloren, und ihr Versprechen zerplatzte dadurch wie die Seifenblase in der Badewanne eines Luxushotels. Die Bilder an der Wand waren nicht mehr kostbar, weil längst jeder sie mitgebracht oder im Internet bestellt haben könnte. Fast alle, die wollen, können längst in ein Flugzeug steigen und nach ein paar Stunden in einem anderen Universum herumspazieren, oder vom Computer aus gleich die Erde als globales Warenhaus nutzen. Eine weite Welt gibt es schon lange nicht mehr, die Ferne an sich ist zu nahe gerückt. Mal eben nach Japan rüber ist fast schon banal geworden.
Nur die Reiserin hatte offenbar all die Jahre an der Vorstellung festgehalten, dass so etwas wie die weite Welt für immer existieren würde, als Verheißung und als Ziel. Die schattigen Nebenstraßen, die unerwarteten Entdeckungen, die fremden Schönheiten eines gerade entdeckten Ortes. Eine Ferne, die man ganz für sich allein entziffert und denen zuhause dann davon berichtet.
Vielleicht müssen wir erst zum Mond und zum Mars fliegen können, um für eine Weile wieder eine echte Vorstellung von Ferne zu bekommen. Vielleicht brauchen wir das Wissen, dass Orte wirklich weit weg und fast unerreichbar sind, damit Erinnerungen, die jemand von dort mitbringt, wieder schillern können.
In Japan war die Reiserin bis heute nicht. Doch sie überlegt, sich mal dorthin auf den Weg zu machen, nach Kyoto, Tokyo, Osaka. Den Museumsshop mit den geheimnisvollen Bildern gibt es immer noch, soviel hat sie schon herausgefunden, und er soll auch fast noch so aussehen wie damals in den 1970er und 80er Jahre. Vielleicht ist die Zeit reif für eine Reise in die Vergangenheit und in die Zeit, als es die Ferne noch gab.

Der Song des Tages heißt „Sukiyaki“ von Kyu Sakamoto. Ein japanischer Evergreen von 1963, das durch diverse Coverversionen auch im Westen ein Hit wurde.
Das Poster auf dem Aufmacherbild erinnert die Reiserin an einen Spätnachmittag an einem Meteoritenkrater. Die Sonne ging schon unter und der Wind blies sie und HerrBert fast vom Kraterrand. Nur über einen Umweg waren sie überhaupt hierher geraten. In diesem Moment fühlte sich die Welt groß, geheimnisvoll und wunderschön an. Das Poster kaufte sie kurz vor Ladenschluss im Souvenirshop des Kraters – erstaunt darüber, dass es sowas hier am Ende der Welt überhaupt gab.
