Unser erster richtiger Tag in Kapstadt begann mit einem großen Stück Schokotorte. Die hatte sich HerrBert gestern im Supermarkt aus dem Kühlregal ausgewählt, weil er heute schließlich Geburtstag hat. Die Reiserin drapierte ein paar mitgebrachte Girlanden und das eine oder andere Geschenk um HerrBerts Frühstücksteller, und kurz darauf ging es los.
Song des Tages (mehr dazu unten)
Zusammenfassend kann man sagen: Es war ein Füllhorn mit allem, was Kapstadt Erstbesuchern zu bieten hat.

Tafelberg: Wie lange ist die Schlange?
Dass wir heute gerne mit der Gondelbahn auf den omnipräsenten Tafelberg fahren wollten, war klar. Die Frage war nur: Geben wir einhundertdreißßig Euro pro Person für ein Fast Lane-Ticket aus, wie es gerne empfohlen wird, weil die Warteschlangen mehrere Stunden lang sein sollen? Oder fahren wir auf Verdacht mal hin, wie es uns unsere Vermieterin empfahl, und sehen dann, ob a) die Bahn überhaupt fährt – das tut sie nämlich bei starkem Wind oft nicht und ob b) die Warteschlange im für uns realistischen Bereich von unter zwei Stunden liegt und c) ob wir überhaupt in der Nähe der Talstation einen Parkplatz bekommen, weil man sich den ganzen Spaß sonst sowieso abschminken kann.
Und was soll man sagen: Es lief wie am Schnürchen. Nicht nur fanden wir einen Parkplatz am Rand der Zufahrtsstraße, der von einem eifrigen Parkwächter bewacht wurde und nur fünf Minuten zu Fuß von der Talstation entfernt war. Die Schlange begann sich bei unserem Eintreffen am späten Vormittag auch erst gerade zu bilden und lag bei gerade mal 30 Minuten. Die Wartezeit vertrieben wir uns mit unauffälligem Belauschen der vier selbstbewussten Australiern vor uns. Es handelte sich nämlich mutmaßlich um eine Gruppe von Chirurgen, die sich gegenseitig von ihren fiesesten Fällen berichteten und zumindest der eine kramte zur Illustration auch gleich farbenfrohe Bilder aus dem Operationssaal hervor, die die Kollegen anerkennend kommentierten. „War da noch Muskel dran?“ – „Nee“. „Ich konnte leider keine Bilder machen, war ziemlich hektisch“, bedauerte ein anderer. „Er hatte zuviel Blut verloren.“ HerrBert mutmaßte, dass vielleicht gerade ein Chirurgenkongress stattfindet. Immerhin hatte der Südafrikaner Christiaan Barnard vor knapp 63 Jahre hier die erste Herztransplantation hinbekommen.

Die Zeit verging wie im Flug und schon waren wir in der Gondel. Sie ist rund und der Gerechtigkeit halber dreht sich der Boden während die Hülle festbleibt. So bekommen alle Mitfahrenden mal Gelegenheit, in alle Richtungen und auch aus den beiden offenen Fensterluken zu blicken. Aus der Nähe ist der Tafelberg noch viel spektakulärer als aus der Ferne. Schroffe, aufeinandergeschichtete Felsen, senkrechte Wände und über allem der „Tablecloth“, oder auch die „Tischdecke“ genannt, die Wolkendecke die sich immer wieder in rasender Geschwindigkeit über den Berg schiebt und ihn für Minuten völlig verschwinden lässt, um sich dann im Nichts aufzulösen.

Da es sich um ein Naturschutzgebiet handelt, können Besucher nur auf säuberlichen Wegen herumwandeln und -wandern. Das wurde heute ausgiebig getan. Während sich die Reiserin dann noch im Souvenirshop umsah, stellte sich HerrBert schon mal in die Abwärtsschlange.
Victoria & Albert Waterfront
Jetzt machten wir uns auf den Weg zur nächsten Sehenswürdigkeit: Der Victoria & Albert Waterfront. So heißt die Gegend um den Hafen, die zur Ausgeh- und Touristenmeile gentrifiziert wurde. Wie es der Zufall wollte, gerieten wir gleich in die Halle, die die Reiserin sowieso sehen wollte: The Watershed, wo afrikanisches Design und Kunsthandwerk vorgestellt wird. Und da war gar nichts von rustikalen Schnitzereien und Souvenirkunst. Stattdessen schicke Mode, verführerische Handtaschen, Fotokunst und Designobjekte, von denen wir uns am liebsten einen Container voll nach Hause hätten schicken lassen. In der Halle nebenan, vom ursprünglich britischen und inzwischen weltweit aktiven Stadtmagazin „Time Out“ betrieben, gab es Bars und Essstände aus allen Ecken der Welt. Das Steak, das es zum Hirserisotto der südafrikanischen Fernsehköchin Siba gab, war so zart und köstlich, dass HerrBert bedauerte, sich für die Chicken Winglets entschieden zu haben, und später Gelüste nach einem eigenen Steak äußerte. Leider kam es nicht dazu, weil sozusagen der Kopf des Löwen dazwischen kam. Doch dazu gleich.

