Kopfsteinpflasterweg am Hafen in Münster mit einer Person im Gegenlicht, die auf einer niedrigen Mauer am Wasser sitzt, im Hintergrund moderne Gebäude und Himmel mit Sonne und freundlichen Wolken

Die Reiserin hat es erwischt. Keine drei Tage ist es her, da fuhr sie mit der Bahn knapp 400 Kilometer in Richtung Westen und kam pünktlich auf die Minute in Münster an.

Song des Tages (mehr dazu unten)

Die Sonne schien und als sie am Bahnhof ausstieg, hatte sie das Gefühl, in einer strahlenden Version der 1960er Jahren angekommen zu sein. Weit war es nicht bis zu ihrem Appartement, und schon nach wenigen Schritten war sie verzaubert. Von dem Plastikdönerspieß auf einem Lastenfahrrad vor einem Dönerladen. Von den Fahrrädern, die hier ganz offensichtlich im Straßenverkehr den Ton angeben, und auch von der stromlinienförmigen Bärenplastik, die ihr nach wenigen Schritten begegnete, und die, wie eine Informationstafel am Boden informierte, von einem Münsteraner Künstler als Erinnerung an die Teilung Berlins angefertigt worden war. Aber natürlich war sie nicht hierhergekommen, um sich an Berlin erinnern zu lassen, sondern um sich für ein paar Tage fortzubilden.

Kaum war der Koffer abgestellt, machte sie sich auf den Weg zum Hafen. In knapp 15 Fußminuten wich sie mehr Fahrrädern aus, als in Berlin und Amsterdam zusammen – und alle fuhren mindestens doppelt so entschlossen. In einer kleinen Unterführung war der Bürgersteig gerade mal breit genug für zwei sehr schlanke, gelenkige Menschen. Schon von weitem zirkelten sich Vorbeiflanierende in Gedanken aneinander vorbei, um ja keinen Zentimeter auf den Fahrradstreifen ausweichen zu müssen. Zu Recht – auch wenn dieser für Minuten unbefahren erscheint, können jederzeit rasende Gefährte vorbeischießen, denen nicht mehr auszuweichen ist. In Münster, so scheint es, hat die Verkehrswende schon stattgefunden.

Fahrräder lehnen an einer Hauswand mit großflächigem Wellen-Graffiti am Hafen in Münster, im Hintergrund Industriegebäude und ein hoher Schornstein
Am Hafen von Münster: Sieht aus wie ein Fluss, ist aber ein Hafenbecken

Sonne am Hafen

Kurz danach öffnet sich schon der Blick auf den Hafen. Eine lange Promenade im strahlenden Frühlingslicht wirkt zunächst wie das Ufer eines Flusses. Doch ein Blick auf die Karte ergibt: Es handelt sich um das Hafenbecken eines toten Arm des Dortmund-Ems-Kanals. Hier geht die Sonne malerisch auf- und unter, in der Zeit dazwischen sitzen fröhliche und friedliche Menschen auf den Mäuerchen und in den Lokalen am Ufer und lassen es sich gut gehen. Dies scheint sowieso eine Spezialität der Münsteranerinnen und Münsteraner zu sein, wie die Reiserin aus erster Hand erfahren wird. Die Mitlernenden in der Fortbildung sind entweder immer in Münster geblieben, nach Jahren im Ausland nach Münster zurückgekehrt oder haben mindestens heimlich schon mal erwogen, von ihrem in der näheren Umgebung liegenden Wohnorten irgendwann nach Münster umzusiedeln – sofern sie nicht, wie die Lehrenden, sowieso regelmäßig aus anderen Teilen des Landes immer wieder hierherkommen. Das ist sehr gut zu verstehen. Noch keine zwei Stunden ist die Reiserin vor Ort, und außer dem Hafen hat sie noch nicht viel gesehen, aber kaum nimmt HerrBert das Telefon ab, zirpt sie, nur halb im Spaß: „Lass uns nach Münster ziehen, hier ist es so schön.“

Schild im Tiki-Stil mit der Aufschrift 'WATUSI exotique Bar' vor rotem sechseckigem Muster und grünen Blättern
Und abends dann in die Watusi Bar

Ob es nur ein Frühlingsflirt ist, oder etwas Längeres wird, wird sich zeigen. Ein halbes Dutzend Mal wird die Reiserin im Verlauf dieses Jahres sicherlich zu Fortbildungszwecken hierherreisen. Dabei wird sie nach und nach die anderen Teile dieser Stadt erkunden. Jetzt aber reicht noch der erste Blick: Münster, das könnte Liebe werden.

Hellgraues Sofa mit einem dunkelblauen Kissen mit der Aufschrift 'Münster' und den Koordinaten der Stadt vor einer Wand mit großem, farbigem Pflanzenmuster

Der Song des Tages heute heißt „Whatcha Gonna Do About It“ von der Psychobilly-Band Sunny Domestozs aus Münster. Schon auf der Hinfahrt, kurz nach Osnabrück, schrieb die Reiserin aus dem Zug ihrer Freundin Judith, deren Wiege hier in der Nähe stand, wie schön sie es hier fände. „Das geht vorbei“, war die trockene Antwort. Die Freundin hatte es schon als Teenager nach Berlin gezogen und da bleibt sie auch. Doch davor hatte auch sie in Münster Spuren hinterlassen: als Orgelspielerin dieser deutschen Psychobilly-Pioniere.

Die Bärenplastik auf dem Foto stammt vom Münsteraner Künstler Arnold Schlick (1896 – 1978).