Schön ist es gewesen. Und drei Dinge wissen wir jetzt:
So bezaubernd diese Stadt ist – wenn man die breiten Gehsteige von Berlin gewohnt ist, nerven einen die engen Amsterdamer Trottoirs nach einer Weile. Jedenfalls ging es der Reiserin so.
Berliner Fahrradfahrer sind zahm, langsam und wenige. Jedenfalls verglichen mit denen in Amsterdam.
Und diese Stadt kann auch bei Regen Freude machen.
Song des Tages (mehr dazu am Schluss)
Am Montag war es endlich soweit und HerrBert hatte frei. Das hieß für uns: erstmal chillen. Weil es ungemütlich kalt geworden war, steuerten wir das erstbeste historisch aussehende Ecklokal in Bahnhofsnähe an, auch wenn die Reiserin eine „Touristenfalle“ vermutete. War es und auch wieder nicht. Es hieß „Karpershoek“ und soll aus dem 17. Jahrhundert stammen. Darin gab es neben Touristen auch ein paar Einheimische, außerdem waren die auf attraktive Weise vierschrötigen Kellner freundlich und eifrig, und das urige, verwinkelte Holzinterieur erschien gemütlich und interessant. Der Apfelkuchen mit Sahne, den wir uns zum Frühstück gönnten, ließ ebenfalls nichts zu wünschen übrig.



Durchs Getümmel und entlang der Grachten schlenderten wir danach zwischen kleinen Geschäften und gepflegten Häusern. „Wie kommt es, dass hier niemand etwas kaputtmacht oder vollsprayt?“, fragten wir uns. Alle paar Ecken kehrten wir auf einen Tee ein und entspannten uns sekündlich.
Zehn Fußminuten vom Bahnhof entfernt, im Viertel „Haarlemmerbuurt“, lag unsere Unterkunft: fast direkt an der „Kurzen Prinzengracht“, die nahtlos an die normale Prinsengracht anschließt. Die dazugehörige Brücke hatte den erfreulichen Namen „Eenhoornsluis“, also Einhornschleuse. Auch sie ist schon ein paar hundert Jahre alt und hat den Namen von einer gleichnamigen Brauerei, die es hier wohl früher mal gab.
In Haarlemmerbuurt bestimmt nicht die wohlhabende Stattlichkeit der Grachtenhäuser das Bild. Hier sind die Gebäude schmaler, niedriger und noch ein bisschen schiefer, die Geschäfte ein klein wenig mehr auf Alltagsbedarf und Durchschnittseinkommen ausgerichtet. Die Menschen auf der Straße wirkten auf uns mindestens zur Hälfte wie echte Einheimische.



Die Touristen – auch uns – erkannte man daran, dass sie jedesmal wieder völlig überrumpelt herumstolperten, wenn beim Versuch, die Straße zu überqueren, von beiden Seiten gleichzeitig in einem Tempo kurz vor Lichtgeschwindigkeit Velos und auch Lastenräder durchsausten – ganz klar in der Erwartung, dass die Fußgänger wissen, wann und wohin sie reaktionsschnell und entschlossen auszuweichen haben.
Den Abend versüßten wir uns mit Albert Heijn-Live-TV gucken: Direkt gegenüber von unserem Wohnzimmerfenster – das wie alle Wohnzimmerfenster in Amsterdam ohne Gardinen auskommt, weil man in alter Calvinistentradition ja schließlich nichts zu verbergen hat – befand sich eine Filiale des verbreiteten Supermarktes. Bald begannen wir, Wetten abzuschließen, wer als nächstes reingeht oder rauskommt – und zu welchem vor dem Laden angeschlossenen Fahrrad die Personen gehören.
Eine ganze Weile grübelten wir auch über das Verhalten eines unauffällig aussehenden Mannes mittleren Alters, der zum Fahrradständer geschlendert kam, eine Gruppe von ungefähr acht ineinander verkeilte Räder, die eventuell schon eine Weile dastanden, sorgfältig und ohne Hast auseinanderklamüserte, bis sie wieder frei bewegbar waren, und dann weiterlief, als sei nichts gewesen. Ein random act of kindness – ein zufälliger Akt der Nächstenliebe, wie er ja immer mal wieder von spirituellen Ratgebern für das eigene seelische Wohlbefinden empfohlen wird?

