Nahaufnahme einer runden Lampe mit spiralförmig angeordneten, gebogenen Lamellen in warmem Braunton

Das Seltsame am Jetlag ist, dass man sich hinterher kaum daran erinnern kann. Man weiß vielleicht noch, dass man für ein paar Tage ziemlich neben der Spur war, tagsüber benommen und nachts schlaflos. Aber man erinnert sich nicht mehr an diese merkwürdige, manchmal traumartige Zwischensphäre, in der man sich mental befand: noch nicht wieder in seinem eigenen Leben, aber auch nicht mehr auf der Reise. Der Körper ist schon zurück, doch der Rest ist noch irgendwo auf der Strecke.

Jetlag bedeutet, dass die innere Uhr durch den rabiaten Wechsel der Zeitzonen und damit des Tag-Nacht-Rhythmus aus dem Takt kommt. Die körperlichen Vorgänge, die sonst für den geregelten Ablauf von Schlafen und Wachsein zuständig sind, kommen durcheinander und das Hirn sendet ständig das Signal: „Watt denn nu? Tag? Nacht? Hier? Dort?“

Bei langen Reisen von West nach Ost ist der Jetlag besonders heftig, weil die innere Uhr sozusagen vorgestellt werden muss. In Mexiko stiegen wir am Montagnachmittag ins Flugzeug, bekamen ungefähr um 17 Uhr Abendbrot und wurden durch Verdunkelung der Kabine um ungefähr 18.30 ins Bett geschickt. Wer konnte, schlief ein paar Stunden. Dann schalteten die Crew das Licht an und servierte Frühstück. Auf der inneren Uhr war da ungefähr Mitternacht – in Deutschland, wo wir kurz danach landeten, war aber schon später Vormittag. Wer, wie wir, noch weiterreiste, traf gegen 17 Uhr deutscher Zeit zuhause ein – auf der inneren Uhr war jetzt aber gerade mal neun Uhr morgens nach einer ziemlich schlaflosen Nacht.

Schwarzer Nachthimmel mit verstreuten kleinen weißen Sternpunkten

Knapp hält man noch durch bis 21 oder 22 Uhr, aber eigentlich ist im eigenen Gefühl erst 14 Uhr. Kein Wunder, gerät das Schlafsystem jetzt ins Chaos, und man wird für die nächsten Tage zu absurden Zeiten müde und ist in den wachen Stunden meist ziemlich groggy. Die Rückkehr vom mexikanischen Dauersommer in den Berliner Winter, wo es um 16 Uhr schon dunkel ist, gibt unserer inneren Uhr den Rest: Ist das die Dunkelheit vor dem Hahnenschrei oder die nach Sonnenuntergang? Und warum ist es hier so schweinemäßig kalt?

Ungefähr eine Stunde pro Tag arbeitet sich die innere Uhr an die neuen Gegebenheiten heran. Das Gröbste ist meist nach drei Tagen überstanden. Bei der Reiserin, von Natur aus eine Nachteule, die sich nur aus Vernunft einen Schlafrhythmus von kurz nach Mitternacht bis zu den gesellschaftlich vertretbaren Morgenstunden angewöhnt hat, wirft der Jetlag die innere Uhr jedes Mal wieder zurück auf Start. Am liebsten würde sie in der alten Zeitzone bleiben und bis in die frühen Morgenstunden konzentriert arbeiten und dann dafür bis nachmittags schlafen. Geht aber natürlich nicht. Nicht nur, weil sie dann HerrBert kaum noch sehen würde. Was sollen die Leute denken?

Bunte Papierlaternen mit langen bunten Bändern hängen an einem runden Metallgestell mit Lichterkette vor Nachthimmel und Palmen

HerrBert wiederum, durch jahrelange Arbeitsdisziplin normalerweise gerne um 22 Uhr im Bett und ab 7 wieder auf den Beinen, kann im West-Ost-Jetlag zwar meistens einschlafen, wacht aber nach wenigen Stunden wieder auf, um dann zu völlig nutzlosen Zeiten hellwach zu sein. Doch wenn der Tag dann begonnen hat, möchte er wie eine Marionette zusammenfallen und schlafen – was aber meistens nicht klappt. So sind wir beide für ein paar Tage im Zombiemodus und nicht selten wacht die Reiserin auf, um erstmal hektisch zu überlegen, wo sie sich befindet und wo das WC ist – bis ihr glücklich klar wird, dass sie zuhause in ihrer Wohnung und das WC wie seit jeher am Ende des Flures liegt.

Natürlich sind wir froh, wenn der Jetlag vorbei ist. Doch vor allem die Reiserin bedauert die Rückkehr in den normalen Alltag immer auch ein wenig. Denn nur der Jetlag bringt diese magischen Momente zwischen Tag und Schlaf, in denen man mitten in der Nacht auf diese besondere Weise hellwach und munter ist. In der ersten Nacht nutzen wir manchmal diesen Energieschub und die Stille der Nacht: für besondere Gespräche, für einen Film, oder auch mal, um friedlich und konzentriert Papierkram zu erledigen, der sich angesammelt hat – um sich danach wieder ins Bett zu legen und noch ein paar Stunden mit gutem Gewissen zu schlafen. Um diese seltene, kostbare Zeit nicht zu verpassen, versucht vor allem die Reiserin, die Rückreisen so zu buchen, dass nicht gleich am nächsten Tag Arbeitstermine und Alltagspflichten anstehen.

Der Jetlag braucht Zeit. Er erinnert uns daran, dass das Überwinden riesiger Strecken in sehr kurzer Zeit – und überhaupt Flugreisen – für uns Menschen etwas vollkommen Außerordentliches ist, wofür wir eigentlich nicht gemacht sind. Es ist eines der technischen Wunder, das wir als Menschheit vollbracht haben, dass so viele Reisende die Welt nicht nur mit eigenen Augen von oben sehen, sondern auch ihre entlegensten Winkel bequem und in kaum einem Tag besuchen – und danach ebenso rasch wieder zurückkehren – können. Es mag ein guilty pleasure sein. Aber es ist machbar.

Bald eine Woche sind wir jetzt wieder zuhause, und der Jetlag ist schon viel schwächer. Morgen oder übermorgen ist er überstanden. Dann wird die Magie dieser Zwischenzeit verflogen sein – was bleibt, sind die Erinnerungen an die Bilder, Erlebnisse, Gefühle, Eindrücke auch dieser Reise und die Dankbarkeit, dass sie uns möglich war.

Sonnenuntergang über ruhigem Meer mit mehreren Segelbooten am Horizont und orangefarbenem Himmel

Demnächst geht es hier weiter mit unseren praktischen Tipps für Baja California Sur.

Song des Tages: Jet-Lag von Elliott Murphy

Darin singt der amerikanische Singer-Songwriter von dem seltsamen Zwischenreich, wenn man im Jetlag nachts wach ist und auf diese seltsame Art Klarheiten über sein Leben gewinnt, die man sonst verschläft.

Das Live-Tagebuch unserer Reise ist hier zu finden.