Zweistöckiges Backsteinhaus mit Säulen und großer Rasenfläche davor, dazu stattliche Bäume in der Dämmerung, der untere Teil des Hauses ist beleuchtet

„Steel Magnolias“ heißt der Film, der in jungen Jahren das Leben der Reiserin veränderte. Davon haben wir neulich erzählt. Er beginnt mit einer langen Eröffnungssequenz, in der eine etwas verhuschte junge Friseurin, gespielt von Daryl Hannah, begleitet vom Zwitschern der Vögel und Sonnenstrahlen, die durch die Äste der blühenden Bäume fallen, zu Fuß durch eine namenlose Kleinstadt geht, um sich im Schönheitssalon von Truvy, gespielt von Dolly Parton, vorzustellen. Die Musik dazu ist episch und bittersüß. Sie untermalt den Morgen eines neuen Tages, an dem wir uns hier offenbar befinden, verspricht die Verheißung von Frühling und Neuanfang, verstärkt die Stimmung von Friedlichkeit und Vorfreude auf etwas Schönes, das bald eintreten wird.

Song des Tages (mehr dazu am Schluss)

Der Ort mit den bonbonfarbenen Häusern, den üppigen Gärten, den schützenden Bäumen wurde zum Happy Place der Reiserin. Nach einem solchen Zuhause, das wusste sie schon beim ersten Sehen, muss sie im echten Leben suchen – ein Ort, der sich anfühlt wie diese idyllisch wirkende Kleinstadt in Louisiana, in der alle Farben strahlen und die Freundschaft der Frauen zuhause ist, die im Film die Hauptrolle spielt.

Eröffnungssequenz von „Steel Magnolias“ – Annelle alias Daryl Hannah geht zu Fuß durch die namenlose Kleinstadt, um sich bei Truvy alias Dolly Parton als Friseurin zu bewerben

Und dann war plötzlich 2022. Eine lauschige Kleinstadt hatte die Reiserin nicht gefunden, aber die brauchte sie nicht mehr. Die Düsternis war verschwunden und Berlin war jetzt ihr Zuhause – der Ort, wo ihr Leben stattfindet, wenn sie nicht auf Reisen ist.

Gerade planten HerrBert und sie eine Reise nach Texas. Und da fiel ihr beim Blick auf die Karte auf, dass Louisiana quasi nebenan lang. Aus Jux und Dollerei sah sie nach, wo „Steel Magnolias“ eigentlich gedreht worden war. Sie stellte fest: Den Ort, durch den Daryl Hannah am Anfang läuft, gibt es wirklich! Er heißt Natchitoches und liegt rund 420 Kilomenter nordwestlich von New Orleans.

Hier stehen all die Häuser, in denen im Film Julia Roberts und Sally Field, Daryl Hannah und Shirley McLaine wohnen, und wo Dolly Parton alias Truvy ihren Schönheitssalon betreibt. In dem Haus, wo Julia Roberts im Film mit ihrer Familie lebt und ihre Hochzeit vorbereitet, kann man sogar übernachten! Könnten wir da hinfahren? HerrBert nickte. Seine Haltung zu Dolly Parton ist – neutral. Zur Vorbereitung erklärte er sich bereit, „Steel Magnolias“ anzusehen.

Und dann tauchte plötzlich Shelbys Elternhaus neben uns auf – es ist heute ein Bed&Breakfast

Und dann tauchte neben unserem Auto plötzlich und fast etwas unerwartet das Haus auf, das im Mittelpunkt dieses Films steht: zurückgesetzt an einer Rasenfläche, umgeben von anderen prächtigen Südstaatenhäusern mit Veranden und weitläufigen Vorgärten. Alles sah genauso aus wie im Film. Und gleichzeitig wirkte alles auch enger, kleiner, etwas verwitterter – und echter.

Die Übernachtung im Steel Magnolia House war uns mit über 200 US-Dollar pro Nacht bei aller Liebe zu teuer. Wenige Ecken weiter hatten wir eine ähnliche Villa namens Judge Porter House gefunden und uns für eine Nacht in ein kleines, blitzsauberes Zimmer mit rüschigem Himmelbett und Jacuzzi eingemietet. Doch natürlich wollten wir jetzt den Ort und Shelbys Haus sehen. Wie fast immer in der Provinz der USA waren kaum Leute auf der Straße unterwegs. Am Haus angekommen, schauen wir ratlos über die große, etwas vertrocknete Rasenfläche. Zu gerne hätte die Reiserin durch die Fenster reingespäht. Aber ob man das einfach so darf? Amerikaner können ja sehr eigen sein, wenn es um das unbefugte Betreten ihres Eigentums geht. Unschlüssig standen wir am Rand der großen Rasenfläche. Dann hörten wir eine Männerstimme.

„Keine Sorge“, sagte der Passant gutmütig. „Gehen Sie ruhig ran. Hier kommen ständig Besucher, ich denke, die Besitzer haben nichts dagegen.“ Durch den Vorgarten schlichen wir zur seitlichen Küchentür. Die Reiserin kennt vom Filmgucken die Örtlichkeit fast in- und auswendig und erklärte HerrBert aufgeregt die Einrichtung. Auch wenn kein Licht brannte, war klar: Die Küche sieht immer noch so aus wie damals, als Julia Roberts und Sally Field darin als Mutter und Tochter diskutierten, ob ein Baby wirklich die richtige Entscheidung für Shelby ist. Doch jetzt war niemand zuhause und alles wirkte irgendwie leblos.

