Blick von einer Holzterrasse mit Geländer auf einen Sandstrand und das Meer mit einer Bergkette unter klarem Himmel mit sichtbarem Mond

Ein Tag im Auto

Die beiden Schwarzen Putzmädchen sind schon da und warten nur darauf, dass wir das Haus verlassen und sie loslegen können, als HerrBert das Garagentor, das auch der Eingang zum Haus ist, um halb zehn Uhr morgens öffnet.

Song des Tages (mehr dazu unten)

Aber es ist noch das gesamte Gepäck ins Auto zu verfrachten. Beim Weiterreisen muss man immer alle seine Sachen wieder zusammenräumen, um sich dann abends aufs Neue zu installieren.

Unsere Vermieterin, eine sehr vornehm wirkende weisshaarige Dame im geblümten Kleid hatte beim Check-In angemerkt, dass wir mit drei Nächten ja nur relativ kurz bleiben. HerrBert erwiderte ihr, dass es für uns hier bei ihr in Vermont, dem Vorort von Hermanus, unsere Station mit den meisten Übernachtungen wäre. „Oh, really?“ erwiderte sie erstaunt. Das war drei Tage her. Jetzt stand ein langer Fahrtag an: 450 Kilometer, fast sechs Stunden, bis nach Plettenberg Bay.

Vogel mit langem Schnabel steht auf einer Straße vor einem Haus mit grünem Zaun und Sicherheitsschild
Von ihm wurden wir noch persönlich verabschiedet

Hinter Hermanus beruhigt sich der Verkehr schnell und über die Landstraße R43 nähern wir uns Standford – hier allerdings ohne Universität. Wir biegen auf die Landstraße R326, die uns Richtung Norden zur N2 bringt, eine der beiden West-Ost-Straßenverbindungen zwischen Kapstadt und Durban. Kurz hinter Standfort biegen vor uns zwei Pick-Ups mit Hängern auf die Straße ein. Beide Hänger haben eine vergrößerte Ladefläche, auf die Mobiliar und Kartons hoch aufgetürmt sind. Es sieht nach Umzug aus, und da die Straße nur zweispurig ist, verfolgen wir sie eine ganze Weile notgedrungen, bis sich endlich eine Gelegenheit findet, zwischen Kurven und Bergen zu überholen. Die National Route 2, auch sie idyllisch im weitläufigen, sehr grünen Bergland verlaufend, ist dann etwas breiter, bleibt aber über lange Strecken zweispurig. Nur manchmal, oft an Steigungen, wird sie dreispurig und dann ist immer der große Run aufs Überholen angesagt.

Blick durch eine Windschutzscheibe auf einen mit grünem Netz beladenen Anhänger mit Möbeln vor einem Stoppschild an einer Landstraße unter blauem Himmel
Auf zu neuen Ufern

Nach knapp zwei Stunden machen wir in einem Ort namens Riviersonderend Tankstopp. Den Vorschlag, hier auch gleich einen Kaffee mitzunehmen, lehnt die Reiserin ab. Nur wenige hundert Meter weiter will sie nämlich DAS Top-Café des Ortes ausgemacht haben, das wir nun ansteuern. Und tatsächlich, es empfängt uns ein schönes blaues Holzhaus im viktorianischen Stil. Wir sitzen draussen auf der Veranda, wo die Reiserin das Auto im Blick hat, und gönnen uns einen Cappu und ein liebevoll frisch zubereitetes Früchtemüsli zum zweiten Frühstück.

Glas mit Orangensaft und Tasse Kaffee auf Holztisch vor Veranda mit weißen Säulen und Tafel mit Öffnungszeiten
Zweites Frühstück in Riviersonderend

Dann drängt HerrBert zur Weiterfahrt, denn es sind heute noch mehrere hundert Kilometer zu schaffen. Die Route verläuft jetzt im Landesinneren, die Landschaft ist grün und weitläufig sanft gewellt. Die Straße ist in sehr gutem Zustand, die Autos neu und schnell, und irgendwann stellen wir fest, dass man eigentlich nicht den Eindruck hat, in Afrika zu sein. Irgendwie europäisch wirkt hier alles, oder wie in Neuseeland, grade Felder, alles grün, nichts staubt im ausgehenden Sommer im Süden Südafrikas. Kein Gewusel, kaum Improvisation, selbst an den Baustellen leuchten die Warnlichtanlagen gefühlt deutsch vorschriftsmäßig. So haben wir uns Afrika nicht vorgestellt.

