Die Reiserin und Dolly Parton, das ist eine fast lebenslange Liebe – einseitig, aber erfüllend. Irgendwann in der Kindheit sah die kleine Reiserin die hochblondierte, rosa aufgeputzte Künstlerin und wusste einfach: blond, rosa und Glitter, das ist das wahre Leben. Ein paar weitere Nuancen sind dann mit den Jahren noch dazu gekommen. Aber sogar als das Dolly-Fangirl in der Jugend ein paar Jahre düster gewandet und mit finsterer Seele als Goth herumirrlichterte – von ihrem Shirt in rosa-schwarzem Leopardenmuster ließ sich die Reiserin auch damals nicht abbringen. Es war der Dolly-Spirit: Sollen die anderen denken, was sie wollen, ich weiß, was mir gefällt. Auch musikalisch war Dolly mit ihrem muntermelancholischen Country-Pop in den Ohren der Reiserin präsent, das aber doch eher selten und meistens heimlich. Bei Dolly ging es nicht um Musik, sondern um Attitude.
Song des Tages (Mehr dazu am Ende)
Dolly machte das Leben besser. An einem besonders trübsinnigen Tag in einer von Liebeskummer verdunkelten Phase befand die damals beste Freundin der Reiserin: So geht es mit dir nicht weiter! Wir gehen jetzt ins Kino! Und wir gucken keinen anspruchsvollen, europäischen Problemfilm in Schwarzweiß wie sonst immer! Wir gucken etwas Leichtes, und zwar egal, was! Und das war „Steel Magnolias“ („Magnolien aus Stahl“), der damals, 1989, gerade in die Kinos gekommen war. Er handelt von fünf Frauen in einer Kleinstadt in Louisiana, die gemeinsam die Freuden und den Kummer des Lebens durchmachen. Schnittstelle aller Beteiligten: der örtliche Schönheitssalon. Er wird von Truvy alias Dolly Parton geführt. Ihr Motto: „There is noch such thing as natural beauty“. Auf Deutsch: Sowas wie „natürliche Schönheit“ gibt es nicht. Darum muss gefärbt, lackiert und gepudert werden. Das sah die Reiserin genauso.

Der Film verwandelte die trübsinnige Reiserin buchstäblich. Die Unerschrockenheit und Tatkraft der Protagonistinnen – und damit verbunden ihr Festhalten an aufgetufften Haaren, lackierten Nägeln und Bonbonfarben in allen Lebenslagen – weckten in ihr den damals seit Jahren nicht mehr vorhandenen Wunsch, eine andere Farbe als Schwarz zu tragen. Bereits am nächsten Tag begann sie damit.
Doch das Geheimnis waren nicht die Kostüme. Das Geheimnis war die Freundschaft der Frauen zueinander, das Wissen darum, dass die andere oft dasselbe durchmacht, das gemeinsame, unerschrockene Durchstehen aller Schmerzen. Davon gab es in dem Film genug: dysfunktionale Familien, Liebesschmerz, vorzeitiger Tod. Aber eben auch Lebenslust, Scheiß-drauf-Haltung und Galgenhumor ohne Ende. Und über allem der bodenständige Witz von Dolly, sowie ihre unzerstörbare Lockenfrisur.

