Ein dickes, graues Eichhörnchen sitzt auf einem Mäuerchen vor einer schneebedeckten Fläche. Im Hintergrund ein Steingeländer mit Blick auf eine Stadt im Hintergrund unter weißem Himmel. Etwas unscharfe Analogaufnahme

Ein paar Wochen ist es jetzt her, dass sich die Mutter der Reiserin zur letzten großen Fahrt aufmachte. An der Tochter ist es nun, die vielen Kartons mit Fotos zu sortieren. Denn auch die Reiserinnenmutter kam viel herum. Vor allem in der zweiten Hälfte ihres Lebens holte sie nach, was in jungen Jahren noch nicht möglich war. Reisen weiter als bis zum nächsten See oder exotischer als ins Ferienhaus von Freunden ließen damals weder Budget noch Zeit noch Welterfahrung zu.

Song des Tages (mehr dazu unten)

Fernweh hatte die Reiserinnenmutter aber schon immer, davon zeugten die vielen Bücher in ihrem Regal. Als junge Frau in den 1950er Jahre war sie Mitglied eines Buchclubs und las „Eine Stadt wie Alice“ von Nevil Shute. Seither hegte sie den Wunsch, einmal selbst bis ins rote Zentrum von Australien, nach Alice Springs, zu reisen. Davon erzählte sie der Tochter, als diese gerade den Koffer für Australien packte. Das Buch kam natürlich ins Gepäck, doch das ist eine andere Geschichte.

Außer Australien hat die Reiserinnenmutter fast alle Kontinente bereist: Schon in den 1980er Jahren war sie jenseits des Eisernen Vorhangs und besuchte mit einer Gruppe von Kolleginnen, geleitet von einer russischen Freundin, die Sowjetunion. Später sah sie China und Japan, Syrien, Griechenland, das Nordkap, Jordanien und fast alle Ecken von Europa.

Und sie machte immer Fotos. Bilder, die die Reiserin nun sortiert. Einfach ist das nicht. Es waren analoge Zeiten und die Reiserinnenmutter machte sich nur selten die Mühe, die Bilder zu beschriften. Auch hatte sie die Eigenheit, unterschiedliche Bilder in einem nur ihr selbst verständlichen System in gemeinsame Umschläge zu packen, vielleicht auch zufällig. Die Reiserin sitzt nun vor unzähligen Bildern mit unspezifischen Landschaften, Marktauslagen, Bergen und Bäumen, und immer wieder Blumen in Nahaufnahme. Selten sind Menschen zu sehen, und wenn, dann meist die anderen Mitglieder der Reisegruppen. Menschen mit weißen Haaren und beigen Hosen, die vor irgendeiner Sehenswürdigkeit stehen.

Ganz selten einmal, so scheint es, hat die Mutter die Kamera aus der Hand gegeben. Oder vielleicht hat sie Bilder von anderen zu ihren eigenen sortiert. Die zeigen sie dann, immer elegant gekleidet und niemals in beigen Hosen oder bequemen Schuhen, wie sie kerzengerade auf einem Pferd sitzt, das von einem verhüllten Mann in einer kargen Steinlandschaft am Seil geführt wird, oder wie sie sich, gequält lächelnd und umrundet von ihren Mitreisenden auf einem Ausflugsboot, die dasselbe tun, einen Hörnerhelm aus Plastik auf den Kopf setzt. Das muss eine Touristenanimationsmaßnahme auf der Kreuzfahrt ans Nordkap gewesen sein, die sie nach Ende ihres Arbeitslebens unternahm.

Wenn sie zurück von ihren Reisen war, erzählte die Mutter der Reiserin meist nicht mehr, als dass es „schön“ oder „interessant“ gewesen sei. Eine Frau von hohem Mitteilungsdrang war sie nicht. Auch ihre Bilder halten sich knapp. Wo mögen diese berittenen Polizisten gestanden haben? Warum war ihr diese unspezifische Fassade ein Bild wert? Was mag ihr an diesem Panorama gefallen haben, in dem ich nur eine belanglose Landschaft sehe?

Vor allem die unüberschaubare Menge der unspezifischen, sich wiederholenden Motive lassen grübeln. War es die Suche nach dem einen, dem perfekten Bild, das nicht nur einfing, was sie sah, sondern auch, was sie in diesem Moment fühlte? Dafür musste man in analogen Zeiten ein ganz besonderes Auge haben – oder halt einen halben Film mit Nichtigkeiten verballern. Meist knipste sie vielleicht einfach bloß, was sie sah und schön oder interessant fand: Moscheen, Märkte, Bergpanoramen, Blumen, Gebäude und hin und wieder traditionell gekleidete Einheimische. Sie hat sich, das wird der Reiserin beim Sortieren klar, das Recht herausgenommen, Bilder für sich selbst zu machen, ohne andere Betrachter im Sinn zu haben.

Die Reiserin hat Abschied von ihrer Mutter nehmen können, darum sortiert sie die Bilder ohne Wehmut aus. Die Antwort wird sie nie wissen. Weiß der Geier, was die Mutter mit diesem Berg oder jenem Markt festhalten wollte. Es war eine persönliche Erinnerung, die sich nicht überträgt, die niemandem außer ihr selbst etwas zu sagen brauchte, und die darum auch kein Weiterbestehen in Anspruch nimmt. Eine Ausnahme bilden die Fotos von ihrer Reise in die UdSSR.

Bald ist der Karton sortiert und die Auswahl ist getroffen. Eine Handvoll Bilder sind übriggeblieben und werden in Ehren aufbewahrt. Das Lieblingsbild bleibt die Mutter, wie sie, ausnahmsweise doch mal in profanen Jeans, aufrecht auf einem Pferd sitzt und lächelt. Die Reiserin wusste nicht, dass ihre Mutter reiten konnte, und wer weiß, ob die Mutter selbst es wusste, oder ob sie es erst auf dieser Reise, deren Ziel nicht mehr herauszufinden ist, entdeckte.

Der Song des Tages heißt „Long, long Journey“ von Louis Armstrong. Als Louis Armstrong in den 1950er Jahren in ihrer Heimatstadt spielte, saß die junge, noch nicht zur Reiserinnenmutter gewordene Frau mit dem zukünftigen Reiserinnenvater im jubelnden Publikum. Fast neun Jahrzehnte dauerte ihre Lebensreise. Louis Armstrong nahm das Stück 1946 auf.

Alle Fotos in diesem Beitrag stammen von der Mutter der Reiserin. Wie bei vielen ihrer Aufnahmen, war auch beim Aufmacherbild nicht mehr auszumachen, wann und wo das dicke Eichhörnchen im Schnee fotografiert wurde.