Landschaft mit unbefestigtem Weg, Büschen, einzelnen Bäumen und Bergen im Hintergrund unter blauem Himmel mit Wolken
Endlose Weiten auf der Garden Route

Dann freut sich HerrBert, dass die Route in Mossel Bay wieder ans Meer stößt und er überredet die Reiserin zu einem Schlenker in das Stadtinnere. Jetzt ist es auf einmal vorbei mit der gefühlten deutschen Ordnung. Viele Kilometer lang fahren wir an Townships – Wohngegenden mit bescheidenster Infrastruktur, wie sie in der Zeit der Apartheid der Schwarzen Bevölkerung zugeordnet wurden – oder Slumbehausungen – weitläufige, mit winzigen schiefen Wellblechhütten überkrustete Flächen ohne Elektrizität und fließendes Wasser – entlang. Irgendwann gehen die Township in eine ummauerte Siedlung aus schnurgerade angeordneten, karg gemauerten Gebäuden über, von der wir vermuten, dass es eine Art städtische Sozialsiedlung ist. Alles ist einheitlich und rechtwinklig, aber die Wege dazwischen sind breiter und lichtdurchfluteter. Hier scheinen nur wenige Menschen zu wohnen, und es gibt die immergleichen Wäschestangen auf denen hin und wieder Wäsche im Sonnenlicht trocknet.

Dann beginnt die weiße Innenstadt von Mossel Bay. Am Strand gibt es maritim geschmückte Restaurants, einen Caravanpark – den ersten, den wir in Südafrika sehen – und eine Anlage, wo man mit einer Zipline über die Bucht gleiten können soll. Auf einem erhöhten Fels steht ein Leuchtturm. Hier machen wir Halt und gönnen uns im „Kingfisher Restaurant“ ein drittes Frühstück, welches aber nicht überzeugen konnte – im Gegensatz zum lange vermissten Blick auf den Ozean.

Felsklippe mit Leuchtturm und Gebäuden oben, davor Straße mit parkenden Autos und Verkehrsschildern
Über Mossel Bay thront der Leuchtturm

Immer näher kommen wir jetzt unserem Tagesziel Plettenberg Bay, auch „Plett“ genannt. Die Fahrbahn bleibt in Meeresnähe, wir kommen an den drei Seen vorbei, die die Lagune des Nachbarstädtchens Knysna ankündigen. Hier leisten wir uns einen Schlenker auf eine dem Ort vorgelagerte kleine Insel, die auf der Karte irgendwie venezianisch wirkt. Doch sie entpuppt sich lediglich als Reichenvorort mit Wasseranlieger und einer im goldenen Abendlicht umso ausgestorbener wirkenden Hauptstraße, darum fahren wir ohne Halt weiter. Noch schnell die letzten dreißig Kilometer runtergerockt und fast auf die Minute genau vor der Tür unseres nächsten Quartiers angekommen, wo uns der Vater der Besitzerin persönlich und freundlich in Empfang nimmt. Auch das eine Eigenheit in Südafrika: Hier kommt man nicht durch Schlüsselkästen mit Zahlenkombinationen in seine Unterkunft, sondern man wird von den Vermietern persönlich in Empfang genommen und eingewiesen.

Blick über eine Wasserfläche mit mehreren Booten, im Hintergrund Hügel und ein strahlender Sonnenball am Himmel über einem weißen Geländer mit drei schwarzen Streifen
Die Lagune von Knysna