Später spazierten wir an der historischen Ladenfront am Ufer des Cane River Lakes entlang – ein stillgelegte Flussarm, der als flussförmiger See den Natchitochern als Naherholungsgebiet dient. Hier fanden wir auch die Touristeninformation. Der Höhepunkt des Filmtourismus ist schon ein paar Jahre vorbei, immerhin war der Film bei unserem Besuch schon 33 Jahre alt. Zu runden und halbrunden Geburtstagen gibt es manchmal Fantreffen, aber insgesamt kommen nicht mehr sehr viele Besucher. Wir nahmen uns ein Faltblatt mit Julia Roberts in ihren signature colors „Blush“ und „Bashful“ (in der deutschen Version „Rosa“ und „Zartrosa“) mit und beschlossen, am nächsten Tag die Strecke der Eröffnungssequenz abzufahren.

Doch zuerst gab es Frühstück in unserer Südstaatenpension. Wir waren die einzigen Gäste und eine Hausangestellte kredenzte uns in einem üppig geblümten Frühstücksraum Pancakes mit Ahornsirup und eine Pfirsichspeise mit Sahne. Das musste die berühmte Südstaatengastlichkeit sein, die wir aus dem Film kennen.

Dann machten wir uns auf den Weg und fuhren die Strecke, die Daryl Hannah als Annelle in der Eröffnungssequenz des Films zu Fuß geht, und von der die Reiserin so verzaubert war: von Mrs. Ruth Robelines Pension zu Truvys Schönheitssalon, einmal quer durch den gesamten Ort. Enorme, ausladende Bäume mit dicken Stämmen und schweren Ästen, blitzsaubere pastellfarbene Häuser, gepflegte Rasenflächen mit kleinen Gehwegen zogen an uns vorbei. Auffallend die vielen Veranden mit weißen Säulen, überall herrschte die saftige Üppigkeit und wohlhabende Stattlichkeit der Südstaaten. Ein paar Minuten mit dem Auto dauerte die Fahrt, die wir natürlich in Begleitung der Filmmusik machten. Gut möglich, dass wir nicht die ersten mit dieser Idee waren und die Bewohner mit den Augen rollten, als sie herzzerreißende Mundharmonika aus dem Auto wimmern hörten, doch falls es so war, bemerkten wir es nicht.

Wieder sah alles genauso aus wie im Film – und doch ganz anders. Die Zeit schien stehengeblieben, wie sie schon in „Steel Magnolias“ stehengeblieben war. Natchitoches – ausgesprochen Na-Ka-Tisch – erschien als eine weitgehend homogene Kleinstadt, wie die amerikanische Popkultur sie schon tausendfach als heile Welt behauptet hat. Hinter die Fassaden konnten wir nicht blicken und wollten es in diesem Moment auch nicht. Die Reiserin strahlte mit Tränen in den Augen, glücklich und ernüchtert gleichzeitig.

Ihr Happy Place, den sie seit der ersten Berührung mit „Steel Magnolias“ im Herzen trug, liegt nicht an diesem Ort. Er liegt an überhaupt keinem realen Ort, und er kann auch keine pastellfarbene Kleinstadt mit blühenden Vorgärten auf einem anderen Kontinent sein. Die Happyness muss im Herzen wohnen, sonst ist der Place nirgendwo happy.

Doch es macht die Reiserin glücklich, dass sie es nach so vielen Jahren ins reale Natchitoches schaffte, und dass sie sofort wieder wusste, warum sie den fiktiven Ort, dessen Vorbild sie jetzt mit eigenen Augen sah, nie vergessen hatte. Und auch, dass sie mit HerrBert einen Gefährten hat, der ohne Murren mitgekommen ist.

Natchitoches 2022: Truvy alias Dolly lebt hier nicht mehr – aber womöglich hat sie ihre Sonnenbrille vergessen…

Dollys Truvy lebt hier nicht mehr, und auch Shelby, M’Linn, Ouiser und Annelle sind weitergezogen. Das Licht in der USA ist düsterer geworden und dagegen kann keine Sonne anstrahlen, die durch blühende Bäume scheint. Doch das ahnten wir damals noch nicht. Eine letzte Kurve, dann waren wir auf der Ausfahrtsstraße. Die Reiserin wischte die Tränen weg und küsste HerrBert. Danke, dass wir hier waren. Doch jetzt geht die Reise weiter.

Wenn spanish moss an den Bäumen ist, sind es die Südstaaten

Der Song des Tages ist heute die Eröffnungsmelodie von „Steel Magnolias“, komponiert von dem französischen Filmmusikomponisten Georges Delerue. Vor seiner Karriere in Hollywood war Delerue unter anderem Leiter des französischen Rundfunkorchesters und arbeitete für die Filmmusik mit Regisseuren wie Francois Truffaut, Jean-Luc Godard und Louis Malle zusammen. Seit den 1970er Jahren komponierte er zunehmen auch für Hollywood-Produktionen. Nebst seiner Musik für „Steel Magnolia“ schrieb er auch die Scores etwa für „Silkwood“ (1983) oder „Platoon“ (1986).

Hinweis: Wir haben unsere Übernachtung selbst bezahlt und haben keine Vorteile von der Nennung der Unterkünfte.