Der nächste Tag begann um Punkt 8 Uhr. Da warfen nämlich die Bauarbeiter der Nachbarschaft die Presslufthämmer und Motorsägen an. Sehr zu unserer großen Überraschung, denn davon hatte nichts im Inserat der Unterkunft gestanden. Die Besitzer wohnen selbst in dem Haus und so fanden wir zumindest raus, dass es die Bauarbeiter der Nachbarn waren. Ausrichten konnten die Vermieter, die davon auch nichts gewusst haben wollen, allerdings nichts. Vom Jammern und Klagen waren wir dann hellwach und HerrBert ein bisschen traurig. Schließlich war das sein erster freier Tag seit langem und er hatte sich aufs Ausschlafen gefreut.
Den Tag verbrachten wir mit gemäßigtem Shopping und Kultur. Für ersteres brachte uns ein Bus in die Außenbezirke. HerrBert hatte Bedarf an neuen Arbeitsschuhen und die Reiserin, der ja keine Alltäglichkeit zu abwegig ist, um sich nicht dafür zu interessieren, hatte ein Spezialgeschäft ausfindig gemacht, das genau solche Schuhe anzubieten versprach. Interessiert betrachteten wir die Wohnblöcke in der nicht mehr so stattlichen Gegend namens „De Baarsjes“ und stellten fest: Auch sie waren durchgängig aus rotem Backstein und trotz ihrer Schlichtheit irgendwie gepflegt. Keine halbe Stunde später war HerrBert nicht nur Besitzer eines neuen Paares lässig federnder Arbeitsbotten, sondern auch einer leuchtend roten Trainerjacke im coolen Retro-Stil. Die waren in dem Geschäft auch an Lager und die Reiserin quatschte sie ihm auf.

Lohnt sich nicht: Moco Museum
Jetzt machten wir uns blitzartig auf den Weg zurück in die Innenstadt. Wir hatten Zeitkarten für ein gehyptes modernes Kunstmuseum namens „Moco“. „Mal was anderes“, hatte HerrBert gehofft. Moderne Präsentation, Street Art und Größen der zeitgenössischen Kunst wie Yayoi Kusama und Keith Haring sollen in diesem Museum auf neuartige Weise ein intensiv-immersiven Erlebnis bieten. Die Schau entpuppt sich dann allerdings als eine äußerst dünn ausgestattete Sammlung von ein paar Comic- und Graffitikünstlern und dazwischen völlig nebensächliche und wohl höchstens wegen ihrer Fotogenität ausgesuchten Einzelwerken von etablierten Namen wie Tracy Emin, Jeff Coons und Basquiat, angereichert mit größeren Mengen des unvermeidlichen Banksy. „Grundkurs Kunst für die Instagram-Babys“, murmelte die Reiserin. Und dafür über 20 Euro pro Person. Dann fing es auch noch an zu regnen.
Kann man machen: Indonesische Reistafel
Jetzt war höchste Zeit für die berühmte indonesische Reistafel, die in den Niederlanden zu den kulinarischen Spezialitäten gehören soll. Zwar liegen die Wurzeln in der Kolonialzeit, als niederländische Kolonialistenfrauen die indonesischen Koch- und Essbräuche nach ihrem Geschmack europäisieren ließen. Doch die Reisspeise mit dem guten Dutzend verschiedener Beilagen aus Gemüse, Fleisch und Fisch wollte trotz dubioser Geschichte probiert werden. Routiniert und trotzdem mit Charme zauberte man im Restaurant „Sama Sebo“ die Schälchen vor uns hin und freute sich, als wir sie eine Stunde später fast ratzeputz leergefuttert hatten.

So vergingen die drei Tage in Amsterdam. Zwischendurch spazierten wir noch, bei inzwischen strömendem Dauerregen, zum berühmten Albert Cuyp-Straßenmarkt. Doch HerrBert gingen die roten Backsteinhäuser allmählich etwas auf die Nerven.