Ein Samstag am Meer

Der heutige Tag, unser erster in Plettenberg Bay, begann mit Sonnenschein und dieser typischen Samstagsstimmung, die sich daran zeigt, dass man auf einen Markt gehen möchte. In Plett gibt es dazu einige Möglichkeiten. Nur schade, dass derjenige, der HerrBert am meisten interessiert hätte, ein Nachbarschafts- und Kunsthandwerksmarkt zwischen Plettenberg und dem Nachbarort Knysna gelegen, schon um 12 Uhr wieder schließt. Die Reiserin aber unmöglich schon um 10 losfahren möchte, wenn sie heute schon mal ausschlafen kann. So machen wir uns, ausgeschlafen und bestens gelaunt, kurz vor Mittag auf zum „Market Off Main“, unsere nächste Wahl. Vorher will HerrBert allerdings noch kurz rausfinden, wie lange es von unserer Wohnung wirklich bis zum Strand ist. Wie oft in den Anzeigen, die wir in Südafrika für Privatunterkünfte sehen, wird nämlich mit einer Lage „am Strand“ geworben, obwohl dieser mindestens so weit entfernt ist wie der nächste Späti von HerrBerts Berliner Wohnung – zu Fuß gerade noch machbar, aber nicht mal annähernd in Sichtweite.

Offene Doppeltür mit bemalten Pfauen und Blumenketten, links ein Schild mit der Aufschrift 'CURRY 'N ALL', im Hintergrund eine Person in einer Küche, davor ein Holztisch mit Stuhl und Cocktailkarte
Auf dem Market Off Main gibt es auch Curry

Der Markt entpuppte sich als ein kleines Kunsthandwerk- und Kaffeetrinkbudendorf etwas abseits der Innenstadt. Viel ist nicht los, aber die Sonne scheint und der Kaffee schmeckt. Wir räsonieren über unsere bisherigen Erfahrungen in Südafrika. Dabei drängt sich ein Eindruck immer mehr in den Vordergrund. Hier an der touristischen Garden Route dominiert der europäisch beeinflusste Lebensstil und in den Innenstädten sind, außer bei den Dienstleistenden, fast nur Weiße und deren teure Häuser zu sehen. Und diese Häuser und alle gesichert wie Hochsicherheitstrakte: Kameras, Drähte, elektrische Tore und blinkende Sicherheitselektronik an allen Ecken. „Die wissen, dass ziemlich viele Leute sie hier eigentlich nicht haben wollen“, murmelt die Reiserin. Die Häuser, so sieht es aus, wissen es auch.

Doch heute wollen wir mal nicht über Apartheid und die Last der Geschichte nachdenken, sondern unseren letzten Samstag hier genießen. Wir fahren in das nächste kunsthandwerkliche Dorf, „Old Nick Village“, wo ein üppiger Garten herzzerreißend duftet. Aber los ist auch hier fast nichts. Keine Ahnung, was die Plettenberger am Wochenende tun. Schlendern gehen sie jedenfalls nicht. Auch die Geschäfte in der Main Street haben um 13 Uhr schon zu. „Dann fahren wir jetzt zum Strand“, entscheidet HerrBert und kurz darauf kurven wir über die hügeligen Straßen der Stadt zum „Lookout Beach“. Eine wunderschöne weite, weiße Sandlandschaft in einer großen Bucht, der indische Ozean brandet und ein Wind erfrischt die Luft. Ein freundliches Lächeln zu den Liegestuhlverleihern, und schon zerren sie zwei etwas ramponierte, aber funktionsfähige Liegestühle und einen Sonnenschirm herbei und installieren ihn fachgerecht.

Zwei ältere Personen mit Schwimmbrettern gehen vom Sandstrand ins Meer, ein Junge läuft am Wasser entlang
Aus dem Meer kommen wir, ins Meer gehen wir

Die nächsten Stunden liegen wir wie Reptilien in der Sonne und freuen uns des Lebens. Hinterher noch am Strandrestaurant eingekehrt und die sich zügig betrinkenden britischen und niederländischen Touristenpaare und -familien durchdiskutiert. „Ist das der Schwiegersohn?“ – „Nein, ich glaube, der Bruder“. So endet ein schöner Tag am Meer. Morgen geht HerrBert schnorcheln – zum ersten Mal in Südafrika – und dann fahren wir weiter zu unserer letzten Station dieser Reise: das einstige Port Elisabeth. Und dann ist unsere Reise auch schon fast zuende. In Berlin, so hören wir, soll der Frühling schon vor der Tür stehen. So hoffen wir und beginnen schon mal, uns auf zuhause zu freuen.

Der Song des Tages heißt heute „Pirate’s Gospel“ von der amerikanischen Folksängerin Alela Diane. Wir hören das Stück oft beim Autofahren.