Großes Wandgemälde an einem Gebäude mit einem farbigen Porträt von Nelson Mandela und dem Schriftzug 'WHEN PEOPLE ARE DETERMINED THEY CAN OVERCOME ANYTHING'

Viele Grüße aus Sea View! Das ist ein ziemlich nichtssagender Name – aber wenigstens können wir ihn aussprechen. Im Küstenort Sea View haben wir unsere Unterkunft, der Vorort liegt im Einzugsgebiet einer Stadt in der Provinz Ostkap, die früher Port Elizabeth hieß und klassischerweise das Ende – oder den Anfang – der Garden Route bezeichnete. 2021 wurde der britisch-kolonialistische Name aber durch die Südafrikanische Regierung abgeändert, und zwar zu Gqeberha.

Song des Tages (mehr dazu unten)

Wie man das ausspricht? Schwer zu sagen. Es ist ein Wort in isiXhosa, der Sprache der Volksgruppe der Xhosa, die hier die Mehrheit der Bevölkerung ausmacht. Insgesamt ist es die zweitgrößte Bevölkerungsgruppe in Südafrika und isiXhosa ist eine der elf Amtssprachen. Das für europäische Ohren besondere an dieser Sprache sind ihre Klicklaute. Xhosa besteht nicht nur aus Konsonanten und Vokalen, sondern enthält zusätzlich noch eine Lautgruppe, die in unseren Ohren am ehesten wie ein Schnalzen mit der Zunge klingt. Oder, und das ist nicht respektlos gemeint: So, wie wenn die Oma ihr Gebiss herausnimmt, und beim Aufheben des Vakuums im Mund ein knackendes Geräusch entsteht. Dieses Knacken wird in Xhosa zusammen mit Vokalen oder Konsonanten erzeugt. Wie das geht? Keine Ahnung. Auch Gqeberha enthält einen solchen Klicklaut, weswegen ihn ziemlich viele Nicht-Xhosa nur schwer oder, wenn es Touristen sind, gar nicht aussprechen können.

Zum Glück verstehen noch alle, was gemeint ist, wenn man Port Elizabeth sagt. Die meisten Wegweiser auf der N2 sind jedoch mit dem neuen Namen beschriftet.

Die Stadt selbst haben wir heute kennengelernt. Genauer gesagt sind wir den ganzen Nachmittag kreuz und quer in Gqeberha herumgekurvt, um die verschiedenen Sehenswürdigkeiten zu besuchen. Die erste Station hieß Donkin Reserve und ist ein Park mitten in der ziemlich hügeligen Stadt.

Oben steht eine Art Aussichtsturm, ein großes, buntes Bodenmosaik und eine Installation die Nelson Mandela und die durch ihn befreiten afrikanischen Völker symbolisiert. Wir spazierten eine Weile über den ziemlich zerrupften und mit Glasscherben und Unkraut gespickten Rasen und guckten uns die diversen Kunstwerke an. „Der Park heißt Donkin Reserve nach einem Sir Sowieso Donkin, der ihn 1820 für seine über alles geliebte, verstorbene Frau anlegen ließ. Nach ihr wurde auch die Stadt benannt, sie hieß nämlich Elizabeth“, erklärte HerrBert schon auf der Fahrt der Reiserin auf Nachfrage. „Donkin war der Gouverneur am Kap, ein Brite.“

Leuchtturm mit pyramidenförmigem Steinsockel und farbiger Mosaikfläche davor auf rotem Pflaster unter blauem Himmel
Angelegt für die einstige Namensgeberin der Stadt

Die Sonne scheint heute wieder und HerrBert hat aus diesem Grund einen Strohhut aufgesetzt. Als er gerade an ein Geländer gelehnt ein buntes Mosaik betrachtet, kommt ein Windstoß und weht den Hut davon, und zwar in eines der dickichtartigen Gebüsche, die es an diesem Hügel auch gibt. „Würde ich jetzt nicht hingehen“, murmelt die Reiserin, denn viele Ecken hier dienen augenscheinlich den Obdachlosen der Stadt als Unterkunft. HerrBert zögert. So richtig ins Gebüsch will er auch nicht kriechen. Aber den Hut mag er auch noch nicht abschreiben.

Bunte Mosaikbilder aus Plastikflaschendeckeln, die an einem Geländer befestigt sind, mit Mustern aus Dreiecken und einem Haus
Mosaik in Großformat

„Dein Hut flog davon“, lächelt da ein schlanker Schwarzer, auch etwas abgerissen wirkender Mann, der im Schatten in der Nähe des Geländers gestanden hatte. „Ich hole ihn dir“, und schon springt er los in Richtung Gebüsch und hält HerrBert kurz darauf strahlend seine Kopfbedeckung wieder hin. Gerührt von der Freundlichkeit und Hilfsbereitschaft bedanken wir uns mit einem Geldschein, der wiederum den Mann freut. Uns gegenseitig alles Gute, Gottes Segen und sonstige guten Wünsche zurufend, teilen sich unsere Wege wieder. Die Reiserin schlägt vor, noch ein bisschen zu Fuß herumzustreifen, weil ihr die Stimmung hier trotz der leicht verwahrlosten Umgebung nicht bedrohlich vorkommt, doch heute sind die Rollen mal umgekehrt und HerrBert möchte zurück ins Auto.

