Erste Runde
1 Wir cruisten auf der Rückseite des Löwenkopfs und des Tafelbergs umher und erkundeten die Stadtteile Mouille Point und Sea Point. Dann fuhren wir über Camps Bay bis Hout Bay runter.
2 Zwischendurch hielten wir immer mal wieder an, schlenderten umher, schauten aufs Meer, tranken etwas und fuhren dann weiter. So war Kapstadt smooth.
3 Zufällig hatte HerrBert auf dem Navi für unsere letzte Station Hout Bay auf „Market“ geklickt und so führte uns das Navi direkt zum Hout Bay Harbor Market.
4 Vor Ort sprangen uns dann die typischen Kapstadt-Parkplatz-Dealer an, die uns exklusiv gegen Bezahlung in eine Parkplatzlücke bugsieren wollten.
5 Wir hatten aber noch ein paar Meter bis zum Meer bis wir vor dem Fish On The Rocks zum Stehen kamen. Hier ging es nun wirklich nicht mehr weiter.

6 HerrBert posierte erstmal geschlechtsspezifisch unsinnig an den historischen Kanonen herum, die hier am Beach aufgereiht waren, bis wir uns neugierig der etwas dunklen Halle zuwandten, die uns eine echt afrikanische Experience versprach.
7 Doch kaum im Innern, tat sich vor uns ein belebtes, von unzählig liebevoll dekorierten Läden und Ständen erfülltes Kunst- und Food Market-treiben auf, das wir hier am abgelegenen Hafen von Hout Bay nie und nimmer erwartet hatten.
8 Aber was wussten wir schon von Kapstadt und seinen Vororten, waren wir doch zum ersten Mal hier.
9 Staunend erkundeten wir einen Stand nach dem anderen.

10 Souvenirs, Bilder, Kleidung sowie Speisen und Getränke – es gab einfach alles, und als Höhepunkt feierte auf einer kleinen Bühne eine Band die Talking Heads ab, indem sie „Psychokiller“ zum Besten gaben.
11 HerrBert fiel ein Stand mit Leinenhemden auf, wo er vielleicht als Sonnenschutz ein langärmliges Hemd zu erstehen gedachte, weil er genau so eines vergessen hatte in seinen Koffer zu tun, und seine Unterarme vom Nur-T-Shirt-Tragen, schon leichte Rötungen zeigten, welche es einzudämmen galt.
12 Doch der Hemdverkäufer hatte anderes zu tun und würdigte ihn keines Blickes.
13 Als HerrBert sich daraufhin irgendwann abwandte, sprang die Reiserin auf den Verkäufer zu, um ihm das Anliegen von HerrBert zu erläutern.
14 Aber es gab kein Zurück, denn HerrBert hatte sich schon dem nachbarlichen T-Shirt Stand zugewandt.
15 Hier gab es T-Shirt, die genau seinen Geschmack trafen, mit Humor und hintergründigen Afrika-Motiven, allerdings ohne Unterarmabdeckung.
16 Aber das war HerrBert egal denn nun fing die Phase an, wo er sich nicht entscheiden konnte.
17 Zu viele Motive gefielen ihm.
18 Er rang sich zu zwei Motiven durch – ein Vintage-Buschflugzeug mit einer Ziege und einem Hahn auf dem Dach für sich, und ein Superheld an einem Grill mit der Aufschrift Captain Braai, was auf Afrikaans Grill heißt, und das sollte für seinen Freund Rico sein.

19 Der Verkäufer hatte beide Shirts nicht in den gewünschten Größen da, wie er schulterzuckend mitteilte.
20 HerrBert fühlte sich um die Früchte seines mühseligen Entscheidungsringens betrogen, schnaubte erbost und verließ ernüchtert die ansonsten doch so schöne Bay Harbour Market Hall.
Zweite Runde
1 Am folgenden Sonntag wollten wir den Kapstadter Stadtteil Woodstock erkunden. Dort soll es faszinierende Street Art geben und dann findet unweit davon auf dem ehemaligen Gelände der Old Biscuit Mill immer ein Kunst- und Handwerksmarkt statt.



