Menschen auf einer zugefrorenen Eisfläche bei tiefstehender Sonne mit langen Schatten und klarem Himmel.

Auf Wunsch von Leserseite werden wir den Song des Tages ab jetzt an den Anfang unserer Beiträge setzen, damit man ihn beim Lesen hören kann. Infos zum Stück am Schluss.

Song des Tages

Gerade ist der Himmel wieder grau – aber am Sonntag, da war in Berlin strahlender Winter und wir begaben uns aufs Glatteis. Freunde wohnen in einer Gegend am nordwestlichen Stadtrand und von ihrer Haustür sind es nur wenige Minuten bis zum Ufer des Nieder-Neuendorfer Sees. Dieser ist eine Fortsetzung der Havel und im Sommer verbrachten wir hier schon schöne Stunden.

Im Sommer wie im Winter kann man am Nieder-Neuendorfer See schöne Stunden verbringen

Von der Straße her sieht alles unauffällig aus. Dass gleich hinter den unscheinbaren Einfamilienhäusern ein wunderschöner See liegt, weiß man eigentlich nur, wenn man Leute kennt, die hier wohnen. Dann weiß man auch, dass das kleine Fußgängertor zur Siedlung direkt an der Straße immer offen ist. Das große Tor für die Autos benötigt ein Zauberwort, sonst bleibt es zu. Dahinter ist meist nur wenig los.

Nicht so an diesem Sonntag. Ganze Scharen von Menschen in Schneekleidung passierten die eigentlich private Porte und strömten munter zum See. Auch die Freude und ihre Nachbarn hatten keine Ahnung, wo die vielen Leute herkommen. Doch egal. Der See glitzerte verheißungsvoll unter dem strahlend blauen Himmel, kurz nach Mittag stand die Sonne hoch und wir hatten Glühwein eingepackt.

Eis für alle

„Schlittschuhe für alle!“, verhieß der Freund, und HerrBert begann zu strahlen. Ein paar Jährchen ist es schon her, seit er zum letzten Mal auf schmalen Kufen glitt. Aber als in der Wolle gefärbte Sportskanone kann ihn das von nichts abhalten. Die Reiserin war da schon etwas zögerlicher. Als kleines Mädchen liebte sie es zwar, auf dem Eis Pirouetten zu drehen und besuchte jeden Mittwochnachmittag den Schlittschuhkurs auf der Kunsteisbahn in ihrer Nachbarschaft. In ihren besten Zeiten schaffte sie sogar das „Kanönchen“: in voller Fahrt in die Hocke gehen und ein Bein nach vorne ausstrecken. Doch da war sie 12 und jetzt ist sie 4 mal 12 und ein bisschen, und geübt wurde seither nur selten.

Freundin Evelyn war ebenfalls noch nicht nach Kufen zumute, und so machten wir uns auf Winterstiefeln auf, um über den bis zum Horizont vollständig zugefrorenen, mit Schnee bedeckten See zu spazieren. „Ich kreise um euch rum“, rief HerrBert strahlend. Die Ohren seiner Ohrenmütze flatterten freudig im Wind und schon sauste er wie ein euphorischer Welpe davon, gefolgt von seinem Kindergartenfreund Rico, der zusammen mit seiner Frau Evelyn an diesem See ansässig ist.

Ganz schön rauh, das Eis

„Ganz schön rauh, das Eis“, befanden beide, als sie uns am gegenüberliegenden Ufer eingeholt und mit einer stiebenden Schneewolke vor uns gestoppt hatten. Inzwischen war der See ordentlich bevölkert. In der Nähe der Badestelle, wo wir ihn betreten hatten, war eine große Gruppe auf einem improvisierten Eishockeyfeld zugange und haute sich die Pucks mit wilder Wucht um die Beine. Etwas weiter glitten Familien und Paare über die weite Fläche, und bis zum Horizont sah man Spazierende, einige mit Schlitten. Auch ein paar Dronen wurden über den gefrorenen See gesteuert und begeisterte Hunde spielten im Schnee. „Los, weiter“, Rico war, wie HerrBert, nicht zu bremsen. „Auf den Kufen ist Fahren leichter als stehen“, und schon waren sie wieder weg.