Dolly Parton war damals Anfang 40 und einer der größten Stars der westlichen Unterhaltungskultur. Bis heute ist sie eine Figur, die die Gesellschaft wirklich verbindet: Queere Discomäuse lieben sie genauso wie bibeltreue Rednecks, bekennende Durchschnittsbürger sind genauso ihre Fans wie üble Rassenhasser. Dolly selbst liebt alle und war immer klug genug, sich nicht zu politischen oder sonstigen Stellungnahmen drängen zu lassen – allerdings hat sie sich explizit für die Black Lives Matter-Bewegung sowie für die gleichgeschlechtliche Ehe ausgesprochen. Ihr Credo: Gott hat uns zu dem gemacht, was wir sind und wie wir sind, und darum sollten wir einander nicht abwerten.
Dolly ist ihre eigene Stellungnahme: Mögt mich oder nicht, lacht über mich oder nicht, unterschätzt mich, soviel ihr wollt – ich mache mein Ding sowieso. „Ich weiß, wer ich bin und was ich kann“, antwortete sie schon als junge Frau in einem TV-Interview auf die Frage, ob es sie kränkt, wenn man sie unterschätzt oder sich über ihr grelles Aussehen lustig macht. Seither hat sie Phantastillionen von blöden Fragen und unpassenden Kommentaren weggelächelt. Wer sie als junge Frau sprechen sieht, bezweifelt keine Sekunde, wie intelligent, schlau, geistesgegenwärtig und extrem badass cool Dolly Parton war und ist.
Als Künstlerin und Multiinstrumentalistin wird Dolly Parton oft unterschätzt. Sie ist eine der erfolgreichsten weiblichen Songschreiber aller Zeiten. Sie hat mehr als dreitausend Songs veröffentlicht, die ihr bis heute Tantiemen bringen, viele davon von anderen Künstlerinnen und Künstlern interpretiert. Es sind nie banale Popsongs, sondern immer punktgenaue und doch leichthändige Texte, oft über ernsthaften Themen, immer mit eingängigen Melodien, die im Ohr bleiben und ans Herz gehen.
Mit 20 heiratete Dolly Parton, die wirklich so heißt und aus einer 14-köpfigen, armen Familie in Tennessee stammt, ihren Mann, den sie der Legende nach an ihrem zweiten Tag in Nashville kennenlernte, und mit dem sie bis zu seinem Tod im vergangenen Jahr fast sechzig Jahre zusammenlebte. Seit den 1980er Jahren engagiert sie sich sozial. Sie unterstützt viele Initiativen unter anderem für Bildung. Einen wichtigen Teil ihres finanziellen Engagements ließ sie immer ihrer Herkunftsregion zugutekommen. Dort übernahm sie unter anderem einen Freizeitpark, um Arbeitsplätze zu schaffen. Kurz nach Beginn der Corona-Pandemie spendete sie eine Million Dollar für die Impfstoffforschung und soll damit maßgeblich zur Entwicklung des Impfstoffs Moderna beigetragen haben. Eine Heilige ist sie natürlich nicht, aber definitiv eine Ikone.

Dolly Parton hat sich ihr Leben lang mit einem Kokon aus Selbstironie und Bodenständigkeit umgeben. Sie mag Kitsch und grelle Camp-Ästhetik – so what? Sie sagte schon als junge Frau Ja zu Schönheitsoperationen – wen geht es etwas an? Manche Leute halten sie für eine strohdumme Puppe – wen kümmert’s? Heute wird Dolly Parton 80 Jahre alt. Danke Dolly und alles Liebe zum Geburtstag!

Wie wir uns auf den Weg nach Louisiana machten, und dabei ein paar Spuren von Dolly Parton alias Truvy fanden, erzählen wir nächstes Mal.
Der Song des Tages heißt „Bargain Store“ und stammt vom gleichnamigen Album, das die Künstlerin 1975 als fünfzehntes Studioalbum veröffentlichte. Im Text heißt es: Mein Leben ähnelt einem Trödelmarkt/Könnte sein, dass ich genau das habe, was du suchst/Wenn es dir nichts ausmacht, dass alles schon benutzt ist/Ein bisschen aufpolieren, dann ist es wieder wie neu.
Nimm zum Beispiel dieses alte, gebrochene Herz/Wenn du das fehlende Stück ersetzt/Wirst du erstaunt sein, wie gut es noch ist/Nimm es mit und du wirst es nie bereuen/Der Laden ist geöffnet, komm herein/Die Preise kannst du dir alle leisten/Liebe ist alles, was du benötigst, um diese Dinge zu erwerben/Und ich garantiere dir, du wirst zufrieden sein.
Nimm diese alten, benutzten Erinnerungen von einst/Die zerbrochenen Träume, die Pläne, die ich aufgab/Ich tausche sie gegen eine Zukunft, denn ich brauche sie nicht mehr/Ich habe Liebe verschwendet, aber ich habe davon noch mehr.
Der Trödelladen ist geöffnet, komm herein.
(Eigene Übersetzung ohne lyrischen Anspruch)