2 So fuhren wir von unserem geliebten Table View-Viertel in Richtung Innenstadt. Im Portemonnaie nur das Nötigste und den Reisepass nur als Kopie. Soll man so machen, hatte die Reiserin gelesen. HerrBert fügte sich. Man weiß ja nie.
3 Wir bogen auf die Lower Church Street, welche uns direkt auf die Albert Road führte, an der sich die Street Art geballt wiederfinden lassen sollte.
4 Als wir an der roten Ampel an der Kreuzung warteten, blickten wir die Albert Road rechts und links runter und konnten uns nicht entscheiden, welche Richtung uns verlassener und heruntergekommener vorkam.

5 Die Ampel wurde auf Grün und HerrBert fuhr spontan nach links.
6 Kurz darauf sprang eine fuchtelnde Parkplatzdealerin vor uns auf die Straße und wollte uns in eine von ihr bewachte Parklücke manövrieren. HerrBert fuhr vorsichtshalber weiter.
7 Gleich darauf fiel unser Blick auf das Gelände der alten Keksfabrik. Hätten wir den Parkplatz doch genommen, danach war alles zugeparkt.
8 Den Kreisverkehr in der Nähe der Zufahrt zur Stadtautobahn einmal umrundend fuhren wir wieder zurück. An der Autobahnzufahrt soll es besonders gefährlich sein, nicht nur nachts, hatte die Reiserin gelesen. Woodstock ist ein Viertel der Obdachlosen.
9 An der Biskuitfabrik und der Straßenkreuzung vorbei fuhren wir die andere Seite der Albert Road entlang. Street Art sahen wir keine. Die Straße war leer, die wenigen Geschäfte sonntags geschlossen oder gleich ganz zugehämmert.
10 Wir entschieden, zum Markt zurückzufahren.

11 Auf dem Weg bog HerrBert spontan in eine kleine unscheinbare Gasse ein. Die Reiserin stellte sich auf brennende Mülltonnen, bewaffnete Gangs und das sofortige Ende aller Tage ein.
12 Passierte aber nichts.
13 Am Ende der Gasse thronte ganz oben unser Tafelberg, blickte gutmütig auf uns herab und ließ uns in unserem leicht kopflosen Treiben gewähren.

14 Einige Minuten später ließen wir uns über den sonntäglichen Neighbourgoods Market in der schön herausgeputzten alten Biskuitfabrik treiben. Das Auto hatten wir bei der fuchtelnden Parkwächterin abgestellt. Den 50-Rand-Schein, 2,50 Euro, den wir ihr reichten, nahm sie mit Begeisterung. „Für 50 Rand könnt ihr den ganzen Tag bleiben“, jubelte sie.
15 Auf dem Markt erwarb HerrBert ein schönes Leinenhemd mit halblangen Ärmeln und schlenderte zufrieden zu dem T-Shirt Stand von Africa Joe, den es hier auch gab.
16 Er hatte herausgefunden, dass die T-Shirts mit den humorigen Motiven, dem Buschflugzeug und dem Braai Master, vom selben Produzenten stammten: Africa Joe.
17 Freudig stellte er sich vor den Stand und erläuterte dem Verkäufer seinen Wunsch: einmal Buschflugzeug und einmal Braai Master bitte. Der Verkäufer lächelte auch und fing an, in seinen Kartons zu kramen. Dann wechselte sein Ausdruck ins Bedauern.
18 Die gewünschten T-Shirts waren entweder zu klein oder gar nicht vorrätig.
19 Mit seinem holprigen Englisch erzählte HerrBert dem Verkäufer von seinem bisherigen Misserfolg bei der Jagd nach den T-Shirts.
20 Der Verkäufer blickte mitfühlend und meinte: „Jetzt kannst Du es nur noch in der Mall an der Viktoria & Albert Waterfront probieren“ – dem Kudamm von Kapstadt. Dort gäbe es einen weiteren Africa Joe-Kiosk, einen kleinen Verkaufsstand.
Dritte Runde
1 Die Sonne stand noch hoch am Himmel, doch der Kunsthandwerksmarkt in der Biskuitfabrik schloss schon um 15 Uhr seine Tore. Die Parkwächterin war verschwunden, aber unser Auto stand noch da.
2 Die Aussicht auf das dritte Mal Kapstadter Ku’damm, rief bei HerrBert einen leichten Anflug von schlechter Laune hervor.

