Da saßen wir nun, die Reiserin und HerrBert, am Heiligen Abend im Münster zu Basel, und doch war alles anders gekommen als geplant.

Der Plan war gewesen: mit der Reiserinnenschwester vor Weihnachten deren Geburtstag zu feiern und dann der alten Reiserinnenmutter im Pflegeheim zu Heiligabend einen Weihnachtsbesuch abzustatten. So jedenfalls hatte es die Reiserin gemurmelt, als wir unseren Planungsblick auf die vor uns liegenden Weihnachtstage des Jahres 2025 richteten. Sonst war immer die in Berlin ansässige Familie des HerrBert die traditionelle Feierdestination. Doch diesmal sollte es der Süden sein, wo Deutschland und Schweiz aneinander grenzen. Zum 2. Feiertag sollte dann ein großes Berliner Familienessen, das wir mittels Reiserei pünktlich erreichen würden, die gemeinsamen Weihnachtstage abrunden.

Der festlich beleuchtete Münsterplatz in Basel

Doch eine Woche vor Heiligabend kam ein Anruf: So lange würde die alte Reiserinnenmutter nicht mehr durchhalten. So flog die Reiserin im Morgengrauen des nächsten Tages los und kam gerade noch rechtzeitig, um der Mutter, auch sie eine weitgereiste Frau, das Bon Voyage für die letzte große Reise zuzuflüstern.

Leuchtender Weihnachtsstern aus vielen kleinen Lichterkettenzweigen vor dunklem Hintergrund

Vieles war danach zu erledigen und die Reiserin war außer Atem und ziemlich still, als HerrBert wie vorgesehen am Tag vor dem Schwestergeburtstag aus dem Flugzeug stieg, um sie in die Arme zu schließen. Gefeiert wurde wie vorgesehen, denn das Leben geht weiter, auch wenn man traurig und ein bisschen durcheinander ist.

An Heiligabend war der Reiserin dann entsprechend besinnlich zumute, und sie fragte, ob HerrBert, ganz und gar kein großer Kirchengänger, sich vorstellen könne, am Nachmittag dem in der Nähe sich befindlichen Basler Münster einen Besuch abzustatten – und zwar zur Christvesper. So ganz genau wusste sie selbst nicht, was sie erwartete, da sie Kirchen sonst eher aus kunstgeschichtlichen Gründen besucht, wenn überhaupt.

So kam es, dass wir in knackender Kälte mit dem Basler Tram über die feierlich beleuchtete Mittlere Brücke fuhren, um dann von der Schifflände eine steile Altstadtgasse hinauf zum Münsterplatz zu stapfen. „So wie jetzt hat es hier schon vor hunderten Jahren ausgesehen“, keuchte die Reiserin, und wies auf die prächtigen Altstadthäuser, deren mittelalterliche Erbauungsjahre diskret in die gepflegten Fassaden eingeritzt waren. HerrBert murmelte zustimmend. Viel Geld und keine aktive Kriegsvergangenheit tun einem Stadtbild ganz definitiv gut.

Das Basler Münster – kein Geheimtipp

Als wir um vier Uhr nachmittags auf dem weitläufigen Münsterplatz ankamen – in Basel ist es zu dieser Zeit im Gegensatz zu Berlin noch hell – fanden wir zwei lange Schlange von Wartenden vor. „Oha“, murmelte die Reiserin, die trotz Kindheit und Jugend in dieser Stadt bisher noch nie zu einem Weihnachtsgottesdienst im berühmten Münster gewesen war. „Scheint ja nicht gerade ein Geheimtipp zu sein.“ Der Wind pfiff ungemütlich, aber der riesige Tannenbaum, um den sich die Warteschlange wand, strahlte festlich. Demütig reihten wir uns ein, bis die Pforten geöffnet wurden und die Gottesdienstbesucher einer nach dem anderen Einlass in die heute evangelisch-reformierte Kathedrale fanden, welche zu HerrBerts stiller Freude auch noch beheizt war.