Evelyn und die Reiserin spazierten weiter bis in den hintersten Winkel des Sees. Die Reiserin warf verstohlen skeptischen Blicke auf die schmalen Risse in der Schneeschicht über dem Eis. Evelyn sah sie und beruhigte: „Die Risse im Schnee zeigen, dass das Eis darunter sich dehnt. Das ist ein gutes Zeichen.“ Das beruhigte die Reiserin, die kein echtes Naturkind ist, nicht richtig. „Wenn wir hier einbrechen, geht uns das Wasser sowieso nur bis zum Bauch“, meinte Evelyn daraufhin. Das half, jetzt spazierte die Reiserin leichtherzig.

Am anderen Ufer des Sees spähten wir nach unserem Ziel: zwei große Biberbauten, die Evelyn das ganze Jahr über beobachtet. Groß wie Iglus aus Ästen oder wie Nester eines riesigen Vogels standen die zwei verschneiten, kugelförmigen Gebilde am Rand der Eisfläche. Die Biber schlafen nicht durchgängig, hatte Evelyn festgestellt. Hin und wieder lässt sich einer blicken. Versonnen sinnierten wir, ob der Biberbau unter der Eisfläche weitergeht, und ob die Biber wohl auf festem Grund oder im Wasser schlafen. Und während wir so überlegten, spazierte am Schilfrand ein Fuchs vorbei. Berlin kann so schön lauschig sein.

Zuhause bei Bibers

Wir gingen weiter der Sonne entgegen. Sie stand dort, wo der Nieder-Neuendorfer See sich in Richtung Havel und Havelkanal weitet, und wo heute die bundeseigene Havel-Oder-Wasserstraße verläuft. „Früher verlief die Grenze zwischen West-Berlin und DDR genau durch diesen See“, sagte Evelyn. Am Ufer gegenüber liegt Hennigsdorf, das einst zur DDR und heute zu Brandenburg gehört. Als Grenzgebiet wurde der See besonders stark bewacht und an dieser Stelle sogar mit einer künstlichen Mole versehen. „Die Boote aus Westen durften nur bis genau in die Mitte des Sees steuern“, weiß Evelyn. Von Osten her durfte niemand ins Wasser. Mit Grenzbooten und einem Wachturm sicherte die DDR die Einhaltung.

Ein kratzendes Geräusch wurde lauter, und vom Horizont glitt mit kräftigen Zügen HerrBert heran. Die Flatterohren seiner Mütze hatte er inzwischen unter dem Kinn festgezurrt, so dass nur seine strahlenden Augen und die roten Wangen zu sehen waren. „Langsam wird mir kalt“, bekannte er. Freund Rico hatte sich schon längst ans Ufer begeben, wo er mit seinen Nachbarn plauderte. Die Sonne stand schon deutlich tiefer.

Bald stand die Sonne tief über dem zugefrorenen See

Jetzt kam das Beste: Durchgepustet vom frischen Wind, erfüllt von der Sonne und dem hellen Winterlicht und beseelt von diesem schönen Nachmittag, tranken wir Glühwein und sahen den Eishockeyspielern zu. Während Evelyn jetzt doch noch eine Runde Schlittschuhlaufen ging, hatten die Nachbarn das Rätsel der vielen Besucher gelöst, die den Weg an diesen eher versteckten Platz gefunden hatten: Es war ein Freizeitteam, das sich sonst auf dem Supermarkt-Parkplatz in der Nähe regelmäßig zum Rollhockey trifft. Für heute hatten sie ihr Training aufs Eis verlegt und den Weg durch das kleine Fußgängertürchen gefunden. Kein Problem. Der See und die Natur sind für alle da, und wenn es schon einmal im Winter in Berlin so schön ist, will sich niemand ärgern.

Winter in Berlin

Der Song des Tages heißt „Sleeping Bag“ von ZZ Top – eine Reminiszenz an die legendäre amerikanische Eisläuferin Tonya Harding, die kraftvoll wie ein Pitbull über die Eisfläche raste und sich schon durch ihre ausdrucksstarke Wucht von ihren ätherischen Konkurrentinnen abhob – und die gerne zu diesem Stück lief.