3 Aber die Reiserin gab zu, dass sie dort gerne nochmal in die Verkaufshalle namens Watershed für exquisites Afrikanisches Design wollte. Sie hatte dort ein paar Tage zuvor die Tasche aller Taschen gesehen oder so. Und die Mall mit dem womöglichen Africa Joe-T-Shirt-Verkaufsstand müsste dort in der Nähe sein.
4 Aber erstmal wurde die Tasche der Taschen im Watershed besucht und abgehakt.
5 Die Reiserin hat zuviele Taschen, als dass sie noch eine braucht. Redete sie sich mit einer Träne im Knopfloch ein. „Jetzt los zu den T-Shirts“, murmelte sie.
6 Wir schlenderten zum Victoria Shopping Centre. Hier mußte der T-Shirt-Stand irgendwo sein.

7 Zwischen Herren-Luxus-Shops und Geschäften für Damenunterwäsche bummelten wir dahin. Menschen waren nicht viele unterwegs, und die Waren waren teuer. Wir bogen um Ecken und gerieten in Gänge, immer weiter hinein. Längst wussten wir nicht mehr, woher wir gekommen waren.
8 In einem Foyer war eine Pop Up-Ausstellung mit großen Pressefotos von Tieren in Schwarzweiß. Die Reiserin knuffte HerrBert in die Rippen und war plötzlich ganz aufgeregt. „Da! Da!“
9 In einem winzigen Winkel unter den Rolltreppen in der kalten, weißen Lobby stand ein winziger Stand hingequetscht. Darauf große Berge von säuberlich gefalteten T-Shirts. Wir hatten den Verkaufsstand von Africa Joe gefunden, aus purem Zufall.
10 Wie von unsichtbarer Hand gelenkt, steuerte HerrBert seine Schritte zum T-Shirt-Stand.
11 Mit glücklichem Blick und bangem Herzen musterte er die Ware. Auf 3 Quadratmetern waren nochmal alle Highlights des Africa Joe-Sortiments zu sehen, das HerrBert nun schon in- und auswendig kannte.
12 Freundlich betrachtete der junge Verkäufer den aufgeregten HerrBert, der nun zielgenau auf das Bundu Air– und das Captain Braai-T-Shirt zeigte.
13 Er nannte die gewünschten Größen und machte sich nicht viel Hoffnung.
14 Aber der junge Verkäufer warf entschlossen seine Braids mit einer Kopfbewegung in den Nacken und holte mit gelassener Selbstverständlichkeit das wohl letzte auf der Welt existierende Expemplar des Bundu Air-T-Shirt in XL sowie das einzige jemals hergestellte Captain Braai-Shirt in L aus seinem Nachschubregal.
15 HerrBert begann ungläubig über das ganze Gesicht zu strahlen, auf dass das Licht die ganze Mall erhellte.
16 HerrBert war fündig geworden! Seine Jagd nach den T-Shirts stand in nichts der Suche nach dem heiligen Graal oder der Suche nach der Bundeslade nach.
17 In Zungen redend begann HerrBert, dem gelassen lächelnden jungen Verkäufer von seiner Odyssee zu berichten. „Und vorhin in Woodstock sagte der Gentleman, dass wir hier vielleicht noch eine Chance hätten“…
18 Der junge Verkäufer begann zu grinsen. „In der Old Biscuit Mill, das ist mein Onkel“, meinte er. Cool. Super. Yeah. Wir waren uns alle einig.
19 HerrBert hatte jetzt wahrscheinlich 80 Prozent der gesamten Africa Joe-Verkaufsbelegschaft sowie halb Kapstadt kennengelernt – und am Ende hatte er die T-Shirts ergattert. Wie immer verschwand auch an diesem Sonntag vor drei Wochen die Sonne von Kapstadt hinter dem Tafelberg. Ihr Strahlen aber war an diesem Abend irgendwie heller und länger zu sehen.

20 Vor wenigen Tagen, direkt nach der Linedance-Stunde in Berlin-Reinickendorf, übergab HerrBert sein Geschenk an Freund Rico. Gestern revanchierte er sich mit diesem Bild. Rico ist der Braai Master, und das kann jeder sehen. Der Sommer kann kommen.