Erstmal spazierten wir jetzt nämlich an der Hafenmeile herum und schlenderten auch über die bezaubernd fragile „Swing Bridge“. Gerade, als sich die Reiserin fragte, warum diese Brücke so heißt, wo sie doch überhaupt nicht schwingt, verkündete eine sonore Stimme per Lautsprecher, dass man bitte die Brücke jetzt verlassen möge, da sie zur Seite geklappt würde, ein Schiff will durch. Und tatsächlich, kaum waren alle hektisch ans Festland gegangen, wurde die Brücke wie der Arm eines Plattenspielers zur Seite geschoben, und alle hielten Ausschau nach einem Segelschiff oder Atlantikdampfer, die nun durch den Kanal schipperten. War aber nicht. „Wegen so einer doofen Oligarchenjacht haben die jetzt die Brücke weggeklappt?“ Die Reiserin war enttäuscht. Aber so war es nun mal. Wir schlenderten weiter, und über dem Lauschen bei einem jugendlichen Kirchenchor, welcher eindrücklich und mit Tanzeinlagen vor den Hallen einige typische südafrikanische Lieder vortrug, ging der Nachmittag langsam zur Neige.

Lion`s Head und Signal Hill
Jetzt wurde HerrBert hibbelig. Ihm war eingefallen, dass man vom Signal Hill wunderbar den Sonnenuntergang schauen kann und das wollte er nun tun. Also drückte er, inzwischen weitgehend ans Linksfahren gewöhnt und nur noch selten den Scheibenwischer statt den Blinker betätigend, aufs Gaspedal. Wir brausten nochmal in Richtung Tafelberg, fuhren kurz davor aber einen danebenliegenden Hügel hoch – den Signal Hill. „Das ist der Körper des Löwen, der zweite Berg neben dem höheren „Lions Head“, den wir vom Tafelberg aus sahen“, wie er die Reiserin informierte.

Wir fuhren gefühlt allein den Signal Hill Drive empor und HerrBert hatte den Eindruck, dass nur er, der alte Schlaumeier, wusste, was gut war. Eine Linkskurve noch und wir würden den schönsten Ausblick genießen können. Aber nach der Linkskurve zeigte sich neben dem Ausblick ein einziges großes Verkehrschaos auf der kleinen Zufahrtsstraße. Auf der rechten Seite, welche die die Ausblickseite war, parkten schon Dutzende Fahrzeuge. Einige Neuankömmlinge suchten ihr Glück in der Flucht nach vorne, aber von vorn kam auf einmal Gegenverkehr. Andere versuchten zurückzusetzen, um sich am Ende der Schlange der Parkenden einzureihen. Bald gab es kaum noch ein vor und zurück – und die Sonne ging unaufhaltsam unter. Millimetergenau wurde rangiert, gewendet und anderen schnell noch der letzte freien Platz weggeschnappt. Dies soll sich hier bei gutem Wetter übrigens täglich abspielen. Als dann selbst die dicken roten Kolosse der Hop-On-Hop-Off Busse nach Sonnenuntergang von oben zurückkamen, fragte sich HerrBert ob er nicht doch gewöhnlicher war, als er von sich dachte.

Feierabend
Erschöpft gelüstete es HerrBert nach einem kleinen feierabendlichen Zubrot, das er sich im Supermarkt besorgen wollte. Ging aber nicht. Denn wir waren erst um 20.15 am Supermarkt, der aber schon seit 20 Uhr geschlossen hatte. Offen hatte nur noch eine Pizzeria, und so endete dieser Tag am Couchtisch, glücklich und erschöpft mit leergefutterter Faltschachtel. So kann es weitergehen!

Der Song des Tages heißt heute „Akehlulek `Ubaba“ von Ladysmith Black Mambazo, in
Anlehnung an den Gesang des jugendlichen Schulchors heute. Nelson Mandela bezeichnete die in den 1960 er Jahren gegründeten Band Ladysmith Black Mambazo als die kulturellen Botschafter Südafrikas.