Eine reformierte Kathedrale – das Basler Münster

So saßen wir in dem beeindruckend hoch aufragenden, düsteren Inneren des gotischen Baus, dessen Grundmauern aus dem 11. Jahrhundert stammen. Die Pfarrerin in der Seitenkanzel begann den Gottesdienst, indem sie die Weihnachtsgeschichte aus dem Lukasevangelium vorlas: Wie Maria und Josef loszogen, um sich für die Steuer registrieren zu lassen, und Maria unterwegs ihr Kind bekam, in einem Stall, weil nirgendwo mehr Platz war. Die Pfarrerin erklärte, warum darin Hoffnung liegt und worum es an Weihnachten geht: darum, dass das Licht die Dunkelheit besiegt. Ein Chor aus Südafrika sang getragene Lieder, und die hunderte von Menschen, die in Wintermänteln und Mützen in der Kirche saßen, stimmten die gedämpfte Melodie von „Es kommt ein Schiff geladen“ aus dem 17. Jahrhundert an. „Ich will jetzt gehen“, nörgelte ein Erstklässler nachdrücklich, aber seine Eltern blieben. Auch ein Säugling weinte irgendwo, aber darüber kann man sich, wenn die Geschichte von einem Baby handelt, das nachts in einem Stall geboren wird, nicht aufregen.

Still schmiegte sich HerrBert an die Reiserin, der langsam klar wurde, dass manche Dinge ewig dauern, das Leben ihrer Mutter jetzt aber zuende gegangen war. HerrBert war beeindruckt von der Ruhe und Konzentration der Besucher, die hier zusammengekommen waren zu einer Atmosphäre der Einkehr, wie es der Tradition der reformierten Basler entspricht. Selbst er als ostdeutscher Atheist fühlte sich aufgehoben und dazugehörig, und für die Dauer der Christvesper vermochte nichts dieses innige Gemeinschaftsgefühl zu stören.

Nach einer erneuten Lesung der Weihnachtsgeschichte, diesmal in Gedichtform und in einer historischen Übersetzung in den für ihn unverständlichen Basler Dialekt, sowie Gebet, Segen und dem gemeinsam gesungenen „Kommet, ihr Hirten“, schritt die ganze Gemeinde hinaus auf den Münsterplatz, und blickte nach oben. Auf der Balustrade der Kirche hatten sich nun die Turmbläser des Stadtposaunenchors positioniert um „Macht hoch die Tür“ und „Vom Himmel hoch da komm ich her“ zu posaunen.

Der Reiserin und dem HerrBert war nun doch ganz schön kalt. Ein kleiner Verkaufswagen am Rand des Platzes verhieß heiße Marroni und die Reiserin versprach sich davon die Gelegenheit, die Hände an der Tüte zu wärmen. Doch die Kundin vor ihr fragte unvermittelt: „Hänn Si au Glüehwii?“ und die Verkäuferin nickte klandestin. „Haben Sie auch Glühwein?“ Und so kamen auch wir in den Besitz von zwei Tässchen diskret – und wohl ohne städtische Erlaubnis – ausgeschenkten Glühweins, was die getragene Stimmung gleich wieder ins Prosaische kippen ließ, uns aber von innen wärmte.

Mit den zwei Bechern begaben wir uns hinter das Münster auf die berühmte „Pfalz“, eine Art große, steinerne Terrasse, die hoch über dem Rhein thront und einen spektakulären Ausblick über die nun nächtliche und festlich beleuchtete Stadt bot, durch die sich zu unseren Füßen das schwarze Band des Rheines wand.

Das schwarze Band des Rheins in Basel

In ein paar Monaten wird um diese Uhrzeit noch für ein paar Stunden die Sonne scheinen. Bei dann höchstwahrscheinlich sommerlichen Temperaturen wird man von hier oben die halbe Stadtbevölkerung dabei beobachten können, wie sie sich munter den Rhein hinunter treiben lässt, um kurz hinter der Mittleren Brücke aus dem Fluss zu steigen und einer hier gebräuchlichen, von jedem Schwimmer mitgeführten, wasserdichten Tasche namens „Wickelfisch“ ihre Bürokleidung entnehmen, um nach der Erfrischungspause den Feierabend zu beginnen. Auch HerrBert ist im Besitz eines solchen Wickelfisches, und auch er hat sich schon voller Wonne den Rhein hinuntertreiben lassen. „Der kürzeste Tag ist schon vorbei“, murmelte die Reiserin und verdrückte ein Tränchen. Das Leben geht weiter, die Hoffnung stirbt nie, die Mutter erreichte ein stolzes Alter und in einem halben Jahr ist schon wieder Sommer.

In sechs Monaten schwimmen hier schon wieder die Baslerinnen und Basler. Das rosa Licht sieht aus wie Nordlichter – ist aber die Reflektion der Wachstumslampen, die den Rasen des Fußballstadions St. Jakob bescheinen

Song des Tages: Girl from The North Country von Bob Dylan und Johnny Cash

Ein seltenes Zusammenspiel zweier Superstars – und ein melancholisches Stück über Abschied, das HerrBert immer wieder anrührt.