Mit dem Nachtzug nach Berlin
Nach einem letzten köstlichen Mal unweit der Schleuse nahm die Reiserin dann vorgestern ihr Gepäck und rollkofferte* von HerrBert begleitet und mit ein bisschen Abschiedsschmerz im Herzen zum Bahnhof, um nach Hause zur Arbeit zu fahren. HerrBert würde noch einen halben Tag durch Amsterdam strolchen, bevor er am nächsten Nachmittag wieder dort zu arbeiten hätte.

Um kurz nach 22 Uhr tauchte aus der staubigen Dunkelheit des Bahnhofs pünktlich ein Zug auf, der aussah, als sei er 1985 irgendwo in Osteuropa gestartet. Der Nachtzug, der als „European Sleeper“ seit einer Weile verschiedene Strecken in Europa als Schlafwagen versorgt, sollte die Reiserin schlafend nach Berlin bringen.
Ein wenig zweifelnd betrat sie die enge Dreibettkabine, auf deren oberster Liege ihr Lager war. Das letzte Mal war sie weit im letzten Jahrtausend mit einem Nachtzug durch Europa gezockelt, dem Augenschein nach hätte es aber durchaus immer noch derselbe Zug sein können. Ob sich hier schlafen lässt? Doch die beiden freundlichen Frauen, die es sich auf ihren aufgebetteten Liegen bereits bequem gemacht hatten, lächelten aufmunternd. „Ich schlafe immer nach fünf Minuten ein“, sagte die eine, eine Engländerin, die grundsätzlich nur im Schlafwagen reist, wie sie erklärte. „Der Trick ist es, eine Schlafmaske zu benutzen“, verriet die andere, eine Kroatin, die nach eigenen Angaben regelmäßig auf dieser Strecke pendelt. Und genauso war es.
European Sleeper: Super Sache
Auf die Minute pünktlich verließ der Zug den Bahnhof in Amsterdam, auf die Minute pünktlich traf er kurz nach 6 Uhr in Berlin ein, die Wagen waren angenehm warm, aber nicht zu heiß, das Zugpersonal freundlich, die Toiletten funktionierten und es gab einfach überhaupt nichts zu meckern. Nach ein paar Minuten und mit Schlafmaske ausgerüstet, schlief die Reiserin weit vor Mitternacht ein und wachte kurz vor Ankunft in Berlin zufrieden wieder auf.

Ungefähr, als sie zuhause in Berlin ihre Wohnungstür aufschloss, begann an der Einhornschleuse in Amsterdam neben HerrBerts Bett wieder der Presslufthammer zu dröhnen. Doch diesmal war er gewappnet. Heute machte er sich nochmal auf in Sachen Kunst – und er hatte Glück. Das Street Art-Gelände namens NDSM im Norden der Stadt und mit einer Fähre zu erreichen, entpuppte sich als spektakuläres Werftgelände mit unzähligen spannenden Werken. HerrBert kam gar nicht mehr raus aus dem Begeistertsein. Demnächst wird er hier vielleicht noch mehr davon berichten. Doch gerade ist dafür keine Zeit.

Unser nächstes Reiseziel!
Denn das nächste Abenteuer, auf das wir uns seit Wochen freuen, steht vor der Tür: Ein paar wenige Male müssen wir noch schlafen und dann:
Auf nach Kapstadt!
Ab nächster Woche berichten wir hier live.
Der Song des Tages heißt heute „Vang me“ von der niederländisch-indonesischen Sängerin Cherry Wijdenbosch. Die bezaubernde Disconummer von 1982 lief in dem rustikalen Café am Bahnhof und die schöne Stimme der Sängerin sowie ihr energisches „uuh aah“ zogen die Reiserin sofort in Bann.
*Das Verb „rollkoffern“ wurde von der Blogpionierin Kaltmamsell erfunden. Danke dafür!
Hinweis: Wir haben alle genannten Unternehmungen, Restaurants und Fahrten selbst bezahlt und haben keinen Vorteil von der Nennung dieser Orte und Anbieter.