Die Donkin Street ist ziemlich steil

Eine ganze Weile fahren wir in der Stadt herum. Sie liegt an einem Hang und hat steile Straßen, die die Einheimischen stoisch und in zügigem Schritt hinauf oder hinuntergehen. Die überwiegende Anzahl der Menschen auf der Straße ist Schwarz, was in Cape Town anders war, und ein großer Teil der Gqeberhaner und Gqeberhanerinnen ist an diesem Nachmittag in Businessbekleidung unterwegs. Später sehen wir viele von ihnen an der Küstenstraße oder in den ruhigen Straßen der Wohngegenden joggen.

Wir wollen uns auch den Strandwanderweg – beach front pathway – entlang der Küste in Summerstrand ansehen, der aus Holzstegen bestehen und sehr schön sein soll. Als wir an einen der Zugangsstege kommen, sehen wir aber, dass die Stege verfallen sind und viele der Stelzen, auf denen sie im Sand stehen sollten, in der Luft hängen. Also heute keine Strandwanderung.

Abrupt in der Luft endender Holzsteg mit Geländer über Sanddünen am Meer unter blauem Himmel
Der Strandwanderweg ins Nirgendwo: auf Sand gebaut

Wir fahren in den noblen Stadtteil Walmer, der unter anderem wegen seiner Shoppingmöglichkeiten gerühmt wird. Diese stellen sich aber als relativ langweilige Indoor-Shoppingmalls dar. Sie scheinen bei den Einheimischen sehr beliebt und es ist viel los. Aber HerrBert hat keine Lust, in klimatisierten Fluren an Kettengeschäften entlangzuschlendern.

Sanddüne mit wellenförmigen Mustern im Vordergrund und Leuchtturm mit angrenzendem Gebäude im Hintergrund unter blauem Himmel
Der Leuchtturm am Ende des Weges: Cape Recife

So holen wir uns nur einen kurzen Kaffee und machen uns dann wieder auf den Weg: Zum Leuchtturm am Cape Recife. Den hat HerrBert nämlich am Ende des Nelson Mandela-Beach ausfindig gemacht. Es scheint eine Art Geheimtipp zu sein, denn als wir im schönsten Abendlicht dort ankommen, sind kaum Menschen zu sehen. Jenseits einer großen Düne kommen wir zu einer Art Watt, das wir nutzen, um uns fürs erste vom Indischen Ozean zu verabschieden. Morgen Mittag fliegen wir nämlich zurück, nach Kapstadt und von dort übermorgen wieder nach Deutschland.

Vogelgruppe fliegt über ruhige Meeresoberfläche mit Felsen im Hintergrund unter klarem, hellblauem Himmel
Abschied vom Indischen Ozean

Kurz vor Einbruch der Dunkelheit waren wir heute wieder in Sea View, wo sich unser Quartier, das wir gestern bezogen hatten, als etwas verrumpelter Anbau eines Einfamilienhauses herausstellte, wie sie in diesem von Afrikaans-Bevölkerung dominierten Vorort nebeneinander stehen. Ein bisschen enttäuscht waren wir gestern, dass auch im Inserat für diese Unterkunft die Bezeichnung „am Strand“ eher frei interpretiert worden ist. Zwar sieht – und hört – man vom kleinen Balkon direkt die Brandung. Aber um zum Wasser zu kommen, muss man ein schmales Weglein hinuntergehen, das zwischen Gebüsch, Schilf und Mauern der Anliegerhäuser verläuft, und das die Reiserin gestern spontan in die Kategorie „Spaziergänger machten einen grausigen Fund“ einordnete.

Pfad zwischen grünen Büschen führt zu einer Straße mit Blick auf das Meer unter bewölktem Himmel
Der nicht ganz so gruselige Teil des Weges zum Strand

Der Eindruck entstand nicht nur durch die düstere Abgelegtheit des Wegleins, sondern auch, weil zwischen Geröll und Schlingpflanzen zahlreiche Wirbelknochen herumlagen. Dafür fand die Reiserin allerdings eine logische Erklärung: „Die gehen hier alle mit den Hunden runter zum Strand. Und der kriegt dann sein Fleisch als Leckerli und lässt die Knochen liegen.“

Ob diese Erklärung standhält, werden wir nie wissen, weil wir niemanden fragen. Es reicht uns, dass wir schon wieder bei jeder Bewegung vor dem Haus von den Besitzerhunden angebellt werden. Und das ist nicht der einzige Lärm. Auch das Meer vor dem Fenster tost – nicht beruhigend in anrollenden Wellen, sondern im Dauertosen wie bei einer Autobahn.

Blick aus einem Zimmer mit Bett auf eine Terrasse und das Meer im Hintergrund bei Tageslicht
Tost so laut wie eine Autobahn: das Meer vor unserem Fenster

Aber so ist das auf Reisen: Irgendwas ist immer.

Der Song des Tages ist heute „Biko“ von Peter Gabriel, und zwar die deutsche Version. Port Elizabeth ist für immer mit Steve Biko verbunden, weil der Studentenführer, der gegen die Apartheid kämpfte, 1977 in dieser Stadt verhaftet und von der Polizei so schwer gefoltert wurde, dass er kurz darauf starb. Peter Gabriel verewigte Steve Biko in seinem gleichnamigen Stück. Darin wird der isiXhosa-Ausdruck „Yihla Moja“ gerufen. Es ist die Anrufung „Komm, Geist!“ Sie macht deutlich, dass der Mensch Steve Biko getötet wurde, sein Geist aber weiterlebt.