Beleuchtetes Karussell mit bemalten Pferden und Sitzen, Menschen sitzen und stehen darauf, umgeben von Blumenarrangements und dekorativen Deckenmalereien

Berlin liegt im Schnee und 2026 nimmt an Fahrt auf. Hier eine Erinnerung von einem Neujahr am Comer See vor zwei Jahren und der Begegnung mit einem merkwürdigen Brauch…

Das Jahr ist noch ganz neu, noch nicht mal zwei Tage sind vergangen. Heute sind zum ersten Mal die Läden wieder geöffnet. Die Reiserin, HerrBert und drei andere Paare mit deren Teenagern verbringen den Jahreswechsel in einem Ferienhaus am Comer See. Wir beschließen, gemeinsam einen Ausflug nach Como zu machen, um ein bisschen zu schlendern und den drohenden Hüttenkoller abzuwenden. Kurz vor Einbruch der Abenddämmerung kommen wir in dem Städtchen an. Ein Teil der Gruppe geht erstmal Pizza essen. HerrBert, die Reiserin und Freundin Evelyn ziehen los durch die Altstadtgässchen von Como, um noch ein bisschen zu shoppen.

An Kirchen mangelt es nicht in Como

Es sind viele Leute unterwegs, und alles ist noch weihnachtlich beleuchtet und dekoriert. Der Jahreswechsel scheint hier allerdings keine große Rolle zu spielen, denn außer ein paar Girlanden mit „Buon Anno“ (Frohes neues Jahr) deutet kaum etwas darauf hin, dass vorgestern Silvester war und Weihnachten schon eine gute Woche zurückliegt. Die Gässchen sind hübsch dekoriert und überall hell erleuchtet. Trotzdem ernüchtert uns der Bummel mit jedem Schritt mehr.

Nach Taschen und Schuhen, und vielleicht nach Souvenirs, wollten sich die Reiserin und Evelyn umsehen. Doch die Schlüsselanhänger und Magnete, Schälchen und Untersetzerchen, die in den Schaufenstern liegen, ähneln alle irgendwie denen, die es auch schon in den vielen Souvernirshops rund um den See gab. Ganz hübsch, aber irgendwie – untypisch. Nichts, was zuhause Erinnerungen an Italien und den Comer See wecken wird.

Der Comer See zum Jahreswechsel hat eine melancholische Schönheit

Auch die Schuhe und Taschen in den Schaufenstern machen uns nicht fröhlich. „Da sind überall so viele Goldbeschläge dran“, murmelt Evelyn. Genau. Und praktisch immer hängen irgendwo Troddeln oder Schleifchen herunter. Auch nach fast einer halben Stunde hat uns noch kein Schaufenster in ein Geschäft hineingelockt und unsere Vorfreude löst sich in Ernüchterung auf. Dann entdeckt Evelyn auch noch eine Filiale von Bijou Brigitte, dem deutschen Modeschmuckparadies. Zuhause vielleicht eine Adresse für einen kleinen Belohnungskauf nach einem blöden Tag. Aber an diesem Ort ernüchtert uns das Geschäft noch mehr. Wir sind doch jetzt in Italien und hätten gerne andere Läden als zuhause in der Shoppingmall. Evelyn ist jetzt nicht mehr so sicher, ob sie nicht besser doch mit den anderen Pizza essen gegangen wäre.

Als sie gerade überlegt, den Shoppingbummel abzubrechen und sich mit dem Rest der Gruppe zusammenzutelefonieren, sehen wir die Hexe. Riesig, zottelig und auffallend abstoßend, füllt sie fast das ganze Schaufenster eines altmodischen Geschäftes, das offensichtlich auf Süßigkeiten spezialisiert ist. Zu Füßen der Hexe sind Körbe drapiert, in denen sich neben Schokolade und Bonbons etwas aufhäuft, was wie kleine, bunte Spülschwämme aussieht. „Per bambini cattivi“ steht auf einer Tafel. Für böse Kinder. Das interessiert uns jetzt doch, nichts wie rein.

Wir haben leider vergessen, die Hexe zu fotografieren…

„Also ich war ja artig“, verkündet HerrBert, und verzieht sich nach nebenan in eine kleine, dem Anschein nach sehr gut sortierte Weinhandlung, um sich einen Aperitif zu genehmigen.

Die Reiserin und Evelyn kommen in dem Süßigkeitenladen kaum voran zwischen den überquellenden Körben mit Schokoladen, Bonbons und diesen merkwürdigen Schwämmchen, zwischen denen sich die Kunden drängen. Die meisten scheinen Einheimische zu sein.

Ältere, gut gekleidete Damen füllen ihre kleinen Einkaufskörbchen und greifen auch bei den bunten Schwämmchen entschlossen zu. Eine ganze Wand hängt voller Säckchen, die ein bisschen an Nikolausstrümpfe erinnern. Im ganzen Geschäft sind kleine Hexenfiguren ausgestellt und alle sehen düster und irgendwie ähnlich aus, mit auffallend struppigen Haaren, riesiger Zahnlücke und Warze auf der Nase. „Ich glaube, ich könnte auch einen Aperitif vertragen“, murmelt Evelyn.

Bevor wir gehen, greift sich die Reiserin eine Handvoll der Schwämmchen, in rosa, gelb, hellblau, und auch pechschwarze sind darunter. Sie fühlen sich hart an und sind günstig, kaum ein Euro das Stück. „Carbone di zucchero“ steht hinten drauf. Zuckerkohle. „Wollen wir gleich einen probieren?“, fragt sie. Evelyn winkt ab. Erst Aperitif. Die Reiserin steckt die merkwürdigen Schäume in die Tasche und vergisst sie.

In Italien schmückt man zum Jahreswechsel anders als bei uns

Wochen später, der erste Monat des Jahres ist schon fast vorüber, findet sie sie, inzwischen als bröselige Krümel, in einem vergessenen Fach ihrer Tasche wieder. Jetzt will sie wissen, was es mit den bösen Kindern von Como auf sich hat. Am Abend verschickt sie eine Mail: „Liebe Evelyn, ich habe das Geheimnis der Zuckerschwämme gelöst :D“

Die Hexe hat nämlich einen Namen: La Befana. Dahinter steht ein einzigartiger italienischer Weihnachtsbrauch. In der Nacht vom 5. zum 6. Januar kommt Befana zu den italienischen Kindern. Eigentlich ist sie auf der Suche nach dem Jesuskind. Sie füllt die Schuhe und Strümpfe der Kinder mit Süßigkeiten. Dafür waren die kleinen Schoggis und Bonbons, die wir in dem Süßigkeitenladen gesehen haben. Den Kindern, die durchs Jahr böse waren, legte Befana – oder die Eltern – früher statt Süßigkeiten ein Stück Kohle in den Strumpf. „Diese Kohle wird heute aus Zucker nachgebacken“, schreibt die Reiserin an Evelyn. „Geschmeckt haben die Brocken nur hart und süß. Sie lassen sich auch ganz leicht selbst aus Wasser, Zucker, Eiweiß und Lebensmittelfarbe herstellen.“

Den bösen Kindern legte die Hexe Befana früher Kohle statt Bonbons in den Strumpf

Evelyn wäre nicht Evelyn, wenn sie nicht auch gleich über die Hexe Befana schlau gemacht hätte. Am nächsten Morgen schreibt sie zurück: „Da hat die Befana doch tatsächlich den Stern von Bethlehem verpasst, weil sie sich erst ordentlich zurecht machen musste, als die Heiligen Drei Könige sie zum Jesuskind mitnehmen wollten. Und als sie endlich losging, war der Stern erloschen. Kommt mir irgendwie bekannt vor :D. Und nun muss sie alle Kinder beschenken, in der Hoffnung, das Jesuskind zu erwischen. Da hatten es die drei Männer (Könige) natürlich leichter 😅. Interessant, dass jedes Land so andere Traditionen hat. Jetzt wissen wir auch, warum der aufgeschichtete Holzstoß, den wir am Hafen von Bellano gesehen haben, am Silvester nicht angezündet wurde. Nix Silvesterfeuer – der war fürs Befana-Fest… Befana = Epifania = das italienische Dreikönigsfest am 6. Januar. Da haben wir mal wieder schön falsch gelegen :D“

An der Abbazia Piona in Colico am Comer See

Das Befana-Fest findet immer in der Nacht vom 5. auf den 6. Januar statt und markiert das Ende der Weihnachtszeit in Italien. An vielen Ortschaften wird es mit einem öffentlichen Feuer – ähnlich wie in Deutschland das Osterfeuer – begangen. „Na siehste“, sagt HerrBert, als die Reiserin ihm davon berichtet. „Jetzt habt ihr ja doch noch einen total originalen Regionalbrauch gefunden und müsst euch nicht mehr wegen Bijou Brigitte ärgern.“ Die Reiserin stimmt zu. Noch Wochen später findet sie die komischen, bröseligen Stücke in ihrer Tasche und erinnert sich an die eitle Hexe. (Januar 2024)

Das Süßigkeitengeschäft in Como heißt Casa del Biscotto und liegt an der Via Bernardino Luini 52. Direkt daneben, an der Hausnummer 48, findet sich die Enoteca da Gigi. Hier gibt es sehr gute regionale Weine zu kaufen. An ein paar Tischchen kann man auch glasweise Wein und Prosecco probieren und dazu köstliche kleine Plättchen mit Salami, Schinken und Käse aus der Region kosten.

Ein frohes und friedliches Neues Jahr an alle!

Song des Tages: Love is the Drug vom Bryan Ferry Orchestra

Dieses Stück von ihrer Weihnachts- und Neujahrsplaylist erinnert mit seinem gedämpften Sound die Reiserin immer an die Geräusche der Straßen, wenn die Stadt, wie jetzt, unter einer Schneedecke